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Von Bestes.com Redaktion
Polypharmazie: Warum zu viele Medikamente bei Älteren gefährlich werden
54% der über 65-Jährigen in Deutschland nehmen 5+ Medikamente gleichzeitig. PRISCUS 2.0 (2023): 94 Wirkstoffe mit erhöhtem Risiko bei Älteren.
In Deutschland nehmen rund 54 Prozent der Menschen über 65 Jahren fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig ein. Bei über 80-Jährigen sind es sogar 60 Prozent. Polypharmazie – die gleichzeitige Einnahme von fünf und mehr Medikamenten – ist in einer alternden Gesellschaft mit zunehmenden Mehrfacherkrankungen nahezu unvermeidlich geworden. Doch sie birgt erhebliche Risiken: Wechselwirkungen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Stürze sind die häufigsten Folgen [1].
## Was ist Polypharmazie und warum entsteht sie?
Polypharmazie entsteht, wenn Menschen mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig haben (Multimorbidität) und jede Erkrankung nach Leitlinie behandelt wird. Jemand mit Herzinsuffizienz, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Arthrose kommt schnell auf 8 bis 12 täglich einzunehmende Medikamente – jedes für sich medizinisch sinnvoll, die Kombination aber kaum systematisch geprüft [1].
Ein bekanntes Problem: Leitlinien für einzelne Erkrankungen berücksichtigen selten die Situation von Patienten mit mehreren Diagnosen. Der ältere Patient wird nach Einzelstudien behandelt, die ihn in der Regel ausgeschlossen hätten.
## Die Risiken der Polypharmazie
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) sind bei Patienten mit Polypharmazie fünfmal häufiger als bei Patienten ohne Mehrfachmedikation. Die wichtigsten Risiken:
- **Stürze und Frakturen**: Blutdruckmittel, Beruhigungsmittel, Antidepressiva und Schlafmittel erhöhen das Sturzrisiko. 30 Prozent aller Stürze bei Älteren sind medikamentös mitverursacht [2].
- **Nierenschäden**: Die Kombination aus NSAR (Ibuprofen, Diclofenac) und ACE-Hemmern oder Diuretika kann bei Dehydratation zu akutem Nierenversagen führen.
- **Blutungen**: Wechselwirkungen zwischen oralen Antikoagulanzien und NSAR oder bestimmten Antidepressiva (SSRI) erhöhen das Blutungsrisiko erheblich.
- **Kognitive Einschränkungen**: Antihistaminika, Blasenmedikamente und tricyclische Antidepressiva haben anticholinerge Wirkungen, die Gedächtnisleistung und Orientierung beeinträchtigen [1].
## Die PRISCUS-Liste: Medikamente die Ältere meiden sollten
Die deutsche **PRISCUS-Liste** (überarbeitet 2023) enthält 94 Wirkstoffe, die für Patienten über 65 als potenziell inadäquat gelten – entweder wegen erhöhtem Sturz- oder Blutungsrisiko, kognitiver Nebenwirkungen oder schlechter Verträglichkeit im Alter. Dazu gehören unter anderem:
- Langwirkende Benzodiazepine (Diazepam, Nitrazepam)
- Ältere Schlafmittel (Diphenhydramin)
- Bestimmte Herzmedikamente (Digoxin in hoher Dosis)
- Einige Schmerzmittel (Pentazocin, Indometacin) [2]
## Was hilft: der Brown Bag Review
Eine bewährte Methode, um Polypharmazie zu überprüfen, ist der **Brown Bag Review** (benannt nach der braunen Papiertüte): Der Patient bringt alle Medikamente – einschließlich rezeptfreier Mittel, Nahrungsergänzungsmittel und pflanzlicher Präparate – zu einem Termin mit dem Hausarzt. Gemeinsam wird geprüft, ob jedes Medikament noch indiziert ist und ob Wechselwirkungen bestehen [1].
Studien zeigen, dass strukturierte Medikamentenreviews bei Älteren die Anzahl der eingenommenen Medikamente im Schnitt um 1 bis 2 Wirkstoffe reduzieren und dabei die medizinische Versorgung verbessern – weil unwirksame oder gefährliche Medikamente abgesetzt werden.
