Von Redaktion

One Sleep Health: Warum Schlaf zur globalen Gesundheitspriorität werden muss

Forschende aus Jülich fordern: Schlaf ist keine Privatsache mehr – er ist eine globale Gesundheitspriorität mit Folgen für Wirtschaft, Klima und Gesellschaft.

Immer mehr Menschen schlafen schlecht – und das hat Folgen, die weit über persönliche Erschöpfung hinausgehen. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Forschungszentrums Jülich hat im Fachjournal Cell Reports Medicine ein neues Konzept vorgestellt: „One Sleep Health". Es fordert, Schlaf nicht länger als individuelles Problem zu betrachten, sondern als globale Gesundheitspriorität – vergleichbar mit Klimaschutz oder der Bekämpfung von Infektionskrankheiten.

Was bedeutet „One Sleep Health"?

Das Konzept erweitert das bekannte „One Health"-Prinzip, das die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam betrachtet. Bislang spielte Schlaf darin kaum eine Rolle. Das Forschungsteam um Dr. Masoud Tahmasian vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM-7) am Forschungszentrum Jülich schließt diese Lücke – und stellt fest: Schlafgesundheit lässt sich nicht vom Rest der Welt trennen.

„Schlaf ist keine private Nebensache, sondern eine zentrale Voraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz", sagt Tahmasian. „Unsere moderne Umwelt entfernt sich jedoch zunehmend von den biologischen Bedingungen, unter denen gesunder Schlaf möglich ist."

Die Forschenden beschreiben ein sogenanntes Exposom – also die Summe aller äußeren Einflüsse, die den Schlaf beeinflussen. Dazu gehören steigende Nachttemperaturen durch den Klimawandel, Lichtverschmutzung in Städten, Lärm, Schichtarbeit, dauerhafte digitale Erreichbarkeit und soziale Ungleichheit. Hinzu kommen Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsmangel und der Konsum von Alkohol, Tabak oder Koffein. All das macht schlechten Schlaf zu einem strukturellen, nicht zu einem rein persönlichen Problem.

Die Zahlen hinter der „stillen Epidemie"

Die Dimension ist beeindruckend: Weltweit leiden laut dem Artikel in Cell Reports Medicine schätzungsweise rund ein Drittel der Bevölkerung unter Schlafproblemen oder Schlafstörungen. Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm – in fünf Industrieländern wurden jährliche Schäden durch schlechten Schlaf auf bis zu 680 Milliarden US-Dollar beziffert. Krankheitsausfälle, sinkende Produktivität und höhere Gesundheitskosten summieren sich zu einer Last, die ganze Volkswirtschaften spüren.

Noch alarmierender: Wenn der Klimawandel so weitergeht wie bisher, könnten Menschen bis zum Ende des Jahrhunderts durch steigende Nachttemperaturen jährlich 50 bis 58 Stunden Schlaf verlieren – das entspricht etwa einer Stunde pro Woche. Klimawandel und Schlafgesundheit sind damit direkt miteinander verknüpft.

Auch in Deutschland sind die Zahlen eindeutig. Schlafmangel steht in direktem Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Depressionen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer. Laut dem Forschungszentrum Jülich ist die europäische Schlafepidemie längst eine stille Krise – eine, die in der Gesundheitspolitik bislang kaum Beachtung findet.

Schlaf als gesellschaftliches Kapital

Das Forschungsteam verwendet einen Begriff, der aufhorchen lässt: „Sleep Capital". Gemeint ist das gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Potenzial, das guter Schlaf freisetzen kann. Guter Schlaf ist demnach nicht nur etwas Angenehmes – er ist eine gesellschaftliche Ressource, die aktiv geschützt werden muss.

Interessant dabei: Das Konzept schließt ausdrücklich auch die Tiergesundheit ein. Viele Faktoren, die Menschen nachts wachhalten – künstliches Licht, Lärm, Hitze – beeinflussen auch die biologischen Rhythmen von Wildtieren. Gestörte Schlaf- und Aktivitätsmuster in der Tierwelt können wiederum ganze Ökosysteme beeinflussen. „One Sleep Health" denkt damit konsequent systemisch.

Was muss sich ändern – und was können wir selbst tun?

Die Forschenden fordern konkrete politische Maßnahmen: bessere Schlafaufklärung in Schulen, schlaffreundlichere Arbeitszeiten, weniger Lichtverschmutzung in Städten sowie internationale Programme zur Förderung der Schlafgesundheit. Auch Stadtplanung und Arbeitspolitik müssten Schlaf stärker berücksichtigen. Das Forschungsteam fordert zudem mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurowissenschaften, Medizin, Umweltforschung, Psychologie und Veterinärwissenschaften.

Für Einzelpersonen bleibt die Botschaft aus Jahrzehnten Schlafforschung gültig: Regelmäßige Schlafzeiten, Dunkelheit und Stille im Schlafzimmer, kein helles Bildschirmlicht kurz vor dem Einschlafen und ausreichend Bewegung tagsüber helfen, die Schlafqualität messbar zu verbessern. Wer seinen Schlaf verstehen oder aktiv verbessern möchte, findet in der Bestes-Datenbank eine Übersicht über geprüfte Schlaf-Apps und Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) für Schlafstörungen – darunter Apps für Schlaftracking, Entspannungsübungen und therapeutische Begleitung.

Ein Paradigmenwechsel in der Schlafforschung

„One Sleep Health" ist mehr als ein neues Schlagwort. Es markiert einen Paradigmenwechsel: Schlafgesundheit soll künftig ganzheitlich gedacht werden – nicht als persönliches Versagen oder medizinisches Randthema, sondern als strukturelle gesellschaftliche Frage. Das Forschungszentrum Jülich macht damit deutlich: Wer Schlaf verbessern will, muss Städte, Arbeitswelten und Klimapolitik mitdenken.

„Wir brauchen eine globale Perspektive auf Schlafgesundheit", sagt Tahmasian. „Denn guter Schlaf entsteht nicht nur im Schlafzimmer, sondern wird auch durch unsere Städte, unsere Arbeitswelt und unsere Umwelt geprägt – und damit durch politische Entscheidungen."

Die Ergebnisse passen zu einem breiteren Trend: Laut dem ResMed Global Sleep Survey 2026 nennen 59 Prozent der Deutschen Schlaf den wichtigsten Gesundheitsfaktor, noch vor Ernaehrung und Sport. Trotzdem fuehlt sich mehr als die Haelfte nur an maximal vier Tagen pro Woche erholt. Das zeigt: Das Bewusstsein ist da, die Umsetzung fehlt. Wenn selbst motivierte Menschen nicht besser schlafen, liegt das selten nur an schlechten Gewohnheiten, sondern auch an den aeusseren Bedingungen, die One Sleep Health in den Mittelpunkt rueckt.

Ob diese Forderung Gehör findet, bleibt abzuwarten. Die Evidenz jedenfalls ist eindeutig: Schlechter Schlaf kostet uns alle – als Einzelne, als Gesellschaft und als Planet.

Die Bestes-App

Gesundheit, die kostenlos in deiner Tasche ist.

Quiz, Vorsorge, KI-Coach und mehr — für dich und deine Familie. Jetzt im App Store und bei Google Play.