Von Redaktion

Long COVID 2026: Mehr als 750.000 Betroffene in Deutschland – Versorgung und Therapie im Überblick

757.000 Betroffene, 500 Mio. Euro Forschungsförderung: Das RKI zieht 2026 Bilanz zu Long COVID – Symptome, Risiken und Versorgung im Überblick.

Anhaltende Erschöpfung, die durch Schlaf nicht verschwindet. Konzentrationsprobleme, die sich wie Watte im Kopf anfühlen. Kurzatmigkeit, obwohl die akute Infektion schon Wochen zurückliegt. Millionen Menschen in Deutschland kennen diese Beschwerden aus eigener Erfahrung – und trotzdem kämpfen viele noch immer darum, ernst genommen zu werden. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat im Februar 2026 eine umfassende Bestandsaufnahme zu Long COVID bei Erwachsenen im Journal of Health Monitoring veröffentlicht. Sie fasst zusammen, was die Wissenschaft inzwischen weiß – und was noch fehlt.

Was ist Long COVID – und wie wird es definiert?

Als Long COVID gilt laut WHO-Definition ein Post-COVID-19-Zustand, bei dem Beschwerden mindestens zwölf Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion bestehen und nicht durch eine andere Diagnose erklärt werden können. Der Begriff ist dabei ein Oberbegriff: Er umfasst nach aktuellem Forschungsstand sowohl unspezifische Beschwerden als auch die Verschlechterung von Vorerkrankungen, Organschäden und erhöhte Inzidenzen bestimmter chronischer Erkrankungen.

Das RKI-Review unterscheidet dabei mehrere Verlaufsformen. Viele Betroffene erleben einen schrittweisen Rückgang der Beschwerden innerhalb der ersten sechs bis zwölf Monate. Bei einem Teil der Patientinnen und Patienten persistieren die Symptome jedoch dauerhaft oder verlaufen schubweise. Ein besonders schwerer Subtyp ist die Myalgische Enzephalomyelitis / das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS), bei dem selbst geringe körperliche oder geistige Anstrengung zu einem tagelangen Erschöpfungseinbruch führen kann – Mediziner sprechen von Post-Exertional Malaise (PEM). ME/CFS geht laut RKI mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität, der körperlichen und psychischen Funktionsfähigkeit sowie der gesellschaftlichen Teilhabe einher.

Long COVID ist dabei kein neues Phänomen bei Infektionskrankheiten. Ähnliche lang anhaltende Beschwerden nach Erregerkontakt – sogenannte post-acute infection syndromes (PAIS) – wurden bereits nach Influenza, dem durch Epstein-Barr-Viren ausgelösten Pfeifferschen Drüsenfieber und anderen Virusinfektionen beobachtet. Die besondere Aufmerksamkeit für Long COVID erklärt sich aus dem globalen Ausmaß der COVID-19-Pandemie.

Wie viele Menschen in Deutschland sind betroffen?

Die Zahlen sind erheblich. Nach einer Schätzung der ME/CFS Research Foundation gemeinsam mit dem Risikomodellierer Risklayer lebten Ende 2025 in Deutschland rund 757.000 Menschen mit Long COVID. Das entspricht einem leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr, den die Autoren auf Genesungsverläufe nach leichteren Akutinfektionen zurückführen. Hinzu kommen rund 657.000 Menschen mit ME/CFS – die Gesamtzahl der Menschen mit schwerwiegenden Langzeitfolgen liegt damit bei über 1,4 Millionen.

Das RKI schätzt, dass rund 10 bis 15 Prozent aller SARS-CoV-2-Infizierten im Zeitraum von mindestens drei Monaten nach Infektion Long-COVID-Beschwerden entwickeln. Bei schweren Akutverläufen mit Hospitalisierung liegt die Rate deutlich höher. Insgesamt wurden in Deutschland bis Ende 2025 mehr als 39 Millionen laborbestätigte SARS-CoV-2-Infektionen registriert – die tatsächliche Dunkelziffer liegt Experten zufolge weit darüber.

Wer ist besonders gefährdet?

Das RKI identifiziert in seiner Bestandsaufnahme mehrere Risikofaktoren: ein schwerer Verlauf der Akutinfektion ist der stärkste Einzelprädiktor. Daneben erhöhen ein höheres Lebensalter, weibliches Geschlecht sowie Vorerkrankungen wie Übergewicht, Diabetes oder chronische Atemwegserkrankungen das Risiko. Auch psychische Vorbelastungen – insbesondere Depressionen und Angstzustände – stehen in Zusammenhang mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für anhaltende Beschwerden.