## Ratschläge für Patienten und Angehörige
Wer selbst oder als pflegende Person viele Medikamente verwaltet, sollte:
1. Einen aktuellen Medikationsplan führen (in Deutschland verpflichtend ab 3 verschreibungspflichtigen Dauerpräparaten).
2. Mindestens einmal jährlich alle Medikamente mit dem Hausarzt überprüfen.
3. Keine rezeptfreien Schmerzmittel, Schlafmittel oder Nahrungsergänzungsmittel nehmen, ohne den behandelnden Arzt zu informieren.
4. Bei neuen Symptomen zuerst fragen: "Könnte das eine Nebenwirkung sein?" – bevor ein weiteres Medikament verschrieben wird [2].
Hausärzte, Geriater und klinische Pharmakologen auf bestes.com/services.
## Digitale Tools für sicheres Medikamentenmanagement
Der Bundesmedikationsplan (BMP) ist seit 2016 gesetzlich verankert: Patienten mit drei oder mehr dauerhaften verschreibungspflichtigen Medikamenten haben Anspruch auf einen standardisierten, maschinenlesbaren Medikationsplan vom Arzt. Dieser Plan enthält alle Wirkstoffe, Dosierungen und Einnahmezeiten und hilft, Wechselwirkungen zu erkennen [1].
Die elektronische Patientenakte (ePA), die seit Anfang 2025 für alle gesetzlich Versicherten in Deutschland schrittweise ausgerollt wird, soll langfristig den vollständigen Medikationsplan digital integrieren – sodass jeder behandelnde Arzt und Apotheker sofort sieht, welche Medikamente der Patient einnimmt. Das kann Wechselwirkungen und Doppelverordnungen deutlich reduzieren [2].
Bis das System vollständig läuft, gilt: Führen Sie selbst einen aktuellen Medikationsplan – inklusive rezeptfreier Mittel und Nahrungsergänzungsmittel. Apotheken können helfen, eine vollständige Medikationsliste zu erstellen und Wechselwirkungen zu prüfen. Klinische Pharmakologen und Geriater auf bestes.com/services.
Polypharmazie ist nicht nur ein deutsches Problem – sie betrifft alle westlichen Gesundheitssysteme mit alternder Bevölkerung. Studien aus Skandinavien zeigen, dass strukturierte Medikamentenreviews in der Primärversorgung – einmal jährlich beim Hausarzt – die Hospitalisierungsrate bei Patienten über 75 Jahren um 15 bis 20 Prozent senken können. Der Aufwand ist gering, der Nutzen erheblich. Geriater empfehlen: Jedes neue Symptom bei Patienten mit Polypharmazie zunächst als mögliche Arzneimittelwirkung einzuordnen, bevor ein weiteres Medikament verschrieben wird.
Wenn Sie selbst oder als Angehöriger viele Medikamente verwalten: Führen Sie eine aktuelle Medikamentenliste und legen Sie diese bei jedem Arzttermin vor – auch beim Zahnarzt und in der Notaufnahme. Viele Wechselwirkungen entstehen, weil Ärzte verschiedener Fachrichtungen nicht voneinander wissen, was der Patient einnimmt. Der Bundesmedikationsplan (BMP) löst dieses Problem strukturell – fragen Sie Ihren Hausarzt aktiv danach, falls Sie drei oder mehr Dauerpräparate nehmen.
Polypharmazie ist lösbar, wenn Ärzte und Patienten zusammenarbeiten. Studien aus Großbritannien und den Niederlanden zeigen, dass gezieltes Deprescribing – das systematische Absetzen nicht mehr indikatierter Medikamente – bei 70 bis 80 Prozent der Patienten möglich ist, ohne negative Folgen für Gesundheit oder Lebensqualität. Im Gegenteil: Viele Patienten berichten nach dem Absetzen überzähliger Medikamente von weniger Nebenwirkungen, mehr Energie und besserem Schlaf.
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**Quellen:**
[1] Holt S et al. PRISCUS 2.0 – Aktualisierte Priscus-Liste. Dtsch Arztebl Int. 2023. https://www.aerzteblatt.de/archiv/225660
[2] Thiem U et al. Polypharmazie bei älteren Menschen in Deutschland. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 2024. https://doi.org/10.1007/s00391-024