Von Redaktion

Hantavirus auf der MV Hondius: Andes-Variante bestätigt

Drei Tote auf dem Expeditionsschiff MV Hondius. WHO bestätigt Andes-Hantavirus, Mensch-zu-Mensch-Übertragung wird untersucht.

Auf dem niederländischen Expeditionsschiff MV Hondius sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation drei Menschen an einer Infektion mit dem Andes-Hantavirus gestorben. Drei weitere Erkrankte wurden über See evakuiert, eine deutsche Kontaktperson wird in der Düsseldorfer Uniklinik isoliert behandelt, ein weiterer Fall ist in der Schweiz dokumentiert. Es ist der erste belegte Hantavirus-Cluster auf einem Kreuzfahrtschiff überhaupt – und einer der wenigen Fälle, in denen die seltene Mensch-zu-Mensch-Übertragung des hochpathogenen Erregers in einer geschlossenen Population untersucht werden kann. Die WHO hat den Vorfall am 2. Mai 2026 als grenzüberschreitendes Gesundheitsereignis eingestuft und koordiniert das Contact-Tracing inzwischen über mehrere Länder hinweg.

Die Reise und der Krankheitsverlauf an Bord

Die MV Hondius war am 1. April 2026 mit 147 Passagieren und Besatzung von Ushuaia in Argentinien ausgelaufen. Geplant war eine klassische Expeditionsreise über die Antarktische Halbinsel, Südgeorgien, Nightingale Island, Tristan da Cunha und St. Helena Richtung Kapverden – eine Route, wie sie der niederländische Veranstalter Oceanwide Expeditions seit Jahren anbietet. Erste Krankheitsfälle traten zwischen dem 6. und 28. April auf, zunächst ohne erkennbares Muster. Die Bordärzte vermuteten eine respiratorische Virusinfektion oder eine schwere Norovirus-Welle und behandelten die Patientinnen und Patienten symptomatisch. Eine systematische Erfassung der Reiseanamnese der Erkrankten – wer war wo, wer hatte engen Kontakt zu wem – setzte erst ein, als der erste Patient verstarb.

Erst nach drei Todesfällen und einem rasch progredienten kritischen Verlauf wurde die WHO eingeschaltet. Sequenzierungen aus einem Krankenhaus auf den Kapverden bestätigten Anfang Mai die Andes-Variante des Hantavirus. Der aktuelle Fallstand der WHO (Stand 4. Mai 2026): drei laborbestätigte Hantavirus-Fälle, fünf Verdachtsfälle, drei Todesopfer – ein niederländisches Ehepaar sowie eine deutsche Reisende –, eine kritisch erkrankte Person und drei milde Verläufe. An Bord wurden Maskenpflicht, Single-Cabin-Belegung und Kontaktbeschränkungen angeordnet; ein Passagier berichtete laut 20 Minuten von rigiden Quarantäne-Regeln während der letzten Etappen der Reise.

Die Regierung der Kanaren verweigerte dem Schiff zwischenzeitlich das Einlaufen, sodass die schwer Erkrankten per Hubschrauber von einem benachbarten Tankschiff aus aufgenommen und auf das Festland geflogen werden mussten. Eine deutsche Kontaktperson wurde laut Tagesschau in die Düsseldorfer Uniklinik ausgeflogen, wo sie auf der Sonderisolierstation überwacht wird. Damit ist der Vorfall faktisch zu einem Stresstest der europäischen Sonderisoliereinheiten geworden – jene Strukturen, die nach den Ebola- und MERS-Ausbrüchen aufgebaut wurden, sind genau für solche Importszenarien gedacht.

Wahrscheinlicher Ursprung: eine Vogelbeobachtung in Patagonien

Argentinische Gesundheitsbehörden gehen davon aus, dass das verstorbene niederländische Ehepaar bereits vor Reisebeginn infiziert wurde. Die führende Hypothese: eine Vogelbeobachtungstour im Umland von Ushuaia, bei der die Gruppe unter anderem eine Mülldeponie besuchte. Solche Standorte sind klassische Habitate der Langschwanz-Reisratte (Oligoryzomys longicaudatus), des Hauptwirts des Andes-Virus. Wo sich Nahrungsabfälle stapeln und Nagetiere ungestört nisten, akkumulieren sich auch ihre Ausscheidungen – und mit ihnen Virus-RNA, die in feinen Staubpartikeln aerosolisiert eingeatmet werden kann.

