Von Redaktion

Hauptstadtkongress 2026: Was der ePA-Gipfel für Versicherte bedeutet

Der Hauptstadtkongress 2026 in Berlin zog Bilanz nach einem Jahr ePA-Roll-out. Was die Beschlüsse für Patientinnen und Patienten bedeuten – und warum aktive digitale Gesundheitsbegleitung jetzt wichtiger wird.

Vom 23. bis 25. Juni 2026 trafen sich im Berliner hub27 rund 5.000 Entscheiderinnen und Entscheider aus Krankenhausmanagement, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zum Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit – dem wichtigsten gesundheitspolitischen Branchentreffen Deutschlands. Im Mittelpunkt: die elektronische Patientenakte (ePA) nach einem Jahr Roll-out, die Zukunft der digitalen Versorgung und die Frage, wie Patientinnen und Patienten von der laufenden Transformation profitieren können. Die Antworten des Kongresses waren differenziert: Fortschritt ja, aber mit erheblichem Nachholbedarf.

Ein Jahr ePA: Zahlen zwischen Aufbruch und Ernüchterung

Seit dem Start der verpflichtenden ePA-Befüllung durch Arztpraxen Anfang 2025 wurden laut Kongressberichten und gematik-Angaben mehr als 100 Millionen Dokumente in die Akten hochgeladen – darunter medizinische Befunde, Arztbriefe und über 5,5 Millionen Zahnbonushefte. Rund 93.000 Arztpraxen greifen laut gematik wöchentlich auf Patientenakten zu, und mehr als 21 Millionen Abrufe von Medikamentenlisten werden monatlich verzeichnet. Auf dem Papier klingt das nach einem beachtlichen Erfolg.

Doch eine Session beim Hauptstadtforum Gesundheitspolitik, betitelt „Ein Jahr ePA-Roll-Out: Erfolg oder Baustelle?", zeichnete ein nuancierteres Bild. Brenya Adjei, Mitglied der gematik-Geschäftsführung, und Dr. Oliver Fasold vom Neurozentrum Berlin-Tempelhof diskutierten, was die Zahlen wirklich bedeuten. Die Zahl der Versicherten, die ihre ePA aktiv nutzen, liegt Schätzungen zufolge zwischen vier und 24 Prozent – je nach Erhebung und Definition von „aktiver Nutzung". Hausärztliche Verbände und Verbraucherschutzorganisationen sprachen sich laut Ärztezeitung für eine zügige Weiterentwicklung aus und kritisierten unzureichenden Datenschutz, technische Unzuverlässigkeit und mangelnde Alltagstauglichkeit. Das Fazit vieler Kongressteilnehmer: Die ePA existiert flächendeckend, hat ihr Potenzial aber noch lange nicht ausgeschöpft.

Was der Kongress für Versicherte bedeutet

Der Hauptstadtkongress ist primär ein Fachforum für Entscheider – doch die dort diskutierten Weichenstellungen wirken direkt im Alltag der Versicherten. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach skizzierte auf dem Kongress Pläne, die ePA zu einer aktiven Gesundheits-App weiterzuentwickeln: Symptom-Check, Terminbuchung und Impf-Erinnerungen sollen künftig direkt aus der Akte heraus nutzbar sein. Damit würde die ePA von einem passiven Dokumentenspeicher zu einem interaktiven Werkzeug – eine Verschiebung, die den Unterschied zwischen bürokratischer Pflicht und echtem Mehrwert ausmachen könnte.

Gleichzeitig verabschiedete die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) auf dem Kongress Beschlüsse zur Digitalisierung der Versorgung. Die politische Richtung ist eindeutig: Deutschland investiert mit dem Transformationsfonds bis 2035 bis zu 50 Milliarden Euro in die Modernisierung des Gesundheitssystems – digitale Infrastruktur eingeschlossen. Für Versicherte heißt das: Die Zahl verfügbarer digitaler Gesundheitsangebote wird in den nächsten Jahren weiter wachsen. Die Herausforderung liegt dann nicht mehr im Mangel an Angeboten, sondern in der Orientierung innerhalb eines unübersichtlichen Marktes.

