Cannabis und Tabak gemeinsam: Studie zeigt dreifach erhöhtes Psychose-Risiko
Cannabis und Tabak gemeinsam fast dreifaches Psychoserisiko – zeigt Nature Mental Health Studie 2026 mit 1.012 Teilnehmenden.
Cannabis gehört zu den am häufigsten konsumierten psychoaktiven Substanzen weltweit – und der gleichzeitige Konsum von Cannabis und Tabak, das sogenannte Co-Use, ist in der Allgemeinbevölkerung auf dem Vormarsch. Doch was passiert im Gehirn, wenn beides gemeinsam konsumiert wird – und das bei Menschen, die ohnehin ein erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen tragen? Eine neue Multisite-Studie, im Mai 2026 im Fachjournal *Nature Mental Health* veröffentlicht, liefert erstmals belastbare Antworten: Die Kombination ist weit gefährlicher als bisher angenommen.
## Was die Studie zeigt
Forscherinnen und Forscher um Dr. Heather Ward, Psychiatrie-Professorin und Leiterin der Neuromodulation Research an der Vanderbilt University, analysierten Daten von 1.012 Teilnehmenden der North American Prodrome Longitudinal Study (NAPLS-2) – einem der größten Längsschnittprogramme zur Psychoseforschung in Nordamerika. Davon galten 734 Personen als klinisch hochrisikobelastet (CHR): Sie zeigten frühe Warnsymptome psychischer Erkrankungen – Gedankengrübeln, ungewöhnliche Wahrnehmungen, sozialer Rückzug –, hatten aber noch keine vollständige Psychose entwickelt.
Über einen Beobachtungszeitraum von zwei Jahren wurde erfasst, welche Substanzen die Teilnehmenden konsumierten und wer in eine vollständige Psychose überging. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer Cannabis und Tabak gemeinsam konsumierte, hatte ein fast dreifach erhöhtes Risiko, eine vollständige Psychose zu entwickeln – verglichen mit Personen, die weder Cannabis noch Tabak verwendeten (Hazard Ratio 2,93; 95%-KI 1,23–6,97; p = 0,015). Dieser Effekt blieb auch nach Kontrolle für Symptomschwere und demografische Merkmale statistisch signifikant.
## Warum die Kombination so gefährlich ist
Der biologische Mechanismus hinter diesem Befund ist gut verstanden: Tabakrauch erhöht die Absorption von Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) – dem psychoaktiven Hauptwirkstoff von Cannabis – im Körper. Wer beides zusammen konsumiert, nimmt effektiv mehr THC auf, als wenn er Cannabis alleine verwenden würde. Dieser synergistische Effekt verändert die Gehirnchemie intensiver, verändert dopaminerge Signalwege stärker und kann bei vulnerablen Personen den Übergang in eine Psychose beschleunigen.
Besonders aufschlussreich: Kurzfristig zeigten sich kaum Unterschiede in der Symptomschwere zwischen alleinigem Cannabis-, alleinigem Tabak- und Co-Use-Konsum. Alle Konsumformen waren mit Angst, Depression und frühen psychotischen Erfahrungen assoziiert – aber nicht in unterschiedlichem Ausmaß. Der kritische Unterschied manifestiert sich erst im Langzeitverlauf: als kumulatives Risiko über Monate und Jahre hinweg, das im kurzen Beobachtungsfenster nicht sichtbar wird. Co-Use selbst, so die Schlussfolgerung der Studie, ist ein eigenständiger Risikofaktor – unabhängig von der Symptomschwere zu Beginn.
## Wer besonders gefährdet ist
Die Studie fokussiert auf Menschen mit klinisch hohem Psychoserisiko. In dieser Gruppe ist bereits der alleinige Cannabiskonsum gut dokumentiert mit schwereren Symptomen, schlechterem Therapieansprechen und häufigeren psychiatrischen Krankenhausaufenthalten assoziiert. Hinzu kommt: Laut Ward ist bei Menschen, die bereits eine vollständige Psychose entwickelt haben, der Tabakkonsum mit einer um 20 Jahre verringerten Lebenserwartung verbunden – bedingt durch kardiovaskuläre Erkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall und Lungenkrebs. Co-Use potenziert also Risiken auf mehreren Ebenen.
