Pharma Studie
Von Bestes.com Redaktion
Asthma bronchiale: GINA-Update 2024 und neue Biologika-Daten verändern die Therapie grundlegend
Das GINA-Update 2024 hat die Erstlinientherapie revolutioniert: Reiner SABA als Bedarfsmedikation ist Geschichte. Zwei Studien belegen 60–64 % weniger schwere Exazerbationen mit ICS-Formoterol als Reliever.
Das GINA-Update 2024 hat die Behandlung von Asthma bronchiale grundlegend verändert: Reliever-Inhalatoren mit reinem kurzwirksamem Beta-2-Agonisten (SABA) als alleinige Bedarfsmedikation sind bei Erwachsenen ab Stufe 1 nicht mehr erste Wahl. Stattdessen empfiehlt die Global Initiative for Asthma (GINA) 2024 eine niedrigdosierte Kombination aus inhalativem Kortikosteroid (ICS) und Formoterol auch als Akutmedikation. Zwei klinische Studien zeigten: Das Risiko schwerer Exazerbationen sinkt um 60–64 % im Vergleich zur reinen SABA-Therapie.
In Deutschland leben rund 8 Millionen Menschen mit Asthma bronchiale, davon etwa 2 Millionen Kinder. Trotz ausgereifter Therapiepfade haben laut GINA-Daten weniger als die Hälfte der Betroffenen eine gute Krankheitskontrolle. Ein zentraler Grund: fehlerhafte Inhalationstechnik, ungenügende Phänotyp-Diagnostik und die zu lange Fortführung veralteter SABA-Monotherapie.
GINA 2024: Warum SABA allein nicht mehr reicht
Der Paradigmenwechsel in GINA 2024 basiert auf einer zentralen Erkenntnis: Asthma ist eine chronisch entzündliche Erkrankung – auch dann, wenn Symptome fehlen. Wer nur bei Beschwerden inhaliert und auf SABA zurückgreift, behandelt ausschließlich die Bronchospastik, nicht die zugrundeliegende Entzündung.
„Selbst bei vermeintlich leichtem Asthma besteht ein signifikantes Exazerbationsrisiko", erläuterte Prof. Helen Reddel (University of Sydney), Mitautorin der GINA-Empfehlungen. Das ICS-Formoterol-Regime adressiere diese unterschätzte Gruppe mit antiinflammatorischer Wirkung ab dem ersten Einsatz.
GINA 2024 unterscheidet zwei Therapie-Tracks: Track 1 (bevorzugt) nutzt ICS-Formoterol als Bedarfs- und bei Bedarf als Dauermedikation (MART-Strategie: Maintenance and Reliever Therapy). Track 2 bleibt für Patienten verfügbar, die einen separaten SABA-Reliever bevorzugen, kombiniert aber stets eine tägliche ICS-Dauermedikation. Die reine SABA-Monotherapie ohne jede ICS-Komponente gilt als überholt und sollte laut GINA-Empfehlung nicht mehr eingeleitet werden.
Diagnose: Wie wird Asthma festgestellt?
Die Diagnose von Asthma bronchiale basiert auf charakteristischen Symptomen (Pfeifen, Engegefühl, Husten – besonders nachts und morgens) und dem Nachweis einer reversiblen Atemwegsobstruktion. Dafür stehen folgende Untersuchungen zur Verfügung: Spirometrie mit Bronchospasmolyse-Test (FEV1-Anstieg ≥ 12 % und ≥ 200 ml nach Salbutamol), Peak-Flow-Variabilität über 2 Wochen (> 10 % = diagnostisch relevant), Methacholin-Provokationstest bei unauffälliger Spirometrie, Allergietestung (Prick-Test, spezifisches IgE im Blut) sowie fraktioniertes exhalietes Stickstoffmonoxid (FeNO) zur Messung eosinophiler Atemwegsentzündung. Eine sorgfältige Differenzialdiagnose gegenüber COPD, Herzinsuffizienz und Stimmbanddysfunktion ist wichtig, da diese Erkrankungen ähnliche Symptome verursachen können.
Alliance-Studie 2025: Frühe Endotypisierung zahlt sich aus
Beim DZL-Jahreskongress im August 2025 wurden neue Daten aus der All Age Asthma Cohort (Alliance-Studie) präsentiert, an der über 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligt sind. Ziel ist ein besseres Verständnis verschiedener Krankheitsverläufe – von Asthma im Kleinkindalter bis zur chronischen Erkrankung im Erwachsenenalter.
