Hitze macht krank: Studie zeigt wirtschaftliche Schäden durch Hitzewellen
Eine neue Studie des PIK auf Basis von AOK-Daten zeigt: Schon ein einziger Hitzetag erhöht Krankmeldungen um 3,5 Prozent – nach sieben Tagen sind es 10,8 Prozent.
Wenn die Temperaturen auf über 30 Grad steigen, klagen viele Menschen über Erschöpfung, Kopfschmerzen oder Kreislaufprobleme. Was bislang als individuelles Wohlbefinden galt, ist nach einer neuen Studie weit mehr: Hitzewellen sind ein ernstes arbeitsmarktpolitisches Risiko – mit messbaren Folgen für die Gesundheit von Millionen Beschäftigten und beträchtlichen wirtschaftlichen Schäden. Das zeigt eine Untersuchung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) auf Basis von Abrechnungsdaten des AOK-Bundesverbands, die anlässlich des bundesweiten Hitzeaktionstags 2026 veröffentlicht wurde.
Was die Studie gemessen hat
Für die Analyse wurden Daten von rund 9,7 Millionen bei der AOK versicherten Beschäftigten im Alter zwischen 25 und 59 Jahren aus den Jahren 2007 bis 2020 ausgewertet – erstmals verknüpft mit tagesgenauen Wetterdaten. Laut Studienautorin Hannah Heiliger, Leiterin des „Policy Evaluation Lab" am PIK, konnten damit erstmals nicht nur schwere Erkrankungen erfasst werden, sondern das gesamte Spektrum gesundheitlicher Beeinträchtigungen durch Hitze.
Das Ergebnis ist eindeutig: Ein einziger Tag mit Temperaturen über 30 Grad erhöht die Zahl der Krankmeldungen bereits kurzfristig um 3,5 Prozent. Hält die Hitze an, steigt dieser Wert weiter. Nach drei aufeinanderfolgenden Hitzetagen liegt der Anstieg bei 5,0 Prozent, nach sieben Hitzetagen in Folge bei 10,8 Prozent – mehr als dreimal so hoch wie an einem einzelnen Hitzetag. Die Studie, die sich derzeit noch im Peer-Review befindet, ist als IZA-Discussion-Paper 18176 verfügbar.
32 Millionen Euro nach einer einzigen Hitzewelle
Aus den erhobenen Daten haben die Forschenden auch die wirtschaftlichen Folgen hochgerechnet: Eine dreitägige Hitzewelle kostet die Wirtschaft durch Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall allein rund 32 Millionen Euro – über alle Berufsgruppen hinweg. Darin sind Produktivitätsverluste jener Beschäftigten, die trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit erscheinen, noch nicht eingerechnet.
Besonders gravierend: Die negativen Folgen hören nicht auf, wenn die Temperaturen wieder sinken. Laut der Studie sind in den ersten vier Jahren nach einer mindestens dreitägigen Hitzewelle erhöhte Ausgaben für Arbeitsausfälle zu verzeichnen – Hitze hinterlässt also nachhaltige Spuren in der Gesundheit der Bevölkerung. „Die Studie zeigt, dass Hitzeschutz nicht nur eine Frage des Wohlbefindens ist, sondern sich auch auf Fehlzeiten und Produktivität auswirken kann", betont Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes.
Nicht nur das Herz – Hitze trifft den ganzen Körper
Ein überraschender Befund der Studie: Die hitzebedingten Krankmeldungen beschränken sich nicht auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie oft angenommen. Zunahmen wurden laut Auswertung auch bei Verletzungen, psychischen Erkrankungen, Hauterkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparats sowie bei Infektionskrankheiten registriert. „Anhaltende Hitze ist ein zusätzlicher Stressor, der ein ohnehin belastetes System aus dem Gleichgewicht bringen kann", erklärt Hannah Heiliger. „Sie könnte somit auch dazu beitragen, latente Krankheitslasten aufzudecken" – etwa Depressionen, die bereits vor einer Hitzewelle bestanden, aber erst durch die Mehrbelastung zu einem Krankenstand führen.