Einstieg in die digitale Gesundheitsversorgung: Was kostet was?

Die ePA ist für alle gesetzlich Versicherten kostenlos – die Krankenkassen sind verpflichtet, sie bereitzustellen, und Arztpraxen befüllen sie automatisch, sofern die Versicherten nicht aktiv widersprechen. Was die ePA nicht leistet, ist die aktive Begleitung des eigenen Gesundheitsalltags jenseits der Aktenführung: Welche Gesundheits-App passt zu welchem Problem? Welche digitalen Angebote werden von der Krankenkasse bezuschusst, welche sind DiGAs mit Kassenerstattung? Wie ordnet man Symptome sinnvoll ein, bevor man einen Arzttermin bucht? Diese Fragen liegen außerhalb der ePA und bleiben Eigenverantwortung.

Genau hier setzen Gesundheitsplattformen an, die nicht Aktenführung, sondern Orientierung und Information in den Mittelpunkt stellen. Der Hauptstadtkongress 2026 hat deutlich gemacht: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens schafft Infrastruktur. Ob Versicherte davon profitieren, hängt davon ab, ob sie die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt haben – und ob sie die wachsende Zahl an Angeboten einordnen können.

Gesundheitskompetenz als Schlüsselfaktor

Gesundheitsdaten in der ePA zu haben ist ein Anfang. Sie zu verstehen, einzuordnen und auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen, ist ein eigenständiger Schritt, der eigene Kompetenz erfordert. Der Hauptstadtkongress 2026 diskutierte unter dem Begriff „Health Literacy" ausführlich, wie groß die Lücke zwischen vorhandenen Informationen und dem tatsächlichen Gesundheitswissen der Bevölkerung ist. Studien belegen, dass rund 50 Prozent der Menschen in Deutschland Schwierigkeiten haben, Gesundheitsinformationen angemessen zu verstehen und zu nutzen – das ist eine strukturelle Herausforderung, die durch technische Infrastruktur allein nicht gelöst wird.

Das hat praktische Konsequenzen: Wer seine ePA nicht versteht, kann aus ihr keinen Nutzen ziehen. Wer nicht weiß, welche Apps seriös sind und welche nicht, ist in einem wachsenden Markt überfordert. Digitale Gesundheitskompetenz – also das Wissen, wie man digitale Gesundheitstools findet, bewertet und in den eigenen Alltag integriert – wird damit zu einer eigenständigen Ressource, deren Aufbau Zeit und verlässliche Informationsquellen erfordert. Der Kongress signalisierte: Ohne diese Kompetenz bleibt auch die beste digitale Infrastruktur wirkungslos.

Ausblick: Was nach dem Kongress kommt

Die politischen Beschlüsse des Hauptstadtkongresses 2026 werden die kommenden Monate prägen. Fest steht: Die ePA wird schrittweise funktional erweitert, der Transformationsfonds gibt der Digitalisierung finanziellen Rückenwind, und neue Versorgungsmodelle wie das GKV-Navigationstool – ein Triage-Instrument vor dem Arztbesuch, das der GKV-Spitzenverband für 2028 plant – werden das digitale Angebot weiter vergrößern. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das mehr Optionen, aber auch die Notwendigkeit, sich in einem schnell wachsenden Markt zu orientieren.

Informierte Entscheidungen beginnen mit verlässlichen Informationen – und mit Plattformen, die helfen, das passende digitale Angebot für die eigene Situation zu finden, statt nur weitere Daten zu speichern. Der Hauptstadtkongress 2026 hat erneut bestätigt: Die Transformation des deutschen Gesundheitssystems ist in vollem Gange. Wer sie aktiv mitgestalten will, fängt mit dem eigenen Gesundheitswissen an.

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