Pharma
Von Bestes.com Redaktion
Multiple Sklerose 2026: BTK-Hemmer kurz vor EU-Zulassung – ein Durchbruch für progressive Verläufe
BTK-Hemmer Tolebrutinib steht 2026 vor EU-Zulassung – erstmals wirksam bei progredienter MS. HE-DMTs, Diagnostik, Symptomtherapie & Versorgung im Überblick.
Für rund 250.000 Multiple-Sklerose-Betroffene in Deutschland könnte 2026 ein wichtiges Jahr werden: Mit Tolebrutinib steht erstmals ein Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTK-Hemmer) vor der EU-Zulassung, der nicht nur entzündliche Schübe, sondern auch die schubunabhängige Progression bei sekundär progredienter MS bremsen soll. Obwohl die US-Arzneimittelbehörde FDA den Zulassungsantrag im Dezember 2025 abgelehnt hat, empfiehlt die Europäische Arzneimittelagentur EMA eine Zulassung – eine Entscheidung wird für das erste Halbjahr 2026 erwartet.
## Was ist Multiple Sklerose – und wen betrifft sie?
Multiple Sklerose ist die häufigste entzündlich-demyelinisierende Erkrankung des zentralen Nervensystems und gilt als häufigste neurologisch bedingte Behinderungsursache bei jungen Erwachsenen in westlichen Ländern. In Deutschland sind rund 250.000 Menschen betroffen, Frauen zwei- bis dreimal häufiger als Männer. Der typische Erkrankungsbeginn liegt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.
Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden an – die isolierende Schutzschicht der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark. Es entstehen entzündliche Herde (Plaques), die die Nervenleitung stören oder unterbrechen. Typische Erstsymptome sind Sehstörungen (Optikusneuritis), Kribbeln und Taubheitsgefühl, Gangstörungen, Fatigue und kognitive Einschränkungen. Bei 85 Prozent der Betroffenen beginnt die Erkrankung schubförmig-remittierend (RRMS); viele entwickeln später eine sekundär progrediente MS (SPMS), bei der die Behinderung unabhängig von Schüben zunimmt.
Die Diagnose erfolgt nach den McDonald-Kriterien (2017) durch MRT (T1/T2/FLAIR), evozierte Potenziale und Liquordiagnostik. Oligoklonale Banden im Liquor sind bei rund 95 Prozent der RRMS-Patienten nachweisbar.
## Therapieparadigma: „Hit hard, hit early"
Lange galt das Eskalationsprinzip: Erst Basistherapie, bei Versagen Hocheffizienzbehandlung. Praxisnahe Studien, darunter Real-World-Daten vom ECTRIMS-Kongress 2025, belegen inzwischen überzeugend, dass eine frühe hocheffiziente Immuntherapie die Schubrate stärker senkt, Behinderungsprogression verlangsamt und im Langzeitverlauf bessere kognitive Ergebnisse liefert als ein abwartender Stufenansatz. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) empfiehlt, bei Diagnosestellung individuell zu prüfen, ob sofort eine hochwirksame Substanz begonnen werden sollte.
„Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann wir hochwirksam behandeln", erklärte Prof. Heinz Wiendl, Sprecher des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS), auf dem ECTRIMS 2025.
## Hocheffiziente Disease-Modifying Therapies (HE-DMTs)
Die aktuell zugelassenen HE-DMTs unterscheiden sich in Wirkmechanismus, Sicherheitsprofil und Verabreichungsweg:
**Anti-CD20-Antikörper** sind derzeit die meistgewählte Klasse:
- Ocrelizumab (Ocrevus, Roche): intravenös alle sechs Monate, zugelassen für RRMS und primär progrediente MS (PPMS). Eine auf dem ECTRIMS 2025 präsentierte Dosierungsstudie bestätigt: 600 mg alle sechs Monate bleibt die optimale Dosierung – höhere Dosen zeigen keinen zusätzlichen Nutzen [1].
- Ofatumumab (Kesimpta, Novartis): subkutane Selbstinjektion monatlich, ähnliche Wirksamkeit wie Ocrelizumab in der ASCLEPIOS-Studie.
- Ublituximab (Briumvi, Neurobiological Technologies): neu in der EU, kürzeres Infusionsprotokoll (60 Minuten).
**Weitere HE-Substanzen:**
- Natalizumab (Tysabri, Biogen): intravenös monatlich oder subkutan alle vier Wochen, etwa 68 Prozent Schubreduktion. Verlängertes Dosierungsintervall (EID) senkt PML-Risiko.
- Cladribin (Mavenclad, Merck): orale Kurztherapie (20 Tage über zwei Jahre), dann keine weitere Behandlung nötig.
- Alemtuzumab (Lemtrada, Sanofi): hocheffektiv, aber ausgeprägte Nebenwirkungen; nach EU-Einschränkung nur noch bei aktiver RRMS nach Versagen anderer DMTs.
## BTK-Hemmer: Die neue Klasse für progressive MS
Bisherige DMTs wirken hauptsächlich peripher – sie reduzieren das Eindringen von Immunzellen ins ZNS. BTK-Hemmer wie Tolebrutinib und Fenebrutinib greifen auch zentral an: Sie hemmen BTK in Mikrogliazellen und residenten Immunzellen des Gehirns, die an der schubunabhängigen Progression beteiligt sind.
In der Phase-III-Studie HERCULES verlangsamte Tolebrutinib (Sanofi) die bestätigte Behinderungsprogression bei nicht aktiver SPMS um 31 Prozent gegenüber Placebo – ein bis dahin nicht erreichter Endpunkt für diese Verlaufsform [2]. Fenebrutinib (Roche) erreichte in Phase-III-Studien bei RRMS seine primären Endpunkte.
Die EMA bewertet Tolebrutinib positiv; eine EU-Zulassung wird im ersten Halbjahr 2026 erwartet. Die FDA hatte den Antrag im Dezember 2025 mit dem Hinweis abgelehnt, dass zusätzliche Sicherheitsdaten (Leberenzym-Monitoring) benötigt werden – ein regulatorischer Unterschied im Risiko-Nutzen-Kalkül, kein Wirksamkeitsproblem.
## Schwangerschaft und MS: Neue EMA-Regelung
Die EMA hat die empfohlene Wartezeit nach der letzten Ocrelizumab-Infusion bis zu einer geplanten Schwangerschaft von zwölf auf vier Monate verkürzt. Auf dem ECTRIMS 2025 wurden umfangreiche Daten zum DMT-Management in der Schwangerschaft präsentiert, die zeigen: Das Risiko eines Schubs im ersten Trimester steigt bei Therapiepause deutlich – eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung ist mit dem Neurologen essenziell.
## Symptomtherapie und Neurorehabilitation
Neben DMTs bleibt die symptomatische Behandlung zentral:
- **Fatigue** (häufigste und belastendste Symptom): Amantadin, Modafinil/Methylphenidat (off-label), aerobe Ausdauerbelastung (Evidenz Klasse I).
- **Spastik**: Baclofen oral oder intrathekal, Tizanidin, Nabiximols (Sativex) als Cannabinoid-Spray bei unzureichendem Ansprechen auf Erstlinientherapie.
- **Blasendysfunktion**: Oxybutynin, Solifenacin, bei Detrusorhyperaktivität Botulinum-Toxin; urodynamische Diagnostik empfohlen.
- **Depression**: SSRI (Sertralin, Escitalopram), psychotherapeutische Begleitung.
Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie verbessern Funktionserhalt und Lebensqualität messbar. Das KKNMS-Netzwerk mit über 170 MS-Zentren in Deutschland bietet flächendeckende Spezialistenversorgung.
## Versorgung und Selbsthilfe
Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) bietet über 900 Selbsthilfegruppen bundesweit, sozialrechtliche Beratung und Peer-Support. Eine frühzeitige Anbindung an ein MS-Zentrum mit multidisziplinärem Team ist prognostisch entscheidend.
Auf bestes.com finden Sie geprüfte Gesundheits-Apps für Symptom-Tracking, Therapie-Adhärenz und die Suche nach MS-Spezialisten in Ihrer Region.
---
**Quellen:**
- [1] ECTRIMS 2025: Real-World-Daten zur HE-DMT und Dosierungsstudie Ocrelizumab; https://ms-perspektive.de/337-rwd-ectrims-2025/
- [2] Sanofi HERCULES Phase-III-Studie Tolebrutinib bei SPMS; Pressemitteilung Sanofi 2024
- Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): Therapieübersicht; https://www.dmsg.de/multiple-sklerose/
- KKNMS MS-Leitlinie 2023 (Diagnose + Therapie); https://www.kknms.de
- EAN/ECTRIMS Leitlinien 2023 zur Behandlung schubförmiger MS