Auf körperlicher Ebene weitet Hitze die Blutgefäße aus, senkt den Blutdruck und zwingt das Herz zu mehr Arbeit. Bei Menschen mit Vorerkrankungen steigt dadurch das Risiko für Herzinfarkt, Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz. Doch auch der Schlaf leidet: Hohe Nachttemperaturen verschlechtern die Schlafqualität, was sich am nächsten Tag in Form von Konzentrationsmangel, verlangsamten Reaktionen und erhöhter Unfallgefahr bemerkbar macht. Hinzu kommt, dass Hitze die Haut stärker belastet – Sonnenbrand, Hitzeausschlag und geschwollene Beine durch Wassereinlagerungen sind typische Beschwerden, die in der Studie unter Haut- und Bewegungsapparaterkrankungen erfasst wurden.
Wer am stärksten betroffen ist
Die Analyse von 36 Berufsgruppen zeigt deutliche Unterschiede: Das höchste Risiko für hitzebedingte Arbeitsausfälle haben Beschäftigte in Transport und Logistik, in der Fertigung, in der Landwirtschaft sowie im Bauwesen. Am wenigsten betroffen sind Berufe in der Informationstechnologie, im Bildungsbereich sowie im Rechts- und Verwaltungswesen – also Tätigkeiten, die häufig im klimatisierten Büro stattfinden und flexible Arbeitszeiten erlauben.
Wichtig zu verstehen: Auch in den weniger exponierten Gruppen steigen die Krankmeldungen bei anhaltender Hitze messbar. „Es wäre also falsch, sich bei Schutzmaßnahmen allein auf die vermeintlichen Hochrisikoberufe zu konzentrieren", betont Studienautorin Heiliger. Körperlich anstrengende Berufe mit viel Außeneinsatz, geringem Einkommen und wenig Flexibilität sind ohnehin häufiger von gesundheitlichen Benachteiligungen betroffen – Hitze verstärkt diese soziale Ungleichheit zusätzlich.
Was das für den eigenen Alltag bedeutet
Die Erkenntnisse der Studie haben praktische Konsequenzen für den Alltag. Wer in einem körperlich belastenden Beruf arbeitet oder Vorerkrankungen hat, sollte an Hitzetagen besonders auf Warnsignale des Körpers achten: anhaltende Erschöpfung, Schwindel, Herzrasen oder starkes Schwitzen können Vorboten einer Hitzeerschöpfung sein. Im schlimmsten Fall entwickelt sich daraus ein Hitzschlag – ein medizinischer Notfall mit Bewusstseinsveränderungen und Körpertemperaturen über 40 Grad, der sofortige ärztliche Hilfe erfordert.
Ausreichend Trinken – mindestens 1,5 bis 2 Liter Wasser oder ungesüßte Getränke täglich, bei Hitze mehr – gilt als wichtigste Schutzmaßnahme. Alkohol und Koffein verstärken die Dehydration. Körperliche Aktivität sollte in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden verlegt werden; zwischen 11 und 15 Uhr ist die Hitzebelastung am höchsten. Kühle Wohnräume, abgedunkelte Fenster und feuchte Tücher können die Kerntemperatur des Körpers senken und für spürbare Erleichterung sorgen.
Besonders gefährdete Gruppen – ältere Menschen, Kleinkinder, Schwangere, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Nierenerkrankungen – sollten bei Hitzewellen engmaschig von Angehörigen oder Nachbarn begleitet werden. Viele Kommunen bieten in Hitzeperioden Kühlräume an, etwa in Bibliotheken, Bürgerzentren oder Einkaufszentren.
Politischer Handlungsbedarf: Hitzeaktionspläne für alle
Der AOK-Bundesverband fordert angesichts der Studienergebnisse die Entwicklung verbindlicher Hitzeschutzstrategien – insbesondere für Beschäftigte. Maßnahmen wie kühlere Arbeitsräume, Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung, angepasste Arbeitszeiten und mehr Flexibilität können nach Einschätzung der AOK-Vorständin Reimann helfen, gesundheitliche Schäden zu verringern. Auf kommunaler Ebene plädiert die AOK dafür, Hitzeaktionspläne gesetzlich als Pflichtaufgabe zu verankern und von Bund und Ländern finanziell zu unterstützen.
Dass Handlungsbedarf besteht, macht auch der Blick auf aktuelle Klimaprognosen deutlich: Hitzewellen werden laut wissenschaftlichem Konsens häufiger, länger und intensiver. Was heute als außergewöhnlich gilt – Temperaturen über 35 oder 39 Grad im Sommer – könnte in einigen Jahrzehnten zur Regel werden. Die gesundheitliche und wirtschaftliche Last, die Hitze schon heute erzeugt, dürfte damit weiter steigen.