Von Redaktion

Prädiabetes umkehren: Wer den Blutzucker normalisiert, halbiert sein Herzrisiko

Eine Lancet-Studie zeigt: Wer Prädiabetes durch Lebensstiländerungen umkehrt, halbiert das Risiko für Herzinfarkt und Herztod. Was das bedeutet.

Wer seinen Blutzucker im Frühstadium wieder normalisiert, halbiert sein Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben oder wegen Herzinsuffizienz ins Krankenhaus zu müssen. Das zeigt eine internationale Langzeitstudie, die im Dezember 2025 im renommierten Fachjournal The Lancet Diabetes & Endocrinology erschienen ist. Beteiligt waren Forschende des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), des Universitätsklinikums Tübingen und von Helmholtz Munich – gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus den USA und China.

Was ist Prädiabetes – und warum ist er so relevant?

Prädiabetes ist ein Zustand, bei dem der Blutzucker dauerhaft erhöht ist – aber noch nicht so stark, dass ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert werden würde. In Deutschland leben schätzungsweise zehn bis elf Millionen Menschen mit Prädiabetes, viele davon ohne es zu wissen. Bislang galt der Rat: Gewicht verlieren, mehr bewegen, gesünder essen. Was aber bisher unklar blieb: Schützen diese Lebensstiländerungen das Herz wirklich – und zwar langfristig, über Jahrzehnte?

Genau das hat die neue Auswertung erstmals beantwortet. Das Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Lebensstiländerung an sich schützt das Herz, sondern ob es gelingt, den Blutzucker dauerhaft wieder in den Normalbereich zu bringen – also eine sogenannte Remission des Prädiabetes zu erreichen.

Was die Studie zeigt: 50 Prozent weniger Herzinfarkte und Todesfälle

Die Forschenden analysierten Langzeitdaten von mehr als 2.400 Menschen mit Prädiabetes aus zwei der weltweit größten Präventionsstudien: der US-amerikanischen Diabetes Prevention Program Outcomes Study (DPPOS) mit 20 Jahren Beobachtungszeit und der chinesischen Da Qing Diabetes Prevention Outcomes Study (DaQingDPOS) mit sogar 30 Jahren. Beide Datensätze wurden unter der Leitung des Tübinger Teams harmonisiert und neu ausgewertet.

Das Ergebnis: Wer seinen Nüchtern-Blutzucker auf höchstens 97 mg/dL normalisieren konnte, hatte in beiden Studien ein um rund 50 Prozent niedrigeres Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben oder wegen Herzinsuffizienz ins Krankenhaus zu kommen. Auch die Gesamtsterblichkeit sank deutlich. Auffällig: Dieser Schutzeffekt trat unabhängig davon auf, wie viel Gewicht die Teilnehmenden verloren, welchem Alter sie angehörten oder welcher ethnischen Gruppe sie entstammten.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Remission des Prädiabetes nicht nur den Übergang zu Typ-2-Diabetes verzögert oder verhindert, sondern Menschen auch langfristig vor schwerwiegenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt – über Jahrzehnte hinweg", erklärt Professor Dr. Andreas Birkenfeld, DZD-Vorstandsmitglied und Ärztlicher Direktor der Abteilung Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen.

Eine neue vierte Säule der Herzprävention

Bisher stützt sich die kardiovaskuläre Prävention auf drei Säulen: Blutdruck senken, LDL-Cholesterin reduzieren, Rauchen aufhören. Laut den Tübinger Forschenden könnte die Blutzucker-Normalisierung bei Prädiabetes nun als vierte Säule hinzukommen. Der Schwellenwert von 97 mg/dL Nüchtern-Blutzucker ist dabei bewusst einfach gewählt: Er lässt sich mit einem handelsüblichen Blutzuckermessgerät oder im Rahmen einer regulären Vorsorgeuntersuchung bestimmen – ohne aufwendige Spezialdiagnostik.

„Wir sehen ein klares therapeutisches Fenster: Wenn der Blutzucker bereits im Prädiabetes-Stadium normalisiert wird, lässt sich das langfristige Risiko für Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und vorzeitigen Tod erheblich senken", so Professor Birkenfeld. Er fordert, Remission als primäres Behandlungsziel ausdrücklich in Leitlinien zur Diabetes- und Herz-Kreislauf-Prävention zu verankern.

Deutschland hinkt in der Prävention hinterher

Die Studie trifft in Deutschland auf einen besorgniserregenden Befund: Laut aktuellem Public Health Index belegt Deutschland unter 18 europäischen Nationen den vorletzten Platz bei der Umsetzung evidenzbasierter Präventionsmaßnahmen. Das Sterberisiko durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist in Deutschland deutlich höher als in vielen Nachbarländern. Gleichzeitig haben Millionen Deutsche erhöhte Blutzuckerwerte, wissen aber nichts davon – denn Nüchtern-Blutzucker-Tests sind nicht flächendeckend im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung verankert.

Die neuen Erkenntnisse unterstreichen das ungenutzte Potenzial frühzeitiger Prävention: Wer Prädiabetes erkennt und den Blutzucker aktiv normalisiert – durch Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und gegebenenfalls ärztliche Begleitung – kann sein Herzrisiko langfristig halbieren.

Was Betroffene jetzt wissen sollten

Wie erkenne ich, ob ich Prädiabetes habe?

Prädiabetes wird durch eine Blutuntersuchung festgestellt – entweder über den Nüchtern-Blutzucker (100–125 mg/dL) oder den HbA1c-Wert (5,7–6,4 Prozent). Die Untersuchung kann beim Hausarzt oder im Rahmen des gesetzlichen Gesundheits-Check-ups (ab 35 Jahren alle drei Jahre) erfolgen.

Was bedeutet Blutzucker-Normalisierung konkret?

In der Studie galt ein Nüchtern-Blutzucker von höchstens 97 mg/dL als Zielwert. Dieser Wert liegt unterhalb der üblichen Normalgrenze von 100 mg/dL. Erreicht wird er bei vielen Menschen durch eine Kombination aus kalorienreduzierter Ernährung, regelmäßiger Bewegung (bereits 150 Minuten moderat pro Woche zeigen Wirkung) und – falls nötig – medikamentöser Unterstützung.

Muss ich sofort abnehmen, um zu profitieren?

Die Studie zeigt, dass Gewichtsabnahme allein nicht ausreicht: Entscheidend ist, ob der Blutzucker wirklich normalisiert wird. Zwei Personen mit identischem Gewichtsverlust können völlig unterschiedliche Blutzucker-Verläufe haben. Deshalb ist regelmäßiges Monitoring wichtig – nicht nur die Waage.

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