Kinderimpfungen 2026: 9 von 10 Eltern befürworten sie – aber jedes zehnte Kind bleibt ungeimpft
Eine neue RKI-Studie zeigt: Das Vertrauen in Kinderimpfungen ist hoch – doch Impfmythen und Wissenslücken sorgen für alarmierende Impflücken.
Fast neun von zehn Eltern in Deutschland sind überzeugt: Impfungen schützen ihr Kind. Das ist das überraschend positive Ergebnis einer neuen Untersuchung des Robert Koch-Instituts (RKI), die im Juni 2026 im Rahmen des Forschungsprojekts IMPRESS veröffentlicht wurde. Und doch klafft zwischen diesem Grundvertrauen und dem tatsächlichen Impfstatus vieler Kinder eine beunruhigende Lücke: Knapp jedes zehnte Kind im Vorschulalter ist nicht geimpft, und vier von zehn erhalten ihre Impfungen nicht gemäß dem empfohlenen Zeitplan.
Was die RKI-Studie gemessen hat
Das Forschungsprojekt IMPRESS – die Abkürzung steht für Impfverhalten verstehen, Preparedness steigern – untersucht regelmäßig, wie Menschen in Deutschland über Impfungen denken und entscheiden. Im Oktober 2025 befragte das RKI erstmals 614 Eltern von Kindern unter sieben Jahren innerhalb des RKI-Panels "Gesundheit in Deutschland". Die Ergebnisse für die Eltern-Untergruppe wurden Anfang Juni 2026 veröffentlicht.
Die Erhebung ist repräsentativ für deutschsprachige Eltern in Privathaushalten und wird jährlich wiederholt, um Veränderungen im Zeitverlauf abbilden zu können. Neben dem Impfverhalten wurden auch Wissen, Einstellungen und das soziale Umfeld erfasst.
Hohes Vertrauen – mit einer klaren Lücke zur Praxis
Das Grundvertrauen in Impfungen ist ausgeprägt. Laut dem RKI-Forschungsprojekt IMPRESS halten rund neun von zehn Eltern mit Kindern unter fünf Jahren Impfungen für wichtig für die Gesundheit ihres Kindes. Auch bei Eltern älterer Kinder bleibt die Zustimmung hoch. Etwa acht von zehn Eltern geben an, Kinderärztinnen und Kinderärzten bei Impfentscheidungen stark zu vertrauen – ein besonders bedeutsamer Befund, denn die ärztliche Empfehlung ist nach wie vor der stärkste Einflussfaktor auf das tatsächliche Impfverhalten.
Auch das soziale Umfeld wirkt bestärkend: Knapp acht von zehn Eltern berichten, dass Familie und Freunde Impfungen befürworten. Mehr als 80 Prozent gehen davon aus, dass die meisten anderen Eltern ihre Kinder impfen lassen – ein Zeichen dafür, dass Impfen gesellschaftlich nach wie vor als selbstverständlich gilt.
Doch zwischen dieser positiven Grundhaltung und dem tatsächlichen Impfstatus klafft eine Lücke. Am Beispiel der Diphtherie-, Tetanus- und Pertussis-Impfung – einem der Standardimpfstoffe für Kleinkinder – waren laut IMPRESS nur etwa sechs von zehn Kindern altersgerecht geimpft. Rund vier von zehn Kindern erhielten Impfungen nicht gemäß dem empfohlenen Impfplan der Ständigen Impfkommission (STIKO). Knapp zehn Prozent der Kinder waren gar nicht geimpft.
Sieben von zehn Eltern möchten alle Impfungen des STIKO-Kalenders für ihr Kind durchführen lassen. Rund drei von zehn Eltern befürworten dagegen nur ausgewählte Impfungen – lehnen also einen Teil der empfohlenen Schutzimpfungen bewusst ab oder zögern damit.
Impfmythen, die viele Eltern für plausibel halten
Warum impfen Eltern, die Impfungen eigentlich befürworten, ihre Kinder dann nicht vollständig? Ein wesentlicher Erklärungsansatz liefert die impfbezogene Gesundheitskompetenz – also das Wissen und die Fähigkeit, Informationen über Impfungen richtig einzuordnen.
Die IMPRESS-Studie des RKI zeigt: Die Hälfte der befragten Eltern verfügt über eine eher niedrige impfbezogene Gesundheitskompetenz. Im Durchschnitt beantworteten die Teilnehmenden lediglich fünf von neun Wissensfragen korrekt.
Besonders auffällig sind die Unsicherheiten bei gängigen Impfmythen. Rund 40 Prozent der Eltern sind unsicher oder stimmen der Aussage zu, Kinder würden ohne Impfungen widerstandsfähiger werden – eine Annahme, die medizinisch nicht belegt ist. Wer Infektionskrankheiten ohne Impfung durchmacht, kann zwar Antikörper entwickeln, riskiert dabei aber schwere oder sogar lebensbedrohliche Verläufe, die durch eine Impfung vermeidbar gewesen wären.
