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Von Bestes.com Redaktion
Gutartige Prostatavergrößerung 2024: Neue Leitlinie deckt Versorgungslücken auf
BPS betrifft jeden zweiten Mann ab 50. Die aktualisierte deutsche Leitlinie 2024 zeigt: Millionen Männer werden nicht leitliniengerecht behandelt.
Im Oktober 2024 hat die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) ihre aktualisierte S2e-Leitlinie zum Benignen Prostatasyndrom (BPS) veröffentlicht – und dabei eine beunruhigende Versorgungslücke dokumentiert: Trotz wirksamer Therapien werden Millionen betroffener Männer in Deutschland nicht leitliniengerecht behandelt. Das Syndrom, das jeden zweiten Mann ab 50 Jahren in irgendeiner Form betrifft, gilt zu Unrecht noch immer als unabänderliches Altersschicksal.
## Was ist das Benigne Prostatasyndrom (BPS)?
Der Begriff "Benignes Prostatasyndrom" (BPS) hat in der Medizin weitgehend den älteren Begriff "Benigne Prostatahyperplasie (BPH)" abgelöst, da er das gesamte Spektrum der Symptome besser beschreibt. Denn nicht immer ist eine vergrößerte Prostata allein für die Beschwerden verantwortlich.
Das BPS umfasst eine Kombination aus:
- **Speichersymptomen:** häufiger Harndrang, Nykturie (nächtliches Wasserlassen), imperativer Harndrang
- **Entleerungssymptomen:** abgeschwächter Harnstrahl, Nachträufeln, Harnstottern, verlängertes Wasserlassen
- **Postmiktionssymptomen:** Gefühl der unvollständigen Blasenentleerung
Ursache ist meist eine altersbedingte Zunahme von Drüsen- und Bindegewebe in der Übergangszone der Prostata, die die Harnröhre einengt. Rund 50 Prozent der Männer ab 50 Jahren zeigen histologische Zeichen einer Prostatahyperplasie, von denen etwa die Hälfte behandlungsbedürftige Symptome entwickelt.
## Aktualisierte Leitlinie 2024: Was ist neu?
Die im Oktober 2024 überarbeitete AWMF-S2e-Leitlinie (Registernummer 043-034) der DGU fasst erstmals Diagnostik und Therapie in einem Dokument zusammen. Wichtige Neuerungen:
**Watchful Waiting bei milden Symptomen:** Männer mit IPSS-Score ≤ 7 und ohne Risikofaktoren können zunächst engmaschig beobachtet werden ohne sofortige Medikation.
**Kombinationstherapie früher empfohlen:** Bei mittleren bis schweren Symptomen (IPSS > 7) und vergrößerter Prostata (> 30 ml) empfiehlt die Leitlinie nun früher eine Kombination aus Alpha-Blocker und 5-Alpha-Reduktase-Hemmer, anstatt die Eskalation abzuwarten.
**Minimalinvasive Verfahren gleichwertig:** UroLift (Prostata-Urethral-Lift) und Rezum (Wasserdampftherapie) werden als gleichwertige Alternativen zur transurethralen Resektion der Prostata (TURP) für Patienten mit mittleren Symptomen und Prostata 30–80 ml anerkannt.
"Die Versorgungsrealität zeigt, dass viele Männer unnötig lange leiden, obwohl wirksame, minimalinvasive Optionen vorhanden sind", betonte Prof. Dr. Christian Gratzke, Erstautor der Leitlinie, bei der Vorstellung auf dem Kongress der DGU im Oktober 2024.
## Medikamentöse Therapieoptionen
**Alpha-Blocker** (z.B. Tamsulosin, Silodosin) entspannen die Muskulatur in Prostata und Blasenhals und verbessern den Harnfluss innerhalb weniger Tage. Sie sind First-Line-Medikament bei akuten Entleerungssymptomen.
**5-Alpha-Reduktase-Hemmer** (Finasterid, Dutasterid) reduzieren die Prostatagröße um 20–30 Prozent nach 6–12 Monaten. Geeignet bei Prostatavolumen > 30 ml, wirken aber erst nach mehrmonatiger Einnahme. Wichtig: Sie senken den PSA-Wert um 50 Prozent – das muss bei der Krebsvorsorge berücksichtigt werden.
**PDE-5-Hemmer** (Tadalafil 5 mg täglich) werden nun auch bei BPS mit gleichzeitiger erektiler Dysfunktion empfohlen und sind seit 2023 zugelassen.
