Herzinfarkt-Risiko steigt bei Männern schon ab Mitte 30
Eine neue britische Kohortenanalyse aus dem EPIC-Norfolk-Datensatz rückt ein bekanntes Phänomen in ein neues Licht: Beim Herzinfarkt gibt es ein Geschlecht-Wendepunkt-Phänomen. Jüngere Männer erleiden deutlich häufiger Herzinfarkte als gleichaltrige Frauen – doch dieser Abstand schrumpft im höheren Alter und kehrt sich bei sehr alten Patienten sogar um. Was steckt dahinter?
Was die Daten zeigen
Männer haben bis zum 70. Lebensjahr ein rund doppelt so hohes Herzinfarktrisiko wie Frauen. Vor allem in der Altersgruppe 45–59 Jahre sind Männer massiv überrepräsentiert: Sie machen über 70 Prozent der Herzinfarktpatienten aus. Doch ab dem 75. Lebensjahr gleichen sich die Inzidenzraten an; bei über 85-Jährigen überwiegen Frauen bei den Herzinfarktereignissen sogar leicht – da Frauen schlicht länger leben und damit länger dem kardiovaskulären Risiko ausgesetzt sind. Absolute Zahlen täuschen: Die altersadjustierten Sterberaten nach Herzinfarkt sind bei Frauen nach wie vor höher, weil sie häufiger atypische Symptome zeigen und seltener sofort reanimiert werden.
Östrogen als kardialer Schutzfaktor
Die zentrale Erklärung für die Geschlechterdifferenz in jüngeren Jahren ist Östrogen. Das Sexualhormon wirkt gefäßschützend: Es fördert die Freisetzung von Stickstoffmonoxid (NO), das Blutgefäße erweitert, hemmt die LDL-Oxidation (die Grundlage der Plaquebildung), reduziert Entzündungsmarker und verbessert das HDL/LDL-Verhältnis. Mit der Menopause fällt dieser Schutzschild weg – und der weibliche Herz-Kreislauf-Vorteil schwindet innerhalb weniger Jahre. Das erklärt, warum sich die Inzidenzkurven ab dem 55.–60. Lebensjahr annähern, laut Daten des Robert Koch-Instituts und der European Society of Cardiology.
Warum Männer in mittleren Jahren besonders gefährdet sind
Neben dem fehlenden Östrogeneffekt spielen bei Männern Verhaltens- und Risikofaktoren eine große Rolle: Männer rauchen häufiger, zeigen risikoreicheres Ernährungsverhalten, suchen seltener präventiv ärztliche Hilfe und werden mit Bluthochdruck und Hypercholesterinämie im Schnitt später diagnostiziert und behandelt. Testosteron wird hinsichtlich seines kardiovaskulären Effekts kontrovers diskutiert – Hypogonadismus (zu wenig Testosteron) ist mit metabolischem Syndrom assoziiert, während physiologische Spiegel eher neutral bewertet werden.
Sozioökonomischer Stress, höhere physische Belastung und geringere Inanspruchnahme medizinischer Vorsorge (Männer gehen im Schnitt 1,5-mal seltener zum Hausarzt) verstärken das Risikoprofil gerade jüngerer und mittelalter Männer.
Atypische Symptome: Die unsichtbare Gefahr für Frauen
Frauen, die einen Herzinfarkt erleiden, präsentieren häufiger atypische Beschwerden, die weder Betroffene noch behandelnde Ärzte klassisch dem Herz zuordnen: Übelkeit, Rückenschmerzen, Schwindel, uncharakteristische Brustenge oder diffuse Erschöpfung statt des "Elefanten auf der Brust". Studien zeigen, dass Frauen bei Herzinfarkt-Symptomen länger warten, bis sie den Notruf wählen, und im Krankenhaus häufiger falsch oder zu spät diagnostiziert werden. Das erklärt die höhere Sterberate nach Herzinfarkt bei Frauen trotz nominell niedrigerer Häufigkeit.
Was jeder tun kann – unabhängig vom Geschlecht
Kardiovaskuläre Prävention bleibt das wirksamste Werkzeug: Nicht-Rauchen, Blutdruckkontrolle (Zielwert <130/80 mmHg laut ESC-Leitlinie 2023), LDL-Senkung (Zielwert abhängig vom Gesamtrisiko), körperliche Aktivität (mindestens 150 Minuten moderat/Woche) und mediterrane Ernährung sind laut aktuellen ESC-Leitlinien zur kardiovaskulären Prävention die tragenden Säulen. Männer ab 40 und Frauen nach der Menopause sollten regelmäßige Herzgesundheits-Checks wahrnehmen – dazu zählen Blutdruckmessung, Cholesterinwerte und Nüchternblutzucker. Geprüfte Telemedizin-Angebote für die Herzvorsorge finden sich auf bestes.com.
Ausblick: Geschlechterspezifische Herzmedizin
Die Geschlechterdimension in der Kardiologie gewinnt an Bedeutung. Das Centre of Excellence for Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine der Charité Berlin forscht explizit zu unterschiedlichen Herzinfarkt-Phänotypen nach Geschlecht. Kardiologen und Kardiologinnen fordern zunehmend, dass Symptombilder, Grenzwerte und Behandlungsprotokolle stärker nach Geschlecht differenziert werden – mit dem Ziel, die geschlechtsspezifische Sterberate nach Herzinfarkt langfristig anzugleichen.