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Von Bestes.com Redaktion
Nahrungsmittelallergien auf dem Vormarsch: Neue Diagnostik und orale Immuntherapie
Nahrungsmittelallergien 4× häufiger als vor 30 Jahren. Orale Immuntherapie (Palforzia), neue Diagnostik und was wirklich in der Prävention hilft.
Die Prävalenz von Nahrungsmittelallergien hat sich in den letzten dreißig Jahren in industrialisierten Ländern vervierfacht. In Deutschland leiden schätzungsweise 4–8% der Kinder und 2–4% der Erwachsenen an klinisch relevanten Nahrungsmittelallergien [1]. Die häufigsten Auslöser: Kuhmilch, Hühnerei, Erdnüsse, Schalenfrüchte (Nüsse), Weizen, Soja, Fisch und Meeresfrüchte.
## Allergie, Unverträglichkeit oder Intoleranz – was ist was?
Die Begriffe werden oft durcheinandergebracht:
**Nahrungsmittelallergie:** Immunologische Reaktion (IgE-vermittelt oder nicht). Kann bei kleinen Mengen Symptome auslösen. In schweren Fällen: anaphylaktischer Schock (lebensbedrohlich).
**Nahrungsmittelintoleranz:** Nicht immunologisch. Enzyme oder Transporter fehlen (z.B. Laktasemangel = Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption). Keine lebensbedrohliche Reaktion, aber Verdauungsbeschwerden.
**Zöliakie:** Autoimmunerkrankung gegen Gluten. Nicht klassische Allergie, aber schwere Dünndarmschädigung möglich. Strikt glutenfreie Diät lebenslang nötig.
In der Praxis sind Selbstdiagnosen häufig falsch. Studien zeigen: Nur etwa 20% der Menschen, die glauben, eine Nahrungsmittelallergie zu haben, haben tatsächlich eine [2].
## Diagnose: Warum Selbsttests oft unzuverlässig sind
Das Internet ist voll von Selbsttest-Kits, die Nahrungsmittelallergien "diagnostizieren" sollen. Das Problem: Die meisten Tests messen IgG-Antikörper gegen Nahrungsmittel. IgG ist eine normale Reaktion des Immunsystems auf Nahrungsmittel und kein Zeichen einer Allergie. Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie (DGAKI) rät ausdrücklich von diesen Tests ab [1].
Seriöse Allergiediagnostik beim Arzt:
– Ausführliche Anamnese (Was, wann, wie viel, welche Symptome?)
– Haut-Prick-Test auf die häufigsten Allergene
– Spezifisches IgE im Blut (RAST)
– Oraler Provokationstest als Goldstandard (nur unter ärztlicher Aufsicht!)
Komponentendiagnostik (molekulare Allergiediagnostik) ist ein neuerer Ansatz: Hier werden nicht ganze Extrakte, sondern einzelne Proteine gemessen. Das ermöglicht präzisere Aussagen über Kreuzallergien und das Anaphylaxie-Risiko.
## Orale Immuntherapie: Desensibilisierung gegen Erdnüsse & Co.
Seit 2020 ist Palforzia (gereinigtes Erdnusspulver) in Europa zugelassen – die erste kausal therapierende Behandlung für Erdnussallergien bei Kindern [1]. Das Prinzip: Kontrollierte, täglich steigende Dosen Erdnussprotein trainieren das Immunsystem, die Reaktionsschwelle zu erhöhen.
Ergebnis: In Studien waren nach der Therapie rund 67% der Kinder in der Lage, die Menge Erdnuss zu vertragen, die einem halben Erdnusskern entspricht – genug, um versehentliche Exposition zu tolerieren. Eine vollständige Heilung ist das nicht, aber ein lebenslanger Schutz vor schwerem anaphylaktischem Schock.
Vergleichbare orale Immuntherapien werden für Milch- und Eiweißallergien in klinischen Studien erprobt. Die Desensibilisierung mit Hausstaubmilbenextrakten (Hyposensibilisierung, spezifische Immuntherapie) ist bei Atemwegsallergien schon länger Standard.