Einen wichtigen Schutzfaktor gibt es: Die COVID-19-Impfung reduziert nach aktuellem Forschungsstand das Risiko für Long COVID. Dieser Effekt ist konsistent über mehrere Studien belegt, wenn auch nicht absolut. Das RKI-Autorenteam hält fest, dass der genaue Wirkmechanismus noch Gegenstand der Forschung ist – wahrscheinlich spielen sowohl eine verringerte Viruslast als auch immunologische Schutzeffekte eine Rolle.

Symptome erkennen: Wann sollte man zum Arzt?

Die häufigsten Beschwerden bei Long COVID sind hochgradige Erschöpfung und Müdigkeit, kognitive Einschränkungen wie Konzentrations- und Gedächtnisprobleme (Brain Fog), anhaltende Kurzatmigkeit und Husten, Herzrasen, Schlafstörungen sowie Muskel- und Gelenkschmerzen. Die Symptome können einzeln oder in Kombination auftreten und in ihrer Intensität schwanken.

Grundsätzlich gilt: Wer nach einer COVID-19-Infektion länger als vier Wochen unter deutlichen Beschwerden leidet, sollte ärztlichen Rat suchen. Hausärztinnen und Hausärzte sind erste Anlaufstelle. Entscheidend ist eine strukturierte Anamnese, um andere Ursachen auszuschließen und gezielt behandeln zu können. Symptom-Checker-Apps können dabei helfen, Beschwerden vor dem Arztgespräch zu dokumentieren und einzuordnen.

Therapie und Versorgung: Was steht Betroffenen zur Verfügung?

Eine kausale Therapie, die Long COVID heilt, existiert bislang nicht. Im Mittelpunkt steht daher die symptomorientierte Behandlung. Der wichtigste Grundsatz für Betroffene mit ME/CFS-Subtyp lautet Pacing: Aktivitäten gezielt dosieren und Überlastung vermeiden, da klassische Leistungssteigerung den Zustand verschlechtern kann.

Konkret stehen folgende Therapiemöglichkeiten zur Verfügung: Physiotherapie nach dem Pacing-Prinzip, psychologische Unterstützung bei Depressionen und Angstzuständen, Schlafmedizin bei Schlafstörungen, Ergotherapie bei kognitiven Einschränkungen sowie Atemtherapie bei anhaltender Kurzatmigkeit. Digitale Interventionen können ergänzend eingesetzt werden: App-basierte psychologische Programme helfen beim strukturierten Umgang mit Fatigue und mentaler Belastung, ohne dass körperlich erschöpfende Anfahrtswege anfallen.

Ende 2023 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) eine Long-COVID-Richtlinie verabschiedet. Seit dem ersten Quartal 2025 können Ärztinnen und Ärzte neue Abrechnungsziffern im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) abrechnen, die speziell für die strukturierte Betreuung von Post-COVID-Patientinnen und -Patienten eingeführt wurden. Das verbessert den Zugang zur Versorgung, auch wenn spezialisierte Long-COVID-Ambulanzen regional noch ungleich verteilt sind.

500 Millionen Euro: Die Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen

Im November 2025 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die „Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen" ausgerufen. Von 2026 bis 2036 sollen rund 500 Millionen Euro in die Erforschung von Ursachen, Grundmechanismen und Therapieoptionen fließen – für Long COVID, ME/CFS und andere post-akute Infektionssyndrome. Das Ziel ist klar formuliert: die Versorgung von Betroffenen nachhaltig verbessern.

Parallel läuft das QuoVadis-LongCOVID-Konsortium (Dezember 2024 bis November 2026), das auf Basis von Daten aus der kassenärztlichen Versorgung sowie aus bevölkerungsbezogenen RKI-Studien prognostiziert, wie sich die Krankheitslast in den kommenden Jahren entwickelt. Für Betroffene bedeutet das: Die Wissenschaft und die Politik nehmen das Thema ernst. Bis wirksame Therapien aus der Forschungspipeline kommen, bleibt strukturierte Symptombehandlung – möglichst im Rahmen spezialisierter Versorgungsangebote – der beste verfügbare Weg.

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