Von Redaktion

Kalzium und Vitamin D: Große Meta-Analyse zweifelt an Frakturschutz für Ältere

Meta-Analyse in BMJ: 69 Studien zeigen – Kalzium- und Vitamin-D-Supplements schützen die meisten Älteren kaum vor Knochenbrüchen.

Wer regelmäßig Kalzium- oder Vitamin-D-Präparate schluckt, um seine Knochen zu schützen, sieht sich mit einer unbequemen Botschaft konfrontiert: Eine der bislang umfangreichsten Analysen zu diesem Thema kommt zu dem Schluss, dass diese Supplements für die meisten älteren Erwachsenen keinen nennenswerten Schutz vor Knochenbrüchen oder Stürzen bieten. Die Ergebnisse wurden im Juni 2026 im renommierten Fachjournal BMJ veröffentlicht und lösten in der medizinischen Fachwelt eine lebhafte Diskussion aus.

Knochengesundheit ist in Deutschland ein weitverbreitetes Thema: Schätzungsweise sechs Millionen Menschen hierzulande sind von Osteoporose betroffen, Frauen nach der Menopause tragen ein besonders hohes Risiko. Vor diesem Hintergrund hat die Pharmaindustrie mit Kalzium-Vitamin-D-Kombinationspräparaten ein Milliardengeschäft aufgebaut – und viele Hausärztinnen und -ärzte empfehlen sie routinemäßig.

Was die Studie zeigt: 69 Studien, 154.000 Patientinnen und Patienten

Für die im BMJ publizierte Meta-Analyse werteten Forschende die Daten aus 69 randomisierten kontrollierten Studien aus – dem Goldstandard in der klinischen Forschung. Insgesamt umfasste die Datenbasis fast 154.000 ältere Erwachsene. Untersucht wurde, wie sich Kalzium-Supplements allein, Vitamin-D-Supplements allein sowie die Kombination beider Substanzen auf das Risiko von Knochenbrüchen und Stürzen auswirken – im Vergleich zu Placebo oder gar keiner Behandlung.

Das Ergebnis ist eindeutig: In keiner der drei Gruppen zeigte sich ein klinisch bedeutsamer Rückgang des Knochenbruchrisikos. Weder für Hüftfrakturen noch für andere Brüche noch für Stürze lieferten die Supplements nach Auswertung aller Studien zusammen einen nachweisbaren Vorteil. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einem Nutzen, der „gering bis nicht vorhanden" sei.

Wer dennoch von Supplements profitieren kann

Trotz dieser ernüchternden Gesamtbilanz betonen medizinische Fachleute, dass die Studie nicht als pauschale Absage an Kalzium und Vitamin D zu verstehen ist. Denn für bestimmte Patientengruppen bleibt die gezielte Supplementierung sinnvoll:

Menschen mit einem nachgewiesenen Vitamin-D-Mangel – in Deutschland besonders verbreitet in den Wintermonaten und bei wenig Sonnenlichtexposition – können von einer gezielten Auffüllung profitieren. Ebenso Personen mit Osteoporose, Malabsorptionssyndromen (etwa Zöliakie oder nach bestimmten Magenoperationen), Nierenerkrankungen oder sehr geringer Kalziumzufuhr über die Ernährung. Bei diesen Gruppen ist die individuelle ärztliche Abwägung entscheidend – und ein pauschales Absetzen ohne Rücksprache ausdrücklich nicht empfohlen.

Der Internist Dung Trinh vom Healthy Brain Clinic in Irvine, der nicht an der Studie beteiligt war, kommentierte gegenüber dem Fachportal Medical News Today: „Kalzium und Vitamin D sind wichtige Nährstoffe, aber die BMJ-Auswertung bestätigt, dass Supplements allein keine wirksame Strategie zur Sturz- oder Frakturprävention für die meisten älteren Erwachsenen sind."

Was Knochen wirklich stärkt: Bewegung, Balance, Mikronährstoffe

Die eigentliche Botschaft der Studie ist damit nicht „Supplements sind nutzlos" – sondern: Knochengesundheit braucht einen umfassenderen Ansatz. Worauf sollte man setzen?

Krafttraining gilt als eine der wirksamsten Maßnahmen. Zwei bis drei Einheiten pro Woche verbessern nachweislich die Knochendichte, besonders an der Lendenwirbelsäule. Ergänzend wirken Aufprallübungen wie leichtes Springen oder – für Menschen, die das nicht vertragen – Fersendrops und moderates Stampfen: Sie stimulieren die Knochenbildung durch mechanischen Reiz, den Fachleute als Mechanotransduktion bezeichnen.

Balance- und Beweglichkeitstraining reduziert Sturzrisiken direkt – und damit auch das Frakturrisiko. Selbst regelmäßiges Gehen kann den Knochenschwund bremsen und das Gleichgewicht verbessern.

Wichtig sind außerdem oft vernachlässigte Mikronährstoffe: Magnesium ist ein notwendiger Kofaktor für Vitamin D und ein Bestandteil der Knochenstruktur. Vitamin K2 aktiviert Osteocalcin und fördert die Knochenmineralisierung. Vitamin C unterstützt die Kollagenvernetzung. Ausreichend Protein und Ballaststoffe runden das Bild ab. Eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung bleibt die wirksamste Quelle für all diese Stoffe.

Hinzu kommen einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen der Sturzprävention: Sehvermögen und Gehör regelmäßig prüfen lassen, Stolperfallen wie lose Teppiche im Wohnbereich entfernen und bei Bedarf Hilfsmittel wie Gehstöcke ohne Scham nutzen.

Einordnung: Was bedeutet das für die Praxis?

Die neue Analyse liefert einen wichtigen Korrekturimpuls für eine weitverbreitete Praxis. Millionen von Menschen – und ihre Ärzteschaft – verlassen sich auf Kalzium- und Vitamin-D-Präparate als vermeintliche Basis-Sicherheit für Knochen im Alter. Diese Sicherheit ist, folgt man der Auswertung, für die Mehrheit der Gesunden wohl trügerisch.

Wer auf Supplements verzichten oder diese absetzen will, sollte dies jedoch immer in Absprache mit der Hausarztpraxis tun – insbesondere wenn bereits eine Osteoporose-Diagnose vorliegt oder Blutkontrollen auf einen Mangel hingewiesen haben. Laut dem BMJ-Review gibt es Patientengruppen, für die eine Supplementierung nach wie vor sinnvoll ist.

Für alle anderen lautet die Kernbotschaft: Die Knochen stärkt man am verlässlichsten nicht mit einer Tablette, sondern mit Bewegung, einer ausgewogenen, nährstoffreichen Ernährung – und einem sicheren Zuhause.

Die Bestes-App

Gesundheit, die kostenlos in deiner Tasche ist.

Quiz, Vorsorge, KI-Coach und mehr — für dich und deine Familie. Jetzt im App Store und bei Google Play.