Da die Inkubationszeit beim Andes-Virus überdurchschnittlich lang ist – im Median rund drei Wochen, in Einzelfällen bis zu sechs Wochen –, traten die ersten Symptome erst auf hoher See auf. Genau diese lange Latenz ist epidemiologisch kritisch: Sie verbirgt die Exposition vor dem Patienten, dem Bordarzt und einer routinemäßigen Reiseanamnese. Eine fieberhafte Infektion mit Magen-Darm-Beschwerden zwei Wochen nach einem Hafenbesuch wirkt wie ein banaler Reise-Infekt und nicht wie der Beginn einer hochletalen Lungeninfektion.

Die übrigen Erkrankungen an Bord stützen die These einer begrenzten sekundären Übertragung von Mensch zu Mensch. Eine alternative Erklärung – mehrere parallele Expositionen während derselben Landtour – wird zwar geprüft, gilt aber laut argentinischen Behörden als unwahrscheinlich, weil mehrere Erkrankte nie an Land waren oder andere Tagestouren wählten. Die Universidad Nacional del Comahue hat angekündigt, die Genom-Verwandtschaft der Bord-Isolate zu sequenzieren – eine clonale Verwandtschaft zwischen den Sekundärfällen wäre der bisher klarste Beleg für eine Mensch-zu-Mensch-Kette unter realen Reisebedingungen.

Was Hantaviren so gefährlich macht

Hantaviren sind eine Gruppe behüllter RNA-Viren mit segmentiertem Negativstrang-Genom aus der Familie Hantaviridae und der Gattung Orthohantavirus. Charakteristisch ist die strenge Kopplung jedes Virusstamms an eine spezifische Wirtsnagetier-Spezies, in der das Virus chronisch und symptomlos persistiert. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt fast ausschließlich durch Inhalation aerosolisierter Ausscheidungen infizierter Tiere – Urin, Kot, Speichel –, typischerweise beim Aufwirbeln kontaminierten Staubs in Ställen, Hütten, Lagerräumen oder auf Mülldeponien. Auch Bissverletzungen sind beschrieben, spielen epidemiologisch aber eine untergeordnete Rolle.

Klinisch werden zwei klar getrennte Krankheitsbilder unterschieden. Die Hantaviren der Alten Welt – Hantaan, Seoul, Puumala, Dobrava – verursachen das hämorrhagische Fieber mit renalem Syndrom (HFRS) mit Schwerpunkt akutes Nierenversagen, Thrombozytopenie und hämorrhagischen Komplikationen. In Deutschland zirkulieren laut Robert Koch-Institut vor allem Puumala (Reservoir Rötelmaus) und Dobrava (Reservoir Brandmaus). Die Erkrankung ist nach Infektionsschutzgesetz meldepflichtig; die jährlichen Fallzahlen schwanken zwischen wenigen Hundert und über zweitausend, abhängig von den sogenannten Mastjahren der Buche, die die Rötelmaus-Population vervielfachen. Die Letalität liegt je nach Stamm bei unter einem bis maximal zwölf Prozent.

Die Hantaviren der Neuen Welt – darunter Sin Nombre in Nordamerika und das Andes-Virus in Südamerika – verursachen das Hantavirus-Kardiopulmonale Syndrom (HCPS). Hier steht nicht die Niere, sondern Lunge und Kreislauf im Vordergrund: Innerhalb weniger Stunden entwickelt sich ein nicht-kardiogenes Lungenödem mit Atemversagen und kardiogenem Schock. Die Letalität bewegt sich zwischen 35 und 50 Prozent, in Argentinien wird sie laut WHO mit rund 40 Prozent angegeben. Eine spezifische antivirale Therapie oder ein zugelassener Impfstoff existieren bisher in keiner Region; die Behandlung ist rein supportiv.

Die Andes-Variante: hochvirulent und übertragbar

Das Andes-Virus (ANDV) wird vom Robert Koch-Institut als hochpathogen eingestuft und nimmt unter den Hantaviren eine Sonderstellung ein. Endemiegebiete liegen vor allem in den argentinischen Provinzen Río Negro, Chubut, Neuquén und Tierra del Fuego sowie in Chile zwischen Bío-Bío und Aysén – also exakt in jener Region, aus der die MV Hondius gestartet ist. Außerhalb dieser Korridore ist ANDV bislang nicht nachgewiesen, einzelne importierte Fälle in Europa und Nordamerika ausgenommen.

