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Von Redaktion

Chronischer Schmerz 2026: Neue Leitlinie, neue Substanzen – und warum Bewegung wirksamer ist als Opioide

Rund 23 Millionen Deutsche leiden an chronischem Schmerz. Eine neue AWMF-Leitlinie 2026 und aktuelle Studiendaten stärken den multimodalen Ansatz. Was wirklich hilft.

Im März 2026 hat die Deutsche Schmerzgesellschaft zusammen mit zwölf weiteren Fachgesellschaften und Patientenorganisationen die erste S2k-Leitlinie zur stationären interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie (IMST) bei Kindern und Jugendlichen veröffentlicht. Damit schließt die deutsche Schmerzmedizin eine jahrelange Versorgungslücke. Für Erwachsene steht außerdem die seit Langem überfällige Überarbeitung der LONTS-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen vor dem Abschluss. Anlass, den aktuellen Stand der Schmerztherapie zusammenzufassen – denn chronischer Schmerz ist eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen in Deutschland. ## Wenn Schmerz zur eigenständigen Erkrankung wird Chronischer Schmerz betrifft in Deutschland rund 23 Millionen Menschen. Davon leiden nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft etwa 2,2 Millionen an stark beeinträchtigenden, behandlungsbedürftigen Dauerschmerzen. Chronischer Schmerz ist die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung und verursacht volkswirtschaftliche Kosten von schätzungsweise 40 Milliarden Euro jährlich. Der entscheidende Unterschied zum akuten Schmerz: Chronischer Schmerz hat sich von seiner ursprünglichen Ursache gelöst. Er ist nicht mehr Symptom einer anderen Erkrankung – er ist selbst die Erkrankung. Die WHO hat chronischen Schmerz im ICD-11 (gültig ab 2026) erstmals als eigenständige Diagnosegruppe geführt, darunter primärer chronischer Schmerz, chronischer Krebsschmerz, chronischer Nozizeptionsschmerz, chronischer neuropathischer Schmerz und chronischer Kopfschmerz. Häufigste Formen sind: Rückenschmerz (54 Prozent der Betroffenen), Kopfschmerz und Migräne (38 Prozent), neuropathischer Schmerz (28 Prozent), Fibromyalgie (15 Prozent) und arthrotischer Gelenkschmerz. ## Das biopsychosoziale Modell: Warum Schmerz im Gehirn entsteht Modernes Schmerzverständnis begreift chronischen Schmerz nicht als rein körperliches Signal, sondern als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. **Biologisch**: Beim Übergang von akutem zu chronischem Schmerz kommt es zur zentralen Sensitivierung – das Nervensystem wird dauerhaft überaktiv. Nozizeptoren senken ihre Reizschwelle, der Cortex reorganisiert sich, im limbischen System bildet sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis. **Psychologisch**: Katastrophisieren („Der Schmerz wird niemals besser"), Fear-Avoidance-Beliefs (Vermeidung von Bewegung aus Angst vor Schmerzverstärkung) und komorbide Depression bzw. Angststörung verstärken die Chronifizierung erheblich. Studien zeigen: Psychologische Variablen sagen Chronifizierung besser voraus als die Stärke des initialen Schmerzsignals [1]. **Sozial**: Sozialer Rückzug, Arbeitsplatzkonflikte, Arbeitslosigkeit und ein medizinisches Umfeld, das Überdiagnostik und -therapie betreibt, verstärken das Schmerzsystem zusätzlich. ## Multimodale Schmerztherapie: Was die Leitlinien empfehlen Die S3-Leitlinie der AWMF (Chronischer nicht-tumorbedingter Schmerz) und die Empfehlungen der Deutschen Schmerzgesellschaft betonen: Die multimodale interdisziplinäre Schmerztherapie (MIST) ist für schwer beeinträchtigte Patienten das Verfahren der Wahl. Sie kombiniert mindestens drei Behandlungsdisziplinen – typischerweise: **1. Medikamentöse Therapie**: Stufenkonzept nach Schmerztyp. Bei nozizeptivem Schmerz: NSAR/Cox-2-Hemmer, Metamizol, Paracetamol. Bei neuropathischem Schmerz: Antikonvulsiva (Pregabalin, Gabapentin), trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin), SNRIs (Duloxetin). Opioide bei schweren Verläufen mit engem Monitoring (mehr dazu unten). **2. Physiotherapie und Bewegungstherapie**: Das aktivierende Prinzip ist evidenzbasiert. Aerobe Ausdauerbelastung (drei Mal wöchentlich 30 Minuten) reduziert chronischen Schmerz signifikant – über Ausschüttung endogener Opioide und