Von Redaktion

Schlaf ist kein privates Problem: Forscher fordern globale Schlafstrategie

Jülicher Forscher fordern Schlaf als globale Priorität: 680 Mrd. USD Schaden, 50–58h Schlafverlust durch Klimawandel bis 2100.

Wer schlecht schläft, gilt oft als selbst schuld – zu viel Koffein, zu viel Bildschirm, schlechte Disziplin. Diese Sichtweise ist falsch, sagen Forschende des Forschungszentrums Jülich. In einem im Juni 2026 im Fachjournal Cell Reports Medicine veröffentlichten Perspektiv-Artikel schlagen sie ein radikal neues Konzept vor: „One Sleep Health". Danach ist Schlafmangel keine individuelle Schwäche, sondern ein globales Gesundheitsproblem – verursacht durch Klimawandel, Lichtverschmutzung, Schichtarbeit und ständige digitale Erreichbarkeit.

Eine „stille Epidemie" – ein Drittel der Welt schläft schlecht

Rund ein Drittel der Weltbevölkerung leidet laut dem Artikel in Cell Reports Medicine unter Schlafproblemen oder Schlafstörungen. In Deutschland sind nach einer für das Forschungszentrum Jülich ausgewerteten Analyse rund 35,5 Prozent der Erwachsenen betroffen. Die Folgen reichen weit über Tagesmüdigkeit hinaus: Schlechter Schlaf wird wissenschaftlich mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Depressionen, Angststörungen, chronischen Entzündungen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer in Verbindung gebracht.

„Schlaf ist keine private Nebensache, sondern eine zentrale Voraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz", sagt Dr. Masoud Tahmasian, Erstautor und Teamleiter am Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM-7) am Forschungszentrum Jülich. „Unsere moderne Umwelt entfernt sich jedoch zunehmend von den biologischen Bedingungen, unter denen gesunder Schlaf möglich ist."

Das ist keine Kleinigkeit: Wer dauerhaft unter sieben Stunden pro Nacht schläft, hat nach aktuellen Studien ein deutlich erhöhtes Risiko für Übergewicht, Herzprobleme und psychische Erkrankungen. Die American Academy of Sleep Medicine empfiehlt Erwachsenen mindestens sieben Stunden Schlaf pro Nacht als Untergrenze – nicht als Optimum.

Klimawandel, Lärm, Dauerstress: Das Exposom hält uns wach

Die Forschenden beschreiben eine Vielzahl von Einflüssen, die zusammen das Schlafen schwerer machen – das sogenannte „Exposom". Es umfasst drei Bereiche:

Das physische Exposom enthält steigende Nachttemperaturen durch den Klimawandel, Licht- und Lärmverschmutzung in Städten sowie schlechte Luftqualität. Laut der Studie, die verschiedene Klimamodelle auswertet, könnten Menschen bis Ende des Jahrhunderts jährlich 50 bis 58 Stunden Schlaf verlieren – allein durch wärmere Nächte.

Das soziale Exposom umfasst Schichtarbeit, Jet-Lag durch Reisen, ständige Erreichbarkeit über Smartphones und soziale Ungleichheit. Wer in beengten Verhältnissen lebt, schläft nachweislich schlechter. Wer Nachtschicht arbeitet, kämpft dauerhaft gegen die eigene innere Uhr.

Das Lebensstil-Exposom betrifft Stress, Bewegungsmangel, ungünstige Ernährung sowie Alkohol, Tabak und Koffein. Auch künstliches Licht am Abend – vor allem blaues Licht von Bildschirmen – verschiebt die innere Uhr und verzögert den Schlafbeginn. Das gilt für Kinder und Jugendliche besonders: Smartphones im Schlafzimmer verkürzen die Schlafdauer um durchschnittlich 20 bis 60 Minuten pro Nacht, wie Erhebungen zeigen.

680 Milliarden Dollar – der wirtschaftliche Preis schlechten Schlafs

Schlechter Schlaf ist auch ein wirtschaftlicher Faktor. Eine im Artikel zitierte internationale Analyse beziffert den Schaden durch Schlafmangel in fünf führenden Industrieländern auf bis zu 680 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Dazu zählen Krankheitsausfälle, sinkende Produktivität am Arbeitsplatz und höhere Kosten für Gesundheitssysteme.

Die Forschenden sprechen deshalb von „Sleep Capital" – dem gesellschaftlichen Kapital, das durch ausreichenden und qualitativ guten Schlaf entsteht: gesündere Menschen, weniger Fehltage, geringere Behandlungskosten und eine leistungsfähigere Gesellschaft insgesamt. Guter Schlaf ist demnach nicht nur gut für den Einzelnen, sondern für alle.

Was du konkret tun kannst

Auch wenn viele Schlaffaktoren struktureller Natur sind – Lärm in der Stadt, steigende Temperaturen, Schichtpläne –, gibt es persönliche Stellschrauben, die Schlafforschende empfehlen:

Konsistente Schlafzeiten sind der wichtigste Hebel. Wer täglich zur gleichen Zeit schläft und aufwacht, stabilisiert die innere Uhr nachhaltig – auch am Wochenende. Ausschlafen am Samstag klingt verführerisch, verschiebt aber die Uhr und erschwert das Einschlafen am Sonntagabend.

Kühles Schlafzimmer: Die ideale Schlaftemperatur liegt nach Empfehlung der Schlafmedizin zwischen 16 und 19 Grad Celsius. Ein zu warmes Zimmer verlängert die Einschlafzeit und reduziert den erholsamen Tiefschlaf.

Bildschirmpause vor dem Schlafen: Mindestens 30 Minuten ohne Smartphone, Tablet oder Laptop vor dem Schlafengehen können helfen, den natürlichen Melatonin-Anstieg nicht zu blockieren.

Bewegung – aber nicht zu spät: Körperliche Aktivität tagsüber verbessert die Schlafqualität messbar. Intensive Einheiten kurz vor dem Schlafengehen können jedoch das Einschlafen erschweren, da Pulsrate und Körpertemperatur erhöht bleiben.

Wer mehr tun möchte, findet auf Bestes einen umfassenden Überblick über Schlaf-Apps und digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), die bei Schlafproblemen helfen können – darunter auch Angebote mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen, die von Krankenkassen erstattet werden. Alle Schlaf-Apps im Überblick auf Bestes.

Schlaf in die Politik – das Konzept „One Sleep Health"

Das Forschungsteam plädiert nicht nur für persönliche Verhaltensänderungen. Es fordert die strukturelle Verankerung von Schlafgesundheit in Gesundheitsstrategien, Bildung, Arbeitswelt und Stadtplanung. Konkret schlagen die Forschenden schlaffreundlichere Arbeitszeiten, weniger Licht- und Lärmverschmutzung in Städten sowie internationale Programme zur Schlafgesundheit vor.

Der Begriff „One Sleep Health" greift dabei bewusst das bekannte „One Health"-Prinzip auf, das Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam betrachtet. Die Erweiterung um Schlaf ist neu: Faktoren, die Menschen nachts wachhalten – Hitze, Lärm, Licht –, beeinflussen auch biologische Rhythmen von Tieren und damit ganze Ökosysteme. Der Ansatz verbindet Neurowissenschaften, Medizin, Umweltforschung, Psychologie, Epidemiologie und Veterinärwissenschaften.

Die Botschaft der Forschenden ist eindeutig: Guter Schlaf entsteht nicht nur im Schlafzimmer. Er wird auch durch unsere Städte, unsere Arbeitswelt und unsere Umwelt geprägt – und damit durch politische Entscheidungen. Wer schlechten Schlaf als individuelle Schwäche abtut, verkennt die Größe des Problems.

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