Noch verbreiteter ist die Unsicherheit beim Autismus-Mythos: Etwa die Hälfte der befragten Eltern kann die Behauptung, Impfungen könnten Autismus auslösen, nicht eindeutig als falsch einordnen. Dieses Gerücht geht auf eine längst widerrufene Studie aus dem Jahr 1998 zurück, deren Hauptautor seine ärztliche Zulassung wegen Datenfälschung verlor. Dutzende Folgestudien mit Millionen von Kindern weltweit haben keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gefunden. Dennoch hält sich der Mythos hartnäckig.
Die Folgen sind messbar: Wer unsicher ist, impft seltener pünktlich – oder gar nicht.
Was jetzt helfen kann: Erinnerungen, Apps, Gespräche
Die Autorinnen und Autoren der IMPRESS-Studie sehen konkreten Handlungsbedarf. Als besonders vielversprechend gelten Erinnerungssysteme, die Eltern rechtzeitig an bevorstehende Impftermine hinweisen – per SMS, E-Mail oder App. Solche Erinnerungen haben sich in verschiedenen Studien als wirksam erwiesen, um Impflücken zu schließen, ohne dass dabei aufwendige Überzeugungsarbeit nötig wäre: Viele Eltern wollen impfen, haben den Termin aber schlicht noch nicht gemacht.
Ein zweiter Ansatzpunkt ist die gezielte Kommunikation über Impfmythen. Bloße Informationslisten helfen wenig – wirksamer sind offene Gespräche mit Kinderärztinnen und -ärzten, in denen Bedenken direkt angesprochen und ohne Verurteilung geklärt werden. Die Studie unterstreicht: Wer dem Kinderarzt vertraut, impft häufiger und vollständiger. Ärztliche Empfehlungen sind der stärkste bekannte Einflussfaktor auf das Impfverhalten.
Daneben spielen auch digitale Gesundheitsangebote eine wachsende Rolle. Apps, die Impfpässe verwalten, an Termine erinnern und verlässliche Informationen über den Impfkalender bereitstellen, können die Lücke zwischen Impfwunsch und Impfrealität spürbar verkleinern. Auf bestes.com findest du eine Übersicht digitaler Gesundheitsangebote, die Familien bei Vorsorge und Gesundheitsmanagement unterstützen.
Warum der Impfschutz von Kindern für alle zählt
Impfungen gehören zu den wirksamsten Maßnahmen der Präventivmedizin. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Impfstoffe weltweit jährlich zwischen zwei und drei Millionen Todesfälle verhindern. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut Schutzimpfungen gegen mehr als ein Dutzend Erkrankungen, darunter Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten, Meningokokken und Windpocken.
Die meisten dieser Krankheiten gelten heute als selten – weil der kollektive Impfschutz verhindert, dass sich Krankheitserreger weit verbreiten. Sinkt die Impfquote, bricht dieser Schutz für die Schwächsten weg: Neugeborene, die noch nicht geimpft werden können, immungeschwächte Kinder und schwangere Frauen. Impflücken sind daher kein rein individuelles Problem, sondern eine gesamtgesellschaftliche Frage.
Die IMPRESS-Ergebnisse des RKI zeigen: Das Fundament ist da. Die große Mehrheit der Eltern will ihre Kinder schützen. Was fehlt, sind bessere Unterstützung, klarere Kommunikation und Erinnerungssysteme, die den Weg vom Impfwunsch zum Impftermin kürzer machen.
Häufige Fragen
Sind Impfungen in Deutschland verpflichtend?
Die meisten Impfungen sind freiwillig. Seit März 2020 gibt es eine Masernimpfpflicht für Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas und Schulen sowie für bestimmte Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Alle anderen STIKO-Empfehlungen sind nicht gesetzlich vorgeschrieben, werden von Kinderärztinnen und -ärzten aber ausdrücklich empfohlen.
Was tun, wenn ich als Elternteil unsicher bin?
Die Kinderärztin oder der Kinderarzt ist der wichtigste Ansprechpartner. Die IMPRESS-Studie zeigt, dass ein offenes Gespräch über konkrete Bedenken den größten Einfluss auf die Impfentscheidung hat. Das RKI und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bieten zudem verlässliche Informationen auf Deutsch, frei von Werbung und Interessenkonflikten.
Stimmt es, dass Kinder durch Krankheiten ein stärkeres Immunsystem bekommen?
Nein – zumindest nicht auf eine Art, die den Preis rechtfertigt. Das Immunsystem lernt durch eine Impfung genauso zu reagieren wie durch eine echte Infektion, ohne dabei das Risiko schwerer Verläufe, Komplikationen oder Folgeschäden einzugehen. Eine Keuchhusten-Erkrankung etwa kann bei Säuglingen lebensbedrohlich sein – obwohl sie theoretisch das Immunsystem "trainiert".
Können Impfungen Autismus auslösen?
Nein. Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich eindeutig widerlegt. Die einzige Studie, die diesen Verdacht formuliert hatte, wurde 2010 wegen Datenfälschung zurückgezogen. Dutzende Folgestudien mit Millionen von Kindern haben keinen Zusammenhang zwischen dem MMR-Impfstoff und Autismus gefunden.