Aktivierung des deszendenten Schmerzhemmsystems (DNIC). Manuelle Therapie, Thermotherapie und TENS ergänzen je nach Indikation. **3. Psychotherapie**: Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt als psychologisches Goldstandard-Verfahren bei chronischem Schmerz. Acceptance and Commitment Therapy (ACT) und MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) zeigen in Metaanalysen vergleichbare Effektstärken. Ziel: Aufbrechen von Vermeidungsverhalten, Aufbau von Selbstwirksamkeit, Reduktion katastrophisierender Kognitionen. **4. Neuromodulation (Ergänzung bei therapierefraktären Fällen)**: Rückenmarkstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS) und transkranielle Magnetstimulation (TMS) wurden auf dem DGS Innovationsforum 2025 als zunehmend erstattungsfähige Optionen diskutiert, insbesondere bei neuropathischem CRPS und Rückenschmerz mit radikulärer Komponente [2]. ## Die neue Kinder-Leitlinie: Ein Meilenstein Die im März 2026 veröffentlichte S2k-Leitlinie „Stationäre IMST bei Kindern und Jugendlichen" (AWMF-Register 145-006) schließt eine langbestehende Lücke. Bisher fehlten evidenzbasierte Vorgaben für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen, die stationär behandelt werden müssen. Die neue Leitlinie legt Mindeststandards für Diagnostik, Team-Zusammensetzung (Pädiatrie, Schmerzpsychologie, Physio- und Ergotherapie) und Nachsorge fest. „Chronische Schmerzen im Kindes- und Jugendalter werden systematisch unterschätzt und unterbehandelt. Diese Leitlinie ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Versorgungsqualität", sagte Prof. Boris Zernikow, Gründer des Deutschen Kinderschmerzzentrums Datteln, anlässlich der Veröffentlichung. ## Opioide: Wirksam, aber nicht für alle Die überarbeitete LONTS-Leitlinie (Langzeit-Opioid-Therapie bei nicht tumorbedingtem Schmerz, in Überarbeitung 2026) verschärft voraussichtlich die Indikationsstellung. Aktuelle Datenlage: Opioide sind bei Tumorschmerz und neuropathischen Schmerzformen gut belegt. Bei chronischen Rückenschmerzen und Fibromyalgie fehlt die Evidenz für Langzeitnutzen bei starken Risiken (Toleranz, Abhängigkeit, Opioid-induzierte Hyperalgesie). Deutschland zählt zu den Top-5-Opioidverbrauchsländern Europas – ein Warnsignal, das die Überarbeitung der LONTS-Leitlinie adressiert. Cannabinoide (Cannabis als Medizin seit 2017 GKV-erstattungsfähig) zeigen bei einzelnen Schmerzformen (neuropathischer Schmerz, Tumorschmerz, Spastik-assoziierten Schmerzen) Wirksamkeit – jedoch mit starker individueller Variabilität und unzureichender Evidenz für den Routineeinsatz. ## Selbstmanagement und digitale Unterstützung Schmerztagebücher (Intensität auf NRS 0–10, Lokalisation, Auslöser, Linderungsfaktoren) helfen Therapeuten und stärken die Patientenselbstwirksamkeit. Zugelassene DiGAs wie Vivira (Rückenschmerz) unterstützen aktives Bewegungsprogramm im Alltag. Auf bestes.com finden Sie Schmerzspezialisten, multimodale Schmerzzentren und digitale Unterstützungsangebote für Betroffene in Deutschland. Eine frühe Überweisung an eine interdisziplinäre Schmerzambulanz – idealerweise vor dem dritten Monat der Chronifizierung – verbessert die Langzeitprognose erheblich und verhindert die kostenintensivere stationäre Behandlung. --- **Quellen:** - [1] Deutsche Schmerzgesellschaft: S3-Leitlinie Chronischer nicht-tumorbedingter Schmerz; https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/leitlinien-zur-schmerzbehandlung - [2] DGS Innovationsforum 2025: Neuromodulation in der Schmerztherapie; https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/detail/news/kongressnews-innovationsforum-der-dgs-2025-schmerzmedizin-konservativ-invasiv-neuromodulativ/ - AWMF S2k-Leitlinie Stationäre IMST Kinder und Jugendliche (März 2026); https://www.awmf.org/leitlinien/detail/145-006 - Deutsches Gesundheitsportal: Neue Leitlinie IMST Kinder (24.03.2026); https://www.deutschesgesundheitsportal.de/2026/03/24/intensive-schmerztherapie-bei-kindern-neue-leitlinie-garantiert-hohe-behandlungsqualitaet/ - AWMF S1-Leitlinie Chronischer nicht tumorbedingter Schmerz; https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/053-036.html

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