Die Studienpopulation sind oft Jugendliche und junge Erwachsene – die Lebensphase, in der sowohl der Substanzkonsum typischerweise beginnt als auch psychische Erkrankungen erstmals auftreten. Gerade deshalb, betonen die Forschenden, sei es kritisch, Co-Use in dieser Altersgruppe früh zu erkennen und anzusprechen.
## Was für die Praxis folgt
„Wir fanden, dass Co-Use von Cannabis und Tabak mit einem fast dreifach erhöhten Psychoserisiko verbunden ist", so Ward. „Es gibt Hinweise darauf, dass Co-Use selbst zur Entstehung von Psychosen beitragen könnte. Möglicherweise haben aber auch die Menschen, die ohnehin eine Psychose entwickeln werden, eine zugrundeliegende Disposition, beides zu konsumieren." Beide Erklärungen schließen sich nicht aus.
Die klinische Implikation ist unmittelbar: Sowohl Betroffene als auch Behandelnde sollten Co-Use als eigenständigen Risikofaktor ernst nehmen – und nicht nur Cannabis oder Tabak getrennt betrachten. Wer sein psychisches Risiko senken möchte, sollte idealerweise beide Substanzen reduzieren. Erste Hinweise aus der Literatur legen nahe, dass ein Konsumende Angst- und Depressionssymptome verbessern kann – ob sich das auch auf das Psychoserisiko überträgt, soll die nächste Forschungsphase der NAPLS-2-Gruppe klären.
Die Ergebnisse wurden auf dem Jahrestreffen der Society of Biological Psychiatry im Mai 2026 präsentiert. Die Studie ist Open Access verfügbar und wurde durch mehrere NIH-Grants finanziert.
## FAQ
### Warum ist Cannabis in Kombination mit Tabak gefährlicher als allein?
Tabakrauch erhöht die Aufnahme von THC im Körper erheblich. Wer beides zusammen konsumiert, nimmt effektiv mehr des psychoaktiven Wirkstoffs auf – mit stärkerem und länger andauerndem Effekt auf das Gehirn. Dieser synergistische Mechanismus gilt als zentraler biologischer Treiber des erhöhten Psychoserisikos, das die neue NAPLS-2-Studie dokumentiert.
### Betrifft das nur Menschen mit Psychoserisiko oder alle Konsumierenden?
Die Studie untersuchte gezielt Menschen mit klinisch hohem Psychoserisiko – Personen, die bereits frühe Warnsymptome zeigen. Ob das fast dreifach erhöhte Risiko ebenso ausgeprägt für die Allgemeinbevölkerung gilt, ist noch nicht abschließend belegt. Das grundsätzliche Risiko durch den THC-Absorptions-Mechanismus besteht jedoch auch ohne nachgewiesene Prädisposition.
### Was sollte ich tun, wenn ich Cannabis und Tabak gemeinsam konsumiere?
Wenn Sie psychische Warnsymptome bemerken oder sich Sorgen um Ihren Konsum machen, empfiehlt sich das Gespräch mit einem Arzt oder einer psychiatrischen Fachkraft. Digitale Angebote – darunter DiGA-zugelassene Anwendungen – können helfen, den eigenen Konsum einzuschätzen und Schritte zur Reduktion zu planen.
### Kann ein Ausstieg das Psychoserisiko wieder senken?
Die Forschenden gehen davon aus, dass ein vollständiger Stopp des Co-Use das psychische Risiko reduzieren kann, analog zur bekannten Symptomverbesserung bei Nikotinstopp. Belastbare Daten aus kontrollierten Interventionsstudien stehen noch aus – sie sind der nächste geplante Forschungsschritt der NAPLS-2-Gruppe.