Mental Health Studie
Von Bestes.com Redaktion
Größte Cannabis-Übersicht: Keine Wirkung bei Angst, Depression, PTBS
Größte Cannabis-Übersicht warnt: Medizinalcannabis wirkt nicht bei Angst, Depression und PTBS – und kann psychische Erkrankungen sogar verschlimmern.
Medizinisches Cannabis wird von Millionen Menschen gegen Angststörungen, Depression und Traumafolgestörungen eingesetzt – doch die wissenschaftliche Grundlage fehlt. Das zeigt die bisher umfassendste systematische Übersichtsarbeit zu medizinischem Cannabis und psychischer Gesundheit, erschienen im Lancet am 17. März 2026 [1]. Schlimmer noch: Die Forscher warnen, die Einnahme könne psychische Erkrankungen sogar verschlimmern und den Beginn wirksamer Behandlungen verzögern – mit möglicherweise gravierenden Folgen für Betroffene.
## Die größte Übersichtsarbeit dieser Art
Forscher der University of Sydney werteten 54 randomisierte, kontrollierte Studien aus einem Zeitraum von 45 Jahren aus – von 1980 bis 2025 [1]. Eine randomisierte kontrollierte Studie gilt als Goldstandard der medizinischen Forschung: Teilnehmer werden per Zufall entweder in eine Behandlungsgruppe oder eine Kontrollgruppe eingeteilt. Das ist der größte Datensatz, der je zu diesem Thema zusammengetragen wurde.
Das Fazit: Für die Behandlung von Angststörungen, Depression und PTBS gibt es keine belastbare wissenschaftliche Grundlage. Die Qualität der vorliegenden Studien war durchgehend niedrig. "Die routinemäßige Verwendung von medizinischem Cannabis bei diesen Erkrankungen könnte mehr schaden als nützen", sagte Erstautor Dr. Jack Wilson von der University of Sydney [1].
## Die Risiken: Psychose, Abhängigkeit, verzögerte Behandlung
Als konkrete Risiken nennen die Forscher drei Punkte. Erstens: eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Psychosen – vor allem bei regelmäßigem Konsum von hochdosiertem THC (Tetrahydrocannabinol). Zweitens: die Entwicklung einer Cannabis-Abhängigkeit, die selbst eine psychiatrische Erkrankung ist. Drittens: die Verzögerung bewährter Therapien wie der kognitiven Verhaltenstherapie oder Antidepressiva [1]. Wenn Menschen statt einer wirksamen Behandlung lieber Cannabis nehmen, verlieren sie wertvolle Zeit – und die Erkrankung kann sich festigen.
## Wo Cannabis möglicherweise hilft
Die Übersichtsarbeit fand schwache Hinweise auf einen Nutzen bei einigen anderen Erkrankungen: Schlafstörungen, Autismus, Tics beim Tourette-Syndrom und Cannabis-Abhängigkeit selbst. Für Krebspatienten, bei denen medizinisches Cannabis zur Linderung von Übelkeit durch Chemotherapie eingesetzt wird, lieferte die Analyse ebenfalls moderate Belege [1]. Für therapieresistente Epilepsie – insbesondere bei Kindern mit dem Dravet-Syndrom – gibt es zugelassene CBD-Medikamente mit klarer Evidenz.
## Warum trotzdem so viele Menschen Cannabis gegen Angst nutzen
Trotz fehlender Evidenz berichten viele Betroffene von subjektiv empfundener Erleichterung. Das lässt sich teilweise durch den Placebo-Effekt erklären. Zudem unterdrückt Cannabis kurzfristig Stressreaktionen und erzeugt ein Gefühl der Entspannung, ohne die zugrunde liegende Angststörung zu behandeln. Langfristig kann das zu Abhängigkeit und Toleranzentwicklung führen: Es braucht immer mehr Cannabis für den gleichen Effekt [2].
