Prävention: Warum Deutschland in Europa fast Schlusslicht ist
Deutschland belegt Platz 17 von 18 bei evidenzbasierter Prävention – das zeigt der neue DKFZ/AOK Public Health Index 2025.
Jedes Jahr sterben in Deutschland Hunderttausende Menschen an Krankheiten, die sich durch eine andere Gesundheitspolitik hätten verhindern lassen. Wie weit Deutschland bei evidenzbasierter Prävention hinter seinen europäischen Nachbarn zurückliegt, zeigt erstmals ein Ranking: der Public Health Index 2025 (PHI), veröffentlicht am 4. Dezember 2025 vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem AOK-Bundesverband. Ergebnis: Deutschland belegt Platz 17 von 18 untersuchten nord- und zentraleuropäischen Staaten – nur Österreich liegt noch hinter uns.
Was der Public Health Index misst
Der Index bewertet keine Gesundheitsergebnisse direkt, sondern den Umsetzungsstand wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen. Das Forschungsteam unter Beteiligung der Universitäten Bayreuth, Lausanne und Hamburg analysierte vier Handlungsfelder: Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Diese gelten laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) als wesentliche Risikofaktoren für vermeidbare, nicht-übertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder Adipositas.
In jedem Handlungsfeld wurden konkrete Maßnahmen bewertet – von Mindeststandards für Schulessen über Tabaksteuer-Anhebungen bis zu bewegungsförderlicher Stadtinfrastruktur. Je mehr der empfohlenen Maßnahmen ein Land umsetzt, desto höher sein Rang.
Wo Deutschland besonders schwach abschneidet
In den Bereichen Tabak, Alkohol und Ernährung landet Deutschland jeweils auf den hinteren Rängen. Bei Bewegung liegt das Land immerhin im unteren Mittelfeld. Zum Vergleich: Die Spitzenreiter Großbritannien, Finnland und Irland machen es vor, wie wirksame Verhältnisprävention aussieht. Sie erweitern rauchfreie Umgebungen, erheben Hersteller-Abgaben auf gezuckerte Getränke, schränken Alkohol-Werbung konsequent ein und schaffen sichere Infrastruktur für Alltagsbewegung.
Deutschland dagegen setzt auf Eigenverantwortung – und das, obwohl die Bevölkerung mehrheitlich anders denkt: 91 Prozent der Deutschen wünschen sich laut einer begleitenden Befragung, dass Prävention künftig eine größere Rolle im Gesundheitssystem spielen soll.
Besonders auffällig: Der gesamte DACH-Raum – Deutschland, Österreich und die Schweiz – belegt die hintersten Plätze. Alle drei Länder greifen vergleichsweise wenige der wissenschaftlichen Empfehlungen auf.
Was die Zahlen hinter dem Ranking bedeuten
Die volkswirtschaftlichen Kosten des Nichtstuns sind enorm. Der Tabakkonsum in Deutschland verursacht laut den Autorinnen und Autoren des PHI geschätzte 97 Milliarden Euro pro Jahr. Adipositas schlägt mit rund 63 Milliarden Euro zu Buche, Alkohol mit 57 Milliarden Euro. Gleichzeitig gilt: 40 Prozent aller Krebserkrankungen in Deutschland sind laut DKFZ Folge eines ungesunden Lebensstils – maßgeblich durch Tabak, Alkohol, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel.
Prof. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des DKFZ, formuliert es direkt: „Wirksame Gesundheitsprävention kann viel menschliches Leid verhindern und gleichzeitig enorme volkswirtschaftliche Kosten einsparen."
Was die Kritik der Forschenden bedeutet
Das Autorenteam übt deutliche Kritik am mangelnden politischen Willen in Deutschland. Es gebe breite gesellschaftliche Mehrheiten für Präventionsmaßnahmen, die wissenschaftliche Evidenz liege vor, und der Finanzierungsdruck auf die Sozialsysteme steige. Dennoch bleibe die sogenannte Verhältnisprävention – also Maßnahmen, die gesunde Entscheidungen erleichtern statt sie dem Einzelnen zu überlassen – in Deutschland unzureichend.
Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, fordert: „Die Politik ist gefordert, die gesunde Wahl zur einfacheren und leichteren Wahl im Alltag zu machen und systematisch gesunde Umgebungen zu schaffen."
Der nächste Public Health Index ist für 2027 geplant und soll als gesamteuropäischer Vergleich erweitert werden.
Vier Handlungsfelder im Detail
Tabak: Deutschland hat zwar das öffentliche Rauchen in Gaststätten eingeschränkt, hinkt aber bei Preiserhöhungen und Werbebeschränkungen weit hinterher. In Großbritannien und Irland sind Zigarettenpakete seit Jahren im neutralen Einheitsdesign ohne Markenlogos verfügbar – in Deutschland undenkbar. Auch E-Zigaretten-Werbung ist hierzulande kaum reguliert.
Alkohol: Deutschland ist eines der wenigen europäischen Länder ohne gesetzliche Einschränkungen bei Alkohol-Werbung im Fernsehen. Alkohol ist in Supermärkten rund um die Uhr verfügbar, Mindestpreise existieren nicht. Skandinavische Länder und Irland gehen hier mit strikteren Regelungen deutlich weiter.
Ernährung: Schulessen in Deutschland ist nicht bundesweit auf Nährwertstandards verpflichtet. Eine Steuer auf gezuckerte Getränke, wie sie Großbritannien 2018 einführte und damit den Zuckergehalt von Softdrinks messbar senkte, wurde in Deutschland bisher nicht ernsthaft verfolgt. Werbeverbote für ungesunde Lebensmittel gegenüber Kindern fehlen.
Bewegung: Hier schneidet Deutschland noch am besten ab – allerdings nur im unteren Mittelfeld. Bewegungsförderung in Schulen und am Arbeitsplatz ist vorhanden, aber wenig systematisch. Sichere Fahrradinfrastruktur in Städten bleibt regional sehr unterschiedlich.
Was das im Alltag bedeutet
Das Ranking macht sichtbar, was viele Menschen intuitiv spüren: Gesund leben ist in Deutschland oft eine Frage des persönlichen Aufwands – und selten eine Frage selbstverständlicher Rahmenbedingungen. Es gibt keine Softdrink-Steuer, die Werbung für Alkohol ist kaum eingeschränkt, und ein gesundes Mittagessen in der Schule ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Für Menschen, die ihre Gesundheit aktiv in die Hand nehmen wollen, sind digitale Angebote eine Möglichkeit, die Lücken zu schließen. Auf bestes.com findest du evidenzbasierte Gesundheitsangebote, Vorsorge-Informationen und geprüfte Gesundheits-Apps, die dich bei Prävention und einem gesunden Lebensstil unterstützen.
Häufige Fragen
Was ist der Public Health Index?
Der PHI ist ein neues Ranking-Instrument des DKFZ und des AOK-Bundesverbandes. Er bewertet, wie konsequent 18 europäische Länder wissenschaftlich empfohlene Präventionsmaßnahmen umsetzen – in den Bereichen Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Der Index soll alle zwei Jahre aktualisiert werden.
Warum liegt Deutschland fast auf dem letzten Platz?
Deutschland setzt vergleichsweise wenige der WHO-empfohlenen Maßnahmen um. Kein gesetzliches Werbeverbot für Alkohol, keine Steuer auf Zuckergetränke, wenig verbindliche Präventionsziele. Die Forschenden kritisieren mangelnden politischen Willen – obwohl es gesellschaftliche Mehrheiten für Präventionsmaßnahmen gibt.
Welche Länder machen es besser?
Großbritannien, Finnland und Irland belegen die Spitzenplätze. Sie nutzen wirtschaftliche Anreize (wie die britische Zuckersteuer), schränken Werbezeiten für Alkohol und Tabak ein und haben verbindliche Ernährungsstandards für Schulen.
Was kann ich persönlich tun?
Strukturelle Rahmenbedingungen lassen sich individuell nicht vollständig kompensieren – aber persönliche Gesundheitskompetenz macht einen Unterschied. Vorsorgeuntersuchungen, Bewegungsgewohnheiten und eine bewusste Ernährung bleiben wirksame Hebel. Informiere dich auf bestes.com über geprüfte Präventionsangebote.