Was ANDV gegenüber allen anderen Hantaviren auszeichnet, ist die belegte Fähigkeit zur Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Erstmals wissenschaftlich dokumentiert wurde sie 1996 bei einem Ausbruch in El Bolsón, Argentinien, später bestätigt durch genomische Analysen: Die Virus-Sequenzen der Sekundärfälle waren zu eng verwandt, als dass eine unabhängige Tierexposition plausibel gewesen wäre. Übertragungsweg sind enge, anhaltende Kontakte – im Haushalt, beim Pflegen Erkrankter, bei sexuellen Kontakten und im medizinischen Setting ohne Schutzausrüstung. Casual contacts wie das Buffet oder das gemeinsame Deck eines Schiffes gelten weiterhin als geringes Risiko – was die Bedeutung der konkreten Konstellation an Bord einer Expedition erhöht.

Klinisch verläuft die ANDV-Infektion in vier Phasen. Die Prodromalphase (drei bis fünf Tage) zeigt unspezifische Symptome – hohes Fieber, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall – und wird häufig als Influenza oder Magen-Darm-Infekt fehlgedeutet. In der zweiten, kardiopulmonalen Phase entwickelt sich binnen 24 bis 48 Stunden ein nicht-kardiogenes Lungenödem durch erhöhte Kapillarpermeabilität, gefolgt von Atemversagen (ARDS) und kardiogenem Schock; in dieser Phase versterben die meisten Patienten. Bei Überlebenden folgt eine diuretische Phase mit Rückresorption der Lungenflüssigkeit und Polyurie, danach eine Wochen bis Monate dauernde Konvaleszenz mit häufiger Belastungsdyspnoe und reduzierter Lungenfunktion.

Behandelt wird ausschließlich supportiv: frühe Intensivverlegung, lungenprotektive Beatmung, restriktives Volumenmanagement, Vasopressoren, in schweren Fällen eine veno-arterielle ECMO als Brücke. Die frühe Erkennung und der Transport in ein Zentrum mit ECMO-Kapazität sind die wichtigsten prognostischen Faktoren – beides auf einem Schiff im Atlantik kaum zu leisten, was den schweren Verlauf mehrerer Hondius-Fälle erklärt. Auch der Einsatz monoklonaler Antikörper und von Rekonvaleszentenplasma ist in Studien geprüft worden, ohne dass bisher eine Standardtherapie etabliert wäre.

Risiko, Reisehinweis und Ausblick

Für die Bevölkerung in Europa besteht kein erhöhtes Risiko. Hantaviren werden nicht über die Atemluft im Alltag, nicht über Lebensmittel und nicht über Insekten übertragen. Die einzige relevante Sorge betrifft die Kontaktpersonen der Erkrankten und das medizinische Personal, das die evakuierten Patientinnen und Patienten behandelt – dort gelten verschärfte Hygiene-, Schutz- und Isolationsmaßnahmen entsprechend den Vorgaben für Hochkonsequenz-Erreger. Das in Düsseldorf etablierte STAKOB-Netzwerk (Ständiger Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren) verfügt über die nötige Infrastruktur und Erfahrung aus früheren Importfällen.

Für Reisende nach Patagonien gilt unverändert: Aufenthalte in Hütten, Ställen oder Lagerräumen mit Nagetierspuren meiden, Räume vor dem Betreten mehrere Minuten lüften, Reinigung mit feuchten Tüchern statt fegen, kein Aufwirbeln von Staub. Mülldeponien und unbewohnte Forsthütten sollten in der Hauptsaison komplett gemieden werden. Wer ländliche Unterkünfte oder Camping-Plätze nutzt, sollte Lebensmittel rodentensicher lagern und bauliche Lücken in Schlafbereichen abdichten. Bei einer fieberhaften Erkrankung mit respiratorischer Symptomatik nach einem solchen Aufenthalt – auch noch bis sechs Wochen später – ist die frühe ärztliche Vorstellung mit ausführlicher Reiseanamnese entscheidend, weil nur diese den Weg zur korrekten Diagnostik eröffnet.

Der Hondius-Cluster ist epidemiologisch ungewöhnlich, aber medizinisch konsistent mit dem bekannten Profil des Andes-Virus: Endemiegebiet, plausibler Indexfall mit Nagetierexposition vor Reisebeginn, lange Inkubation, schwerer pulmonaler Verlauf, Verdacht auf begrenzte sekundäre Übertragung in geschlossener Population. Die WHO bewertet das globale Risiko aktuell als gering, mahnt aber zugleich, dass Schiffe als Setting für Sekundärübertragungen bislang unterschätzt wurden. Mit der genomischen Aufarbeitung der Bord-Isolate dürfte sich in den kommenden Wochen klären, ob es sich um eine einzelne Übertragungskette oder um mehrere parallele Expositionen handelt – beides hätte erhebliche Konsequenzen für die Reisemedizin und für die Risikobewertung von Expeditionskreuzfahrten in tropische und subtropische Endemiegebiete.

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