Von Redaktion

Ein Jahr ePA: Warum aus digitalen Akten kaum Mehrwert entsteht

Rund 70 Millionen GKV-Versicherte haben automatisch eine ePA — aber laut Hausärzteverband ist sie eine 'unsortierte PDF-Sammlung'. Ein Jahr nach dem Start: Was falsch läuft und was 2026 noch kommt.

Rund 70 Millionen gesetzlich Versicherte in Deutschland haben seit Anfang 2025 eine elektronische Patientenakte — die meisten, ohne es zu wissen. Der Start verlief reibungslos auf dem Papier. In der Praxis aber zieht ein Jahr nach Einführung eine der größten Ärztevertretungen Deutschlands eine ernüchternde Bilanz.

Hausärzteverband: "Unsortierte PDF-Sammlung"

Markus Beier, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, brachte es im Februar 2026 auf den Punkt: Die ePA sei derzeit "eine unsortierte PDF-Sammlung, mit der Praxen im Alltag nur wenig anfangen können". Mühsam müssten sich Ärztinnen und Ärzte durch unzählige Dokumente arbeiten — eine Volltextsuche fehlt vollständig. Ein bundesweiter Start dieser Funktion ist laut Berichten frühestens im Januar 2027 geplant.

Gleichzeitig kritisierte Beier den Registrierungsprozess als "absurd kompliziert", der selbst digital affine Menschen irgendwann frustrieren lasse. Das Ergebnis: Die allerwenigsten Patienten hätten sich ihre Akte je angeschaut, obwohl sie automatisch angelegt wurde. Außerdem belasten häufige technische Störungen und Ausfälle im Netzwerk der Telematikinfrastruktur den Praxisalltag: "Das frisst in den Praxen unglaublich viel Zeit und sorgt für enormen Frust", so Beier. Sein Resümee: "Die ePA scheitert derzeit also nicht an den Praxen, sondern an der mangelhaften Umsetzung und der störungsanfälligen Technik."

Das Opt-out-Prinzip: Millionen Akten, wenig Inhalt

Das seit Anfang 2025 geltende Opt-out-Modell hat schnell für Masse gesorgt. Von den rund 74 Millionen gesetzlich Versicherten haben rund 70 Millionen automatisch eine ePA erhalten — es sei denn, sie widersprachen aktiv. Seit dem 1. Oktober 2025 sind Arztpraxen und Kliniken gesetzlich verpflichtet, wichtige Befunde, Laborwerte und Medikamentenlisten in die Akte einzustellen.

Doch die schiere Zahl der Akten sagt wenig über ihre Nutzbarkeit. Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt beschrieb die ePA auf der Bitkom Digital Health Conference Ende 2025 als "digitalen Schuhkarton" voller PDF-Dokumente. Sein Fazit: "Wir sind Lichtjahre davon entfernt, qualifiziert mit der ePA arbeiten zu können." Eine intelligente Suche fehlt, eine Unterstützung bei diagnostischen Entscheidungen ist nicht absehbar.

Pflegeheime hängen weit zurück

Laut dem TI-Atlas 2025 der gematik waren zum Zeitpunkt der Erhebung nur 23 Prozent der Pflegeheime vollständig an die Telematikinfrastruktur angeschlossen. Zwar planten weitere 27 Prozent die Anbindung bis Jahresende — doch selbst optimistisch gerechnet bleibt die Mehrheit der Einrichtungen außen vor. Dabei sind Pflegeheime genau jene Orte, an denen eine zentrale digitale Akte den größten Mehrwert bringen könnte: chronisch Kranke und hochbetagte Menschen mit komplexen Behandlungsverläufen. Ohne ihre Integration bleibt die ePA ein Torso.

Rund 60 Prozent der befragten Einrichtungen bewerten die Stabilität der TI-Anwendungen als "gut" — allerdings variiert das stark je nach genutztem Softwarehersteller. Von Standardisierung kann keine Rede sein.

Vergütung verlängert — als Zeichen der Baustelle

Ende November 2025 einigten sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband auf eine Fristverlängerung: Praxen erhalten bis zum 30. Juni 2026 weiterhin rund 11,34 Euro pro Patient für das erstmalige Befüllen der Akte. Ursprünglich sollte die Regelung Ende 2025 auslaufen. Grund laut KBV: Verhandlungen über ein neues Vergütungsmodell dauern noch an.

Das Signal ist eindeutig. Die Verantwortlichen rechnen damit, dass strukturelle und technische Probleme noch mindestens bis Mitte 2026 ungelöst bleiben — sonst hätte man die Förderung nicht verlängert.

Was kommt als nächstes?

Für die zweite Jahreshälfte 2026 sind mehrere Verbesserungen geplant. Ab Oktober 2026 soll ein elektronischer Medikationsplan bundesweit in der ePA verfügbar sein — ein wichtiges Feature für Patientinnen und Patienten, die mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen. Außerdem soll die Forschungsdatenspende eingeführt werden, die es Versicherten erlaubt, ihre anonymisierten Gesundheitsdaten für wissenschaftliche Zwecke freizugeben.

Längerfristig setzt das Bundesgesundheitsministerium auf "tiefe Integration": Daten sollen künftig automatisch zwischen Praxissystemen und der ePA fließen, ohne manuelle Uploads. Softwarehersteller könnten dabei zu Interoperabilitätsstandards verpflichtet werden.

Was bedeutet das für dich als Patient?

Wer sich nicht aktiv mit seiner ePA befasst hat, hat wahrscheinlich trotzdem eine. Der einfachste erste Schritt: Die App der eigenen Krankenkasse öffnen und nachsehen, welche Dokumente bereits hinterlegt sind. Manche Kassen bieten auch eine eigenständige ePA-App an.

Wichtig zu wissen: Die ePA ist keine Pflicht zur Nutzung. Wer die Akte nicht möchte, kann ihr gegenüber der Krankenkasse aktiv widersprechen — formlos, jederzeit. Wer sie nutzt, behält das Recht, einzelne Dokumente zu sperren oder bestimmten Ärzten keinen Zugriff zu gewähren.

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