Sieben von zehn Patientinnen und Patienten in Deutschland empfinden den Digitalisierungsfortschritt im Gesundheitswesen als zu langsam. Das ist das zentrale Ergebnis des Digital Health Report 2026, für den das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag von Doctolib 1.000 Patientinnen und Patienten sowie 414 Ärztinnen, Ärzte und medizinische Fachkräfte befragt hat. Gleichzeitig sind 79 Prozent der Ärzteschaft überzeugt: Digitale Anwendungen helfen bei der Versorgung. Die Diagnose des Reports ist klar – nicht fehlender Wille, sondern strukturelle Hindernisse bremsen den Wandel.
Der Alltag: Terminchaos statt digitaler Erleichterung
Wer in Deutschland einen Arzttermin sucht, weiß, wie aufwendig das sein kann. Der Digital Health Report 2026 beziffert das Problem erstmals mit einer konkreten Zahl: 64 Prozent der Befragten haben mindestens einmal auf einen Arztbesuch verzichtet, weil die Suche nach einer Praxis oder einem freien Termin zu schwierig war. Das ist kein Randphänomen. Fast zwei Drittel der deutschen Patientinnen und Patienten erleben die Zugangshürden zum Gesundheitswesen als konkretes Hindernis für ihre Versorgung.
Lösungen sind bekannt. Digitale Terminbuchung, strukturierte Wartelistenverwaltung und Online-Anamnese werden von den Befragten ausdrücklich als Bereicherung bewertet. Das Problem: Sie sind nicht flächendeckend implementiert. In vielen Praxen läuft die Terminvergabe noch über das Telefon, während andere Branchen seit Jahren auf volldigitale Prozesse setzen.
79 Prozent der Ärzte sehen den Nutzen – aber die Umsetzung stockt
Die Befragung der Fachkräfte zeigt ein bemerkenswertes Ergebnis: Fast vier von fünf Ärztinnen, Ärzten und medizinischen Fachkräften bewerten digitale Anwendungen als hilfreich für die Patientenversorgung. Das ist keine laue Zustimmung – es ist ein deutliches Signal aus der Praxis, dass der medizinische Nutzen digitaler Werkzeuge von den Anwendenden anerkannt wird.
Warum geht es trotzdem so langsam? Der Report benennt die Bremsen präzise: Bürokratie, fehlende Schnittstellen zwischen den Systemen, unklare Zuständigkeiten und eine Infrastruktur, die in Jahrzehnten des Föderalismus gewachsen ist – und selten miteinander kommuniziert. Ärzte wollen digitale Tools einsetzen. Sie können es oft nicht, weil das Umfeld nicht mitspielt.
Deutschland abgehängt – so sehen es die Patienten selbst
Besonders deutlich fällt die internationale Einschätzung aus: 68 Prozent der Patienten sind überzeugt, dass Deutschland im digitalen Gesundheitsbereich international bereits den Anschluss verloren hat. Das ist keine abstrakte Klage, sondern ein konkreter Vertrauensverlust. Wer im Urlaub erlebt, wie ein QR-Code auf dem Telefon den Check-in beim Arzt übernimmt, und zu Hause wieder auf die Warteschleifen-Musik der Praxishotline wartet, zieht eigene Schlüsse.
Nur 19 Prozent der Befragten zeigen sich zufrieden mit dem aktuellen Stand der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen. Das bedeutet: 81 Prozent sehen Verbesserungsbedarf – ein Wert, der selten so eindeutig ausfällt.
Das ist kein Angriff auf das Gesundheitssystem, sondern ein Vertrauensauftrag. Der Report selbst spricht von einem Wendepunkt – einem Moment, in dem die politische Entscheidung zwischen weiterem Verzug und ernsthafter Umsetzung fällt. Skandinavische Länder wie Dänemark oder Estland zeigen, dass eine umfassende digitale Gesundheitsinfrastruktur möglich ist – ohne dass dabei Datenschutz oder Versorgungsqualität leiden.
Datenteilung und KI: Bereitschaft ist vorhanden
Ein weiteres Ergebnis des Reports verdient besondere Aufmerksamkeit: 65 Prozent der Befragten würden ihre Gesundheitsdaten freiwillig teilen – wenn sie jederzeit widersprechen können. Das ist ein klares Signal für die Debatte um die Elektronische Patientenakte (ePA), die seit Januar 2025 schrittweise eingeführt wird. Vertrauen ist vorhanden, wenn Kontrolle garantiert ist.
Auch bei KI-gestützten Anwendungen zeigt sich Offenheit: 72 Prozent würden einen KI-Terminassistenten nutzen, der Arztbesuche vorbereitet oder Wartezeiten optimiert. Die Skepsis gilt nicht der Technologie selbst, sondern ihrer fehlenden Verfügbarkeit im Praxisalltag.
Was das für Nutzer digitaler Gesundheits-Apps bedeutet
Der Digital Health Report 2026 liefert einen doppelten Befund: Die Nachfrage ist klar, das Angebot fragmentiert. Für Menschen, die heute aktiv nach digitaler Gesundheitsunterstützung suchen, existieren bereits geprüfte Lösungen – auch wenn das öffentliche Bewusstsein dafür begrenzt ist.
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die vom BfArM zugelassen sind und von Ärztinnen und Ärzten auf Rezept verordnet werden können, adressieren genau jene Bereiche, die im Report als besonders relevant identifiziert werden: psychische Gesundheit, Bewegungsapparat, chronische Erkrankungen. HelloBetter etwa bietet evidenzbasierte Online-Programme gegen Depressionen und Angststörungen, Kaia Health eine KI-gestützte Therapie bei chronischen Rückenschmerzen – beide kassenfinanziert.
Einen unabhängigen Überblick über geprüfte Gesundheits-Apps, sortiert nach Indikation, Zulassungsstatus und Nutzerbewertungen, bietet bestes.com. Die Plattform vergleicht DiGA, Telemedizin-Dienste und weitere digitale Gesundheitsangebote – ohne Werbung, ohne Affiliate-Links zu einzelnen Anbietern.
Häufige Fragen
Was ist der Digital Health Report 2026?
Eine repräsentative Befragung von 1.000 Patientinnen und Patienten sowie 414 medizinischen Fachkräften in Deutschland, durchgeführt von YouGov im Auftrag von Doctolib. Der Report untersucht, wie Ärzte und Patienten die Digitalisierung des Gesundheitswesens erleben, welche Barrieren bestehen und wo die größten Fortschrittspotenziale liegen.
Welche konkreten Probleme nennt der Report?
64 Prozent der Patienten haben auf Arzttermine verzichtet, weil die Terminfindung zu schwierig war. 68 Prozent sehen Deutschland international abgehängt. Als Hauptbremsen identifiziert der Report: Bürokratie, fehlende Systeminteroperabilität und unklare Zuständigkeiten.
Welche digitalen Gesundheitsanwendungen können Patienten heute nutzen?
Bereits verfügbar sind vom BfArM zugelassene DiGA (digitale Gesundheitsanwendungen), die Ärzte auf Rezept verordnen können und von gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Dazu kommen Telemedizin-Dienste für Videosprechstunden ohne Fahrtaufwand. Einen neutralen Vergleich aller geprüften Angebote bietet bestes.com.
Quellen:
[1] Digital Health Report 2026, YouGov im Auftrag von Doctolib, April 2026. Berichtet u.a. bei arzt-wirtschaft.de und zm-online.de.