In Deutschland ist medizinisches Cannabis seit 2017 auf ärztliche Verschreibung erhältlich. Nach einer Gesetzesänderung 2024 dürfen Erwachsene zudem begrenzte Mengen zum Eigengebrauch besitzen. Die Zahl der Cannabis-Patienten stieg seitdem stark an – darunter viele, die es gegen Angst und Schlafprobleme einsetzen.
## Was bei Angst und Depression wirklich hilft
Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie (DGPPN) empfehlen als erste Wahl bei Angststörungen: kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und, wo nötig, Antidepressiva (vor allem SSRI wie Escitalopram oder Sertralin). KVT ist die am besten belegte Behandlung bei Angststörungen mit Langzeitwirkung. Bei Depression ist ebenfalls KVT alleine oder in Kombination mit Medikamenten der Goldstandard. Für PTBS sind EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) und traumafokussierte KVT die Therapien mit der stärksten Evidenz.
## Häufige Fragen
**Ist medizinisches Cannabis für alle psychischen Erkrankungen ungeeignet?**
Die aktuelle Studienlage zeigt keine Wirksamkeit für Angst, Depression und PTBS. Für andere Erkrankungen wie therapieresistente Epilepsie oder Chemotherapie-Übelkeit gibt es bessere Belege. Für jeden Einzelfall entscheidet der behandelnde Arzt. Selbstbehandlung mit Cannabis ohne ärztliche Begleitung ist nicht ratsam.
**Warum wird Cannabis dann noch verschrieben?**
Weil das Gesetz es erlaubt und Ärzte im Einzelfall abwägen. Das bedeutet nicht, dass es bei psychischen Erkrankungen wirkt – nur dass es legal verordnet werden kann. Finde Psychotherapeuten und Psychiater in deiner Nähe auf bestes.com/services.
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**Quellen:**
[1] Wilson JR et al. "Medicinal cannabis for mental health conditions: a systematic review and meta-analysis." The Lancet. 17. März 2026. https://www.sydney.edu.au/news-opinion/news/2026/03/17/no-evidence-to-suggest-medicinal-cannabis-is-effective-for-depre.html
[2] ScienceDaily. "Huge study finds no evidence cannabis helps anxiety, depression, or PTSD." 19. März 2026. https://www.sciencedaily.com/releases/2026/03/260319044656.htm
## Was das für Patienten bedeutet
Für die rund 100.000 Menschen in Deutschland, die legal Medizinalcannabis verschrieben bekommen, ist die Studie ein wichtiges Korrektiv – aber kein Grund zur Panik. Erstens: Ein Großteil der Verschreibungen erfolgt für chronische Schmerzen, Appetitlosigkeit bei Tumor-Erkrankungen, spastische Lähmungen oder Nausea in der Chemotherapie. Für diese Indikationen fehlt in der aktuellen Übersicht eine Aussage über fehlende Wirksamkeit. Zweitens: Jede Medikation erfordert eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung [1].
Wer Medizinalcannabis bei psychischen Erkrankungen wie Angst oder Depression einnimmt, sollte die Befunde der Studie mit dem behandelnden Arzt besprechen. Alternativen – von evidenzbasierten Psychotherapien bis zu modernen Antidepressiva und Anxiolytika – haben ein deutlich stärkeres Evidenzprofil für diese Indikationen [2].
In Deutschland ist Medizinalcannabis seit der Reform 2024 für bestimmte Indikationen legalisiert, aber nach wie vor verschreibungspflichtig. Ärzte, die Cannabis-Erfahrung und gleichzeitig eine psychotherapeutische Ausbildung haben, sind auf [bestes.com/services](https://bestes.com/services) unter "Psychiatrie" und "Schmerzmedizin" zu finden.
Grundsätzlich gilt: Wer Medikamente – auch pflanzliche oder rezeptfreie – einnimmt oder absetzen möchte, sollte dies immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt tun. Eigenständiges Absetzen von Antidepressiva oder Anxiolytika kann zu Entzugserscheinungen führen und ist medizinisch riskant.