Ein Kernergebnis: Patienten mit eosinophilem Phänotyp, die frühzeitig eine Biologika-Therapie erhalten, weisen eine deutlich reduzierte Exazerbationsrate auf. Die Alliance-Daten bestätigen Beobachtungen aus Zulassungsstudien wie DREAM (Mepolizumab, -53 % schwere Exazerbationen) und CALIMA (Benralizumab, -51 %) und übertragen diese auf den deutschen Versorgungsalltag.
Endotypen: Warum ein Asthma nicht gleich Asthma ist
Fachleute unterscheiden heute mindestens vier klinisch relevante Asthma-Endotypen: Allergisches Asthma (Typ-2-hoch) macht 70–80 % aller Fälle aus und ist IgE-vermittelt; Therapie: ICS, bei schwerem Verlauf Omalizumab (Anti-IgE). Eosinophiles Asthma (nicht-allergen) zeigt erhöhte Bluteosinophile (≥ 300/µl) und spricht gut auf Anti-IL-5-Biologika an. Nicht-allergisches, nicht-eosinophiles Asthma ist häufig neutrophil-dominiert mit schlechter Kortikosteroid-Antwort. Das Aspirin-exazerbierte respiratorische Syndrom (AERD) reagiert auf COX-1-Hemmung mit schweren Bronchospasmen; NSAR sind streng kontraindiziert.
Ein einfacher Bluttest (Eosinophilen-Zählung, Gesamt-IgE, FeNO-Messung) kann bereits in der Hausarztpraxis erste Hinweise auf den Endotyp liefern und die Biologika-Indikation vorbereiten.
Biologika 2025: Fünf zugelassene Optionen
Für schweres unkontrolliertes Asthma (GINA-Stufe 5) stehen in Deutschland fünf zugelassene Biologika zur Verfügung: Omalizumab (Xolair, Anti-IgE) für allergisches Asthma; Mepolizumab (Nucala, Anti-IL-5) und Benralizumab (Fasenra, Anti-IL-5Rα) für eosinophiles Asthma; Dupilumab (Dupixent, Anti-IL-4Rα) bei eosinophilem Asthma mit atopischer Begleiterkrankung; sowie Tezepelumab (Tezspire, Anti-TSLP) mit dem breitesten Wirkspektrum auch bei Typ-2-niedrigem Phänotyp. Die GKV erstattet Biologika für geeignete Patienten vollständig; die Einleitung erfolgt in spezialisierten Asthmaambulanzen oder durch Pneumologen.
Inhalationstechnik: Der unterschätzte Therapiefaktor
Laut mehrfach replizierten Beobachtungsstudien inhalieren bis zu 70 % der Asthma-Patienten falsch – die häufigste Ursache für scheinbar therapierefraktäres Asthma (Lavorini et al., Respir Med 2008). Häufige Fehler: zu schnelles Einatmen bei Pulverinhalatoren, fehlende Atemhaltepause nach der Inhalation, falsche Koordination beim MDI-Dosieraerosol ohne Spacer. Apotheken bieten strukturierte Inhalationsschulungen als Kassenleistung an. Zusätzlich empfiehlt die Deutsche Atemwegsliga das DMP Asthma (Disease Management Program) – ein GKV-finanziertes Schulungsprogramm, das Notaufnahmebesuche nachweislich um bis zu 40 % reduziert.
Was Betroffene jetzt tun können
Asthma ist nicht heilbar, bei korrekter Therapie aber in über 90 % der Fälle gut kontrollierbar. Wer trotz Inhalator regelmäßig Beschwerden hat, sollte die Inhalationstechnik in der Apotheke überprüfen lassen, mit dem Lungenfacharzt eine Endotyp-Diagnostik (Blut-Eosinophile, FeNO) besprechen und bei schwerem unkontrolliertem Verlauf die Biologika-Option aktiv ansprechen. Pneumologen, Allergologen und Asthma-Schulungszentren in der Nähe sind auf bestes.com zu finden.
Quellen
- Global Initiative for Asthma (GINA): Management and Prevention, Update 2024. ginasthma.org
- GINA 2024 Update: ICS-Based Treatments Take Center Stage. iforumrx.org
- Reddel HK et al.: GINA 2024 – Revised Recommendations. Lancet Respir Med / Pulmonology Advisor 2024.
- DZL/DAAB: Alliance-Studie – Neue Impulse beim DZL-Jahrestreffen, August 2025. daab.de
- Deutsches Ärzteblatt: Asthma bronchiale – Therapie durch Endotypisierung leiten.
- AWMF NVL Asthma S3-Leitlinie. register.awmf.org