Jahrzehntelang galt die glutenfreie Diät als einzige Behandlung der Zöliakie. Das könnte sich bald ändern. Der Wirkstoff ZED1227 – ein Transglutaminase-2-Hemmer (TG2-Hemmer), entwickelt an der Universitätsmedizin Mainz – hat die Phase-2b-Studie mit 400 Patienten in 130 Kliniken weltweit erfolgreich abgeschlossen. Die abschließenden Ergebnisse lagen Ende Dezember 2024 vor. Die globale Phase-3-Zulassungsstudie läuft. [1]
Zöliakie: Häufiger als gedacht – und zu 90 Prozent undiagnostiziert
Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung des Dünndarms. Wer betroffen ist, reagiert auf Gluten – ein Klebereiweis in Weizen, Roggen und Gerste – mit einer Immunreaktion, die die Dünndarmzotten zerstört. Die Folge: Der Körper kann Nährstoffe wie Eisen, Kalzium, Folssäure und Vitamin D kaum noch aufnehmen.
In Deutschland sind schätzungsweise 800.000 Menschen betroffen – rund ein Prozent der Bevölkerung. Das Heimtückische: Bis zu 90 Prozent erhalten keine Diagnose, weil die Symptome extrem vielfaltig sind und Zöliakie häufig mit Reizdarmsyndrom oder anderen Magen-Darm-Erkrankungen verwechselt wird.
Klassische Beschwerden (bei etwa 30 Prozent): Durchfall, Blähungen, Bauchschmerzen, Gewichtsverlust. Häufiger sind atypische Verlaufsformen (70 Prozent): Blutarmut durch Eisenmangel, Osteoporose, Unfruchtbarkeit, erhöhte Leberwerte, Kribbeln in Händen und Füßen, Aphten im Mund, Hautausschlag (Dermatitis herpetiformis Duhring).
Wie ZED1227 funktioniert
Das Enzym Transglutaminase 2 (TG2) ist der Schlüssel zur Immunreaktion bei Zöliakie. TG2 verändert