**Phytotherapeutika** (Sägepalmenextrakt, Brennnesselwurzel) haben in der Leitlinie keinen gesicherten Stellenwert mehr – die Evidenz ist zu schwach für eine Empfehlung.
## Minimalinvasive Verfahren: Schonend und wirksam
### UroLift (Prostata-Urethral-Lift)
Beim UroLift werden kleine Implantate durch die Harnröhre eingebracht, die das überschüssige Prostatagewebe mechanisch zur Seite halten und die Harnröhre öffnen. Der Eingriff dauert 10–20 Minuten, ist in Lokalanästhesie möglich und erhält die sexuelle Funktion. Studien zeigen anhaltende Wirksamkeit über 5 Jahre.
### Rezum (Wasserdampftherapie)
Bei der Rezum-Therapie wird steriler Wasserdampf in die vergrößerte Prostatazone injiziert. Die Wärme zerstört gezielt überschüssiges Gewebe, das dann vom Körper abgebaut wird. Studien zeigen signifikante Symptomlindung über 4 Jahre, die sexuelle Funktion bleibt erhalten. Die MHH Hannover bietet das Verfahren seit 2017 an.
### Aquablation
Die robotergestützte Wasserstrahl-Ablation erlaubt eine präzise, ultraschallgesteuerte Gewebeentfernung – besonders bei großen Prostaten (> 80 ml). Die Charité Berlin und weitere Universitätskliniken bieten das Verfahren an.
### Klassische TURP weiterhin Goldstandard
Die transurethrale Resektion der Prostata (TURP) bleibt Referenzverfahren bei schweren Symptomen, großen Prostaten oder Komplikationen. Neue Varianten wie Holmium-Laser-Enukleation (HoLEP) ermöglichen ambulantere Eingriffe.
## Wann zum Arzt?
Hausärzte und Urologen empfehlen, Beschwerden beim Wasserlassen nicht als "normal" hinzunehmen. Der standardisierte Fragebogen IPSS (International Prostate Symptom Score) hilft bei der Selbsteinschätzung und ist Grundlage der ärztlichen Diagnostik.
Warnsignale, die eine sofortige Vorstellung erfordern: akuter Harnverhalt, Blut im Urin, wiederkehrende Harnwegsinfektionen, Nierenschmerzen oder Restharnmengen > 200 ml im Ultraschall.
Ab 45 Jahren empfiehlt die DGU eine regelmäßige urologische Vorsorgeuntersuchung – auch zur PSA-Kontrolle. Männer mit familiärem Prostatakrebs-Risiko sollten bereits ab 40 mit dem Urologen sprechen.
## Lebensstil und begleitende Maßnahmen
Neben medikamentöser und operativer Therapie helfen verhaltensbasierte Maßnahmen, die BPS-Symptomatik zu lindern: Die Abendtrinkmenge zu reduzieren verbessert Nykturie deutlich. Koffein und Alkohol reizen die Blase und sollten eingeschränkt werden. Beckenbodentraining stärkt die Blasenkontrolle und kann drangbedingte Symptome mindern. Regelmäßige körperliche Aktivität ist mit einem niedrigeren BPS-Risiko assoziiert – möglicherweise über antiinflammatorische und hormonstabilisierende Mechanismen.
Adipositas erhöht das BPS-Risiko und den Schweregrad der Symptome durch hormonelle Effekte (erhöhtes Östrogen, erhöhtes Insulin). Gewichtsreduktion kann die Symptomatik nachweislich verbessern. Stressbewältigung und Beckenbodenkurse werden von einigen Krankenkassen als Präventionsleistung bezuschusst.
Auf bestes.com finden Sie Informationen zu Männergesundheits-Apps, Urologen-Suche und Selbsthilfegruppen bei Prostataerkrankungen.
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**Quellen:**
- AWMF: S2e-Leitlinie "Diagnostik und Therapie des Benignen Prostatasyndroms" (Registernummer 043-034, 2024); https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/043-034
- Deutsche Apotheker Zeitung: "Benignes Prostatasyndrom: aktualisierte Leitlinie macht Versorgungslücke deutlich" (Oktober 2024); https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de
- Pharmazeutische Zeitung: "Benignes Prostatasyndrom: Kernpunkte der neuen Leitlinie"; https://www.pharmazeutische-zeitung.de
- Uniklinik Mainz: Rezum-Therapie bei BPH; https://www.unimedizin-mainz.de
- Charité Berlin: Gutartige Prostatavergrößerung; https://urologie.charite.de