DAK Mediensucht-Studie 2026: 1,4 Millionen Kinder mit problematischer Social-Media-Nutzung
Neue DAK-Studie: Mehr als 1,4 Mio. Kinder zeigen problematische Social-Media-Muster. KI-Chatbots werden von psychisch belasteten Jugendlichen gegen Einsamkeit genutzt.
Mehr als 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland zeigen ein problematisches Verhältnis zu sozialen Medien. Das zeigt die achte Erhebungswelle der DAK Mediensucht-Studie, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt wurde. Die Daten wurden im September und Oktober 2025 erhoben und 2026 veröffentlicht. Erstmals wurde darin auch die Nutzung generativer KI-Chatbots wie ChatGPT untersucht – mit beunruhigenden Befunden für psychisch belastete Minderjährige.
Social-Media-Sucht auf Höchststand
6,6 Prozent der befragten 10- bis 17-Jährigen nutzen soziale Medien pathologisch – das ist laut DAK-Studie 2026 der höchste Wert seit Juni 2022. Hinzu kommen 21,5 Prozent, deren Nutzung als riskant eingestuft wird. In der Summe zeigt mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland problematische Social-Media-Muster. Hochgerechnet entspricht das über 1,4 Millionen jungen Menschen.
Die tägliche Nutzungszeit ist hoch: Werktags verbringen Kinder und Jugendliche im Schnitt 146 Minuten auf Social-Media-Plattformen, am Wochenende sogar 201 Minuten – also mehr als drei Stunden täglich. Mädchen und Jungen sind gleichermaßen betroffen, während Ältere (14–17 Jahre) häufiger eine pathologische Nutzung zeigen als Jüngere (10–13 Jahre).
Online-Videos: Riskante Nutzung steigt um 60 Prozent
Besonders alarmierend ist die Entwicklung beim Videostreaming. Im Vergleich zum Vorjahr ist die riskante Nutzung von Online-Videos unter Kindern und Jugendlichen laut der Längsschnittstudie um 60 Prozent signifikant gestiegen – ein neuer Höchststand seit Beginn der Erhebungen. Mehr als 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche zeigen inzwischen problematische Muster beim Videokonsum, deutlich mehr als im Vorjahr.
Das DZSKJ sieht darin ein klares Signal: Die suchtfördernden Mechanismen von Kurzvideo-Plattformen wie Autoplay, endloses Scrollen und algorithmenbasierte personalisierte Empfehlungen müssen stärker in den Fokus von Prävention und Regulierung rücken.
Gaming: Mehr als 700.000 Kinder betroffen
Digitale Spiele betreffen vor allem Jungen: 4,5 Prozent der Befragten gelten als pathologische Gamer nach ICD-11-Kriterien, 6,6 Prozent als riskante Nutzer. Insgesamt weisen mehr als 700.000 Kinder und Jugendliche problematische Spielmuster auf. Jungen sind dabei fast dreimal so häufig betroffen wie Mädchen – ein größerer Unterschied als noch im Vorjahr. Positiv: Die durchschnittliche Gaming-Zeit ist leicht zurückgegangen, von 105 auf 89 Minuten werktags.
KI-Chatbots als neue Herausforderung
Erstmals untersuchte die Studie die Nutzung generativer KI-Chatbots wie ChatGPT. Die Ergebnisse zeigen, wie tief diese Technologien bereits im Alltag junger Menschen angekommen sind: 27,2 Prozent der 10- bis 17-Jährigen nutzen gKI-Chatbots mehrmals pro Woche bis täglich. ChatGPT dominiert mit 87,7 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer, gefolgt von Meta AI (34,6 Prozent) und Gemini (33,4 Prozent).
Die häufigsten Nutzungsmotive sind schulische Hilfe, Informationssuche und Neugier. Doch ein beunruhigendes Muster zeigt sich bei psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen: Wer stärkere Symptome von Depressionen, Angst oder Stress berichtet, nutzt KI-Chatbots signifikant häufiger, um sich von negativen Gefühlen abzulenken, Einsamkeit zu lindern oder vertrauliche Themen zu besprechen. Fast acht Prozent der Minderjährigen nutzen KI-Anwendungen laut DAK-Studie gegen ihre Einsamkeit.
Eltern unterschätzen das Risiko im Jugendalter
Die Studie beleuchtet auch das Schutzverhalten von Eltern. Während sich Eltern jüngerer Kinder (10–13 Jahre) im Vergleich zum Vorjahr signifikant häufiger über Online-Gefahren informieren, nimmt das elterliche Engagement mit zunehmendem Alter der Kinder deutlich ab. Bei Teenagern (14–17 Jahre) setzen 40 bis 60 Prozent der Eltern kaum noch medienschutzbezogene Maßnahmen ein. Gerade in dieser Altersgruppe sind pathologische Nutzungsmuster jedoch besonders verbreitet.
„Kinder und Jugendliche sind aufgrund neurobiologischer Reifungsprozesse und bedeutender soziopsychologischer Entwicklungsaufgaben besonders hinsichtlich einer Mediensucht gefährdet", erklärt Dr. Kerstin Paschke vom UKE Hamburg laut dem Ergebnisbericht der Studie. Ihr Appell: Es brauche einen gesamtgesellschaftlichen Schulterschluss aus gesetzlichen Rahmenbedingungen, Resilienzförderung sowie effektiver Medienkompetenzbildung in Familie und Schule.
Was Eltern und Jugendliche jetzt tun können
Die Expertinnen und Experten des DZSKJ empfehlen konkrete Schritte: Eltern sollten den Dialog über Mediennutzung aktiv suchen – auch und gerade mit Teenagern. Zeitlimits und Inhaltssperren allein reichen nicht; entscheidend sei die begleitende Kommunikation über Online-Risiken. Für Kinder und Jugendliche selbst sei die Förderung analoger Freizeitaktivitäten und psychischer Resilienz zentral.
Bei Hinweisen auf eine problematische Mediennutzung – etwa wenn Schulleistungen leiden, soziale Kontakte vernachlässigt werden oder Entzugserscheinungen bei Smartphoneentzug auftreten – empfehlen Fachleute eine frühzeitige Beratung, etwa bei kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen oder spezialisierten Suchtberatungsstellen.