PSA-Test und Prostatakrebs: Neue Cochrane-Analyse belegt moderaten Überlebensvorteil
Eine aktualisierte Cochrane-Metaanalyse mit Daten von fast 800.000 Männern zeigt: Der PSA-Test senkt die Sterblichkeit durch Prostatakrebs moderat – und markiert damit eine Kehrtwende gegenüber der Vorgängeranalyse aus dem Jahr 2013.
Jahrelang war der PSA-Test einer der umstrittensten Bluttests in der Medizin: Er kann Anzeichen für Prostatakrebs im Blut messen, führt aber auch zu vielen unnötigen Biopsien und Behandlungen von Tumoren, die nie Probleme verursacht hätten. Jetzt liefert die bisher umfassendste Auswertung seiner Art eine überraschend klare Antwort: Der PSA-Test rettet tatsächlich Leben – wenn auch moderat. Eine aktualisierte Cochrane-Metaanalyse mit Daten von fast 800.000 Männern, geleitet von Dr. Juan Franco von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wurde im Mai 2026 im Cochrane Database of Systematic Reviews veröffentlicht und markiert eine Kehrtwende gegenüber dem letzten Cochrane-Review aus dem Jahr 2013.
Was die neue Analyse zeigt
Das internationale Forschungsteam um Dr. Juan VA Franco (HHU Düsseldorf / UKD) und Prof. Dr. Eu Chang Hwang (Chonnam National University Medical School, Südkorea) wertete sechs randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt knapp 800.000 Männern aus. Dazu zählten die drei methodisch besonders gewichtigen Studien CAP (Vereinigtes Königreich), PLCO (USA) und ERSPC (Europa), die zusammen rund 85 Prozent aller Studienteilnehmer repräsentieren, sowie erste Ergebnisse der finnischen ProScreen-Studie.
Entscheidend für die veränderten Schlussfolgerungen waren deutlich verlängerte Nachbeobachtungszeiträume: Die europäische ERSPC-Studie lieferte nun 23-Jahres-Daten, die PLCO-Studie rund 17 Jahre Follow-up. Über diese langen Zeiträume zeigt sich etwas, das kürzere Studien schlicht noch nicht sehen konnten: ein moderater, aber messbarer Überlebensvorteil für Männer, die am PSA-Screening teilnehmen.
Ein Todesfall weniger pro 1.000 gescreente Männer
Die konkreten Zahlen: Bei einem angenommenen Grundrisiko von 16 Prostatakrebs-Todesfällen pro 1.000 Männern ohne PSA-Screening sinkt die Zahl mit PSA-Screening auf 15 Todesfälle pro 1.000. Das entspricht einem verhinderten Todesfall pro 1.000 Teilnehmer – oder anders formuliert: einem verhinderten Todesfall pro etwa 500 gescreente Männer.
Gleichzeitig führte das Screening in einer der großen europäischen Studien zu rund 30 Prozent mehr Prostatakrebs-Diagnosen. Das liegt daran, dass PSA-Tests auch langsam wachsende Tumoren entdecken, die möglicherweise niemals Beschwerden verursacht hätten – das sogenannte Überdiagnose-Problem. Mehr Diagnosen bedeuten potenziell auch mehr Behandlungen mit ihren jeweiligen Nebenwirkungen: Inkontinenz, Erektionsstörungen, Strahlenfolgen.
Warum der Paradigmenwechsel gegenüber 2013?
Der letzte Cochrane-Review zum Thema, der 2013 erschien, hatte keinen signifikanten Mortalitätsvorteil durch das PSA-Screening belegen können – und wurde von vielen Fachgesellschaften als Argument gegen ein breites Screening zitiert. Die neuen Erkenntnisse erklären sich laut den Forschenden schlicht durch bessere Langzeitdaten: Ein moderater Nutzen beim Prostatakrebs-Screening braucht offenbar einen langen Beobachtungszeitraum, um sichtbar zu werden. Bei kürzeren Nachverfolgungszeiten von fünf bis zehn Jahren war dieser Effekt statistisch nicht nachweisbar.
Erstautor Dr. Franco betont dennoch die Grenzen der Interpretation: „Die Entscheidung für oder gegen ein Screening sollten der betroffene Mann und sein Arzt oder seine Ärztin immer gemeinsam treffen – mit einem guten Verständnis der möglichen Vorteile, aber auch der Risiken von Überdiagnosen und unnötigen Behandlungen." Die neue Analyse ist keine generelle Empfehlung für ein flächendeckendes Screening, sondern liefert die Datengrundlage für eine informierte, partizipative Entscheidung.
Was das für Deutschland bedeutet
In Deutschland ist die Debatte um den PSA-Test politisch aktuell. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) prüft derzeit im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), ob ein risikoadaptiertes PSA-Screening als gesetzliche Kassenleistung aufgenommen wird. Die Grundlage dafür legte bereits die 2025 neu gefasste S3-Leitlinie: Sie empfiehlt – statt der bisherigen jährlichen Tastuntersuchung – ein risikoadaptiertes Vorgehen auf Basis des PSA-Werts.
Prostatakrebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Männern in Deutschland. Jährlich erkranken hierzulande rund 65.000 Männer neu, etwa 14.000 sterben daran. Eine moderate Reduktion der Sterblichkeit durch frühzeitiges Screening könnte also in absoluten Zahlen erheblich ins Gewicht fallen – wenn die Überdiagnose-Problematik gleichzeitig beherrschbar bleibt.
Was Männer jetzt wissen sollten
Die neue Cochrane-Analyse verändert die Diskussion um den PSA-Test grundlegend: Er ist kein schlechter Test – er ist ein Test mit einem moderaten Nutzen und realen Risiken, über die es offen gesprochen werden muss. Männer ab 50 Jahren, oder ab 45 Jahren mit erhöhtem Risiko (familiäre Vorbelastung, afrikanische Herkunft), sollten das Gespräch mit ihrem Hausarzt suchen und gemeinsam abwägen, ob ein PSA-Test für sie sinnvoll ist. Entscheidend ist dabei nicht nur die Frage „Habe ich Prostatakrebs?", sondern auch: „Was würde eine Diagnose für mich bedeuten – und welche Behandlung wäre dann die richtige?"