## Prävention: Was in der Kindheit entscheidet
Neue Erkenntnisse aus der LEAP-Studie (Learning Early About Peanut Allergy) revolutionierten die Ernährungsempfehlungen für Säuglinge [2]. Frühere Empfehlung: Allergene (Erdnüsse, Eier) meiden in der Schwangerschaft und bei Säuglingen. Neue Empfehlung: Frühzeitige Exposition (ab 4–6 Monaten) senkt das Allergierisiko erheblich.
Die DGAKI empfiehlt seit 2024: Erdnüsse und Eier sollten im ersten Lebensjahr aktiv eingeführt werden – auch bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko (Neurodermitis, familiäre Allergieanamnese). Nur unter Aufsicht des Kinderarztes, aber keine prophylaktische Vermeidung.
Für Betroffene mit bekannter Allergie ist das Tragen von Adrenalin-Autoinjektoren (EpiPen, Jext) bei schwerem Verlauf lebensrettend. Der Arzt entscheidet, ob ein Notfallset verschrieben wird. Schulungen für Betroffene, Eltern und Bezugspersonen reduzieren die Sterblichkeit bei Anaphylaxie erheblich.
## Ernährungsmanagement bei Nahrungsmittelallergien – Alltag und Reise
Mit einer diagnostizierten Nahrungsmittelallergie ist Alltagsmanagement das Wichtigste. Praktische Tipps:
**Etiketten lesen:** EU-weit müssen 14 Hauptallergene (darunter Erdnüsse, Nüsse, Gluten, Milch, Eier, Fisch, Sellerie, Soja) auf Lebensmittelverpackungen klar deklariert werden. "Kann Spuren von..." ist ein freiwilliger Hinweis – bei schwerer Allergie sollte er beachtet werden.
**Beim Essen gehen:** Restaurants sind in der EU verpflichtet, auf Allergene hinzuweisen. Fragen Sie aktiv nach – Kreuzkontamination in der Küche ist häufig. Bei schwerer Allergie: Vorab anrufen oder schriftlich anfragen.
**Reisen:** Allergiekarte in der Sprache des Reiselandes mitnehmen. Selbst mitgebrachte sichere Snacks für den Notfall. In der Airline bei der Buchung auf allergiefreie Menüs hinweisen.
**Anaphylaxie-Notfallplan:** Bei bekannter schwerer Allergie sollte ein schriftlicher Notfallplan vorliegen – für Kita, Schule, Arbeitgeber. Wann Antihistaminikum reicht, wann Adrenalin-Autoinjektor gezogen wird.
Neue Diagnostik 2025: Basophilen-Aktivierungstest (BAT) kann die Stärke einer Allergie vorhersagen – hilft dabei zu entscheiden, ob eine Desensibilisierung sinnvoll ist.
Orale Immuntherapie (OIT) als neue Behandlungsoption: Bei Kindern mit Erdnussallergie ist eine orale Desensibilisierung inzwischen in Europa zugelassen (Palforzia). Das Behandlungsziel ist keine vollständige Heilung, sondern eine Toleranzschwelle: Kleine versehentliche Mengen des Allergens lösen keine schwere Reaktion mehr aus. Auch bei Milch- und Weizenallergie laufen klinische Studien. Betroffene Familien sollten mit einem allergologisch spezialisierten Zentrum über diese Option sprechen.
## Häufige Fragen
**Kann sich eine Nahrungsmittelallergie im Erwachsenenalter plötzlich entwickeln?**
Ja. Besonders Allergien auf Meeresfrüchte und Schalenfrüchte treten oft erstmals im Erwachsenenalter auf.
**Wächst sich eine Allergie aus?**
Milch- und Eiallergie verschwinden bei vielen Kindern bis zur Pubertät. Erdnuss-, Nuss- und Schalentierallergien sind dagegen oft lebenslang.
**Muss ich bei Unverträglichkeit immer alles meiden?**
Bei echten Allergien: ja (strikt). Bei Intoleranzen wie Laktoseintoleranz: individuelle Schwelle testen, oft sind kleine Mengen verträglich.
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**Quellen:**
[1] DGAKI. Leitlinie Nahrungsmittelallergien. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/061-021.html
[2] Du Toit G et al. "Randomized Trial of Peanut Consumption in Infants at Risk for Peanut Allergy (LEAP)." NEJM. 2015. doi:10.1056/NEJMoa1414850
[3] Muraro A et al. "EAACI Food Allergy and Anaphylaxis Guidelines." Allergy. 2014. doi:10.1111/all.12429