Von Redaktion

RKI: Nur etwa jedes zehnte Risikokind ist gegen Grippe geimpft

RKI-Daten zeigen: Nur rund zehn Prozent der Risikokinder sind gegen Grippe geimpft. Die unabhängige Übersicht ordnet die Empfehlung ein.

Nur etwa jedes zehnte Kind mit einer impfrelevanten Grunderkrankung war 2024/25 gegen Influenza geimpft. Das berichtet das Robert Koch-Institut in einer erstmals veröffentlichten Auswertung. Für die kommende Saison 2026/27 wären bei unveränderter Quote rund 1,1 Millionen dieser Kinder und Jugendlichen ohne Impfschutz.

Die Zahl betrifft keine allgemeine Impfempfehlung für alle Kinder. Sie betrifft eine klar definierte Risikogruppe ab sechs Monaten. Dazu zählen etwa Kinder mit chronischen Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Adipositas oder einer Immundefizienz. Für diese Gruppe empfiehlt die Ständige Impfkommission eine jährliche Grippeimpfung im Herbst oder Winter.

Die Lücke betrifft eine große Risikogruppe

Das RKI schätzt die Risikopopulation derzeit auf etwa 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche. Bei einer Impfquote von rund zehn Prozent bleibt damit der weit größere Teil ohne dokumentierte Influenzaimpfung. Die Hochrechnung für 2026/27 beschreibt deshalb eine Versorgungslücke, keine Prognose einzelner Krankheitsverläufe.

Die neue Zahl kommt kurz vor der nächsten Grippesaison. Sie macht sichtbar, wie weit die tatsächliche Inanspruchnahme von der bestehenden Empfehlung entfernt liegt. Laut RKI gab es bislang keine vergleichbaren bundesweiten Impfquoten für Kinder und Jugendliche mit solchen Grunderkrankungen.

Die Quote war nicht in allen Altersgruppen gleich. Bei 15- bis 17-Jährigen lag sie 2024/25 bei neun Prozent. In den übrigen Altersgruppen betrug sie jeweils elf Prozent. Auch zwischen den Bundesländern gab es Unterschiede: Die Werte reichten laut RKI von acht bis 16 Prozent.

Die Daten zeigen eine Inanspruchnahme, keine Wirkung der Impfung. Die Auswertung beruht auf pseudonymisierten vertragsärztlichen Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen. Das RKI führte für jede Saison von 2014/15 bis 2024/25 eine retrospektive Kohortenanalyse durch. Impfungen und Diagnosen wurden über Pseudonyme auf Individualebene zusammengeführt.

Seit 2018/19 flossen Daten aller 17 Kassenärztlichen Vereinigungen ein. Pro Saison umfasste die Analyse dann durchschnittlich 7,3 Millionen Kinder und Jugendliche. Die Studie misst damit, welcher Anteil der Kinder mit dokumentierter impfrelevanter Grunderkrankung eine abgerechnete Influenzaimpfung erhielt.

Aus solchen Abrechnungsdaten lässt sich nicht ableiten, warum Familien eine Impfung wahrnehmen oder nicht wahrnehmen. Sie zeigen auch nicht unmittelbar, wie stark eine Impfung bei einzelnen Kindern wirkt. Die Studie beschreibt eine Impfquote und ihre Entwicklung über elf Saisons.

Seit 2014/15 blieb die Quote meist niedrig

Über den gesamten Beobachtungszeitraum blieb die Impfquote laut RKI weitgehend stabil. Eine Ausnahme war die Saison 2020/21 während der COVID-19-Pandemie. Damals stieg sie vorübergehend auf 24 Prozent und fiel anschließend wieder auf das frühere Niveau.

Das Muster ähnelt den Quoten bei Erwachsenen mit Grunderkrankungen. In der Saison 2024/25 lag deren Quote bei 12,5 Prozent. Bei Menschen ab 60 Jahren betrug sie 35 Prozent. Das RKI weist darauf hin, dass auch dieser Wert deutlich unter dem Ziel der Europäischen Impfagenda liegt.

Die neue Auswertung ersetzt keine individuelle Einschätzung. Welche Diagnose eine Impfempfehlung begründet und welcher Impfstoff infrage kommt, hängt vom Alter und der gesundheitlichen Situation ab. Maßgeblich sind die aktuellen STIKO-Empfehlungen und die ärztliche Beratung.

Für welche Kinder die STIKO die Impfung empfiehlt, ist dort genauer beschrieben. Sie gilt für Personen ab sechs Monaten mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung durch bestimmte Grunderkrankungen. Genannt werden unter anderem chronische Erkrankungen der Atemwege, des Herzens, der Leber oder der Nieren. Auch Diabetes und andere Stoffwechselerkrankungen gehören dazu.

Weitere Beispiele sind Adipositas, chronische neurologische Erkrankungen sowie angeborene oder erworbene Immundefizienzen. Die Aufzählung ist eine Orientierung, keine Selbstdiagnose. Ob eine Impfindikation besteht, sollte in der Kinder- und Jugendarztpraxis geklärt werden.

Für Kinder bis neun Jahre, die erstmals gegen Influenza geimpft werden, sieht die STIKO zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen vor. Für zwei- bis 17-Jährige kann unter bestimmten Voraussetzungen auch ein nasaler Lebendimpfstoff eingesetzt werden. Die Entscheidung trifft die behandelnde Praxis anhand der jeweiligen Situation.

Was Sorgeberechtigte vor der Saison klären können

Die Auswertung gibt Eltern und Sorgeberechtigten einen konkreten Anlass für ein Gespräch in der Praxis. Wer bei seinem Kind eine chronische Erkrankung, eine Stoffwechselerkrankung oder eine Immunschwäche kennt, kann nachfragen, ob die jährliche Influenzaimpfung empfohlen ist. Der Impfpass und frühere Impfungen helfen bei der Einordnung.

Die STIKO empfiehlt die Impfung im Herbst oder Winter einmal pro Saison. Termine können vor Beginn einer stärkeren Influenzawelle sinnvoll sein. Wann die Impfung im Einzelfall passt, sollte die Praxis beantworten, besonders bei laufenden Behandlungen oder besonderen Vorerkrankungen.

Die RKI-Zahlen machen vor allem eines deutlich: Die Empfehlung erreicht viele der Kinder, für die sie gedacht ist, bislang nicht. Ein frühzeitiges Gespräch mit der behandelnden Praxis kann helfen, offene Fragen vor der Saison zu klären.

Die Angaben des RKI beziehen sich auf abgerechnete Impfleistungen. Sie erfassen damit das Versorgungsgeschehen, nicht die persönliche Entscheidung einzelner Familien. Eine niedrige Quote kann verschiedene Ursachen haben, etwa fehlende Ansprache, versäumte Termine oder Unsicherheiten über die Indikation. Die Studie untersucht diese Gründe nicht. Gerade deshalb ist die Zahl vor allem ein Anlass, die bestehende Empfehlung im Praxisalltag sichtbar zu machen.

Für die Vorbereitung auf das Gespräch genügt oft eine kurze Übersicht über bekannte Diagnosen, Medikamente und frühere Impfungen. Die Praxis kann daraus ableiten, ob eine Influenzaimpfung vorgesehen ist und ob es Besonderheiten zu beachten gibt. Die RKI-Auswertung liefert dafür keine individuelle Entscheidung. Sie zeigt jedoch, dass das Thema bei vielen Familien noch nicht angekommen sein könnte.

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