Von Redaktion

Lungenentzündung erhöht Demenz- und Herzinfarkt-Risiko langfristig

Wer eine Lungenentzündung überstanden hat, trägt laut Forschern der Charité noch Jahre später ein um 60 % höheres Risiko für Herzinfarkt und Demenz.

Eine Lungenentzündung gilt als akute, behandelbare Erkrankung – und ist nach der Genesung meist vergessen. Doch ein Forschungsteam präsentierte auf dem 17. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin alarmierende Zahlen: Wer eine ambulant erworbene Lungenentzündung durchgemacht hat, trägt ein um rund 60 Prozent erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz. Und dieser Effekt bleibt laut dem Charité-Forscher David Hillus, der die Daten auf dem Berliner Kongress vorstellte, selbst Jahre nach der Infektion messbar.

Was eine Lungenentzündung im Körper auslöst

Eine Lungenentzündung – medizinisch Pneumonie – entsteht, wenn Viren, Bakterien oder Pilze die Lunge befallen und eine starke Entzündungsreaktion auslösen. Die sogenannte ambulant erworbene Pneumonie, kurz CAP, entwickelt sich außerhalb von Krankenhäusern und ist in Deutschland eine der häufigsten schweren Infektionskrankheiten bei Erwachsenen. Rund 400.000 bis 600.000 Menschen erkranken hierzulande jährlich an ihr, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie.

Bisher galt die Aufmerksamkeit vor allem der akuten Phase: Antibiotika, Sauerstoff, Bettruhe. Dass die Infektion aber langfristige Spuren im Herz-Kreislauf-System und im Gehirn hinterlässt, war bis vor Kurzem wenig bekannt. Die neue Kohortenstudie liefert nun ein klares Bild: Die Entzündung während der Pneumonie scheint Prozesse in Gang zu setzen, die das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und neurodegenerative Erkrankungen dauerhaft erhöhen – also Erkrankungen, bei denen Nervenzellen im Gehirn nach und nach absterben.

Wie stark das Risiko steigt – und warum

Das Forschungsteam rund um David Hillus von der Charité Berlin untersuchte in einer Kohortenstudie, wie es Lungenentzündungs-Patienten in den Jahren nach ihrer Erkrankung erging. Das Ergebnis: Das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz lag im Vergleich zu Menschen ohne Pneumonie in der Vorgeschichte um rund 60 Prozent höher.

Forscher gehen davon aus, dass während der heftigen Immunreaktion kleine Blutgefäße geschädigt werden. Entzündungsmarker im Blut bleiben erhöht, was sowohl Gefäßverkalkungen als auch neurodegenerative Prozesse beschleunigen kann. Das Gehirn reagiert auf solche anhaltenden Entzündungssignale besonders empfindlich – Nervenzellen können dabei dauerhaft Schaden nehmen. Dieser Mechanismus erklärt, warum das erhöhte Risiko noch Jahre nach der eigentlichen Infektion messbar ist und nicht nur in den Wochen direkt danach.

Dieses Bild wird durch weitere Forschung bestätigt. Eine 2025 in BMC Infectious Diseases veröffentlichte Prospektivstudie, durchgeführt von Jin H. Han und Wesley H. Self von der Vanderbilt University, untersuchte 296 hospitalisierte CAP-Patienten über 50 Jahre sechs Monate nach der Entlassung. Das Ergebnis war eindeutig: 41,6 Prozent wiesen kognitive Einschränkungen auf – auch solche ohne Demenz-Vorgeschichte und unter 60 Jahren. Mehr als die Hälfte verlor vorübergehend die Beschäftigungsfähigkeit. Rund 23 Prozent berichteten von einer deutlichen Verschlechterung ihrer Lebensqualität.

NIH reagiert: Neue Behandlungsempfehlungen

Auf die wachsende Datenlage hat das US-amerikanische National Institutes of Health (NIH) mit einer Aktualisierung seiner klinischen Leitlinien reagiert. Am 24. Juni 2026 veröffentlichte das NIH überarbeitete Empfehlungen zur Behandlung von Infektionen – darunter konkrete Hinweise zum Einsatz von Kortikosteroiden bei ambulanter Pneumonie. Kortikosteroide sind entzündungshemmende Medikamente, die bei schweren Lungenentzündungen helfen können, die überschießende Immunreaktion zu bremsen und damit möglicherweise auch Langzeitschäden zu reduzieren.

Die neuen Empfehlungen betreffen nicht nur Pneumonie: Auch die Leitlinien zu Hepatitis B, Malaria und Syphilis wurden angepasst. Der Schritt zeigt, dass Gesundheitsbehörden die Langzeitfolgen von Infektionskrankheiten zunehmend ernst nehmen.

Wer besonders gefährdet ist

Nicht alle Pneumonie-Patienten tragen das gleiche Risiko für Langzeitfolgen. Laut der Vanderbilt-Studie in BMC Infectious Diseases sind besonders gefährdet: Menschen, die bereits vor der Erkrankung körperlich eingeschränkt waren, Raucherinnen und Raucher, Frauen sowie Personen mit niedrigerem Bildungshintergrund. Wer während der Pneumonie ein sogenanntes Delir entwickelte – eine akute Verwirrtheitsepisode –, hatte ebenfalls ein deutlich schlechteres Sechs-Monats-Outcome.

Auch das Alter spielt eine entscheidende Rolle. Ältere Menschen sind nicht nur häufiger von schweren Lungenentzündungen betroffen, sondern auch anfälliger für bleibende Schäden – weil Herz, Gehirn und Immunsystem bereits geschwächt sein können. Doch die Studien zeigen auch: Selbst jüngere Patientinnen und Patienten ohne Vorerkrankungen können nach einer Pneumonie kognitive Einbußen entwickeln.

Was Betroffene wissen und tun können

Die Forschungsergebnisse haben praktische Konsequenzen. Wer eine Lungenentzündung überstanden hat, sollte in den Monaten und Jahren danach auf bestimmte Warnsignale achten: anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder Gedächtnislücken können auf kognitive Einschränkungen hinweisen. Auch Brustschmerzen, Kurzatmigkeit oder unregelmäßiger Herzschlag sollten zeitnah ärztlich abgeklärt werden.

Für die Prävention spielt die Pneumokokken-Impfung eine zentrale Rolle. Sie schützt vor den häufigsten bakteriellen Erregern einer ambulant erworbenen Lungenentzündung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt sie Menschen ab 60 Jahren sowie Personen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Herzerkrankungen oder geschwächtem Immunsystem. Wer noch nicht geimpft ist, sollte das Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt suchen.

Darüber hinaus gilt: Ein gesunder Lebensstil – regelmäßige Bewegung, Nichtrauchen, ausgewogene Ernährung – kann das Grundrisiko für Herzinfarkt und Demenz senken. Das wird nach einer durchgemachten Lungenentzündung noch wichtiger als ohnehin. Denn eine verhinderte Folgeerkrankung schützt im besten Fall gleich Herz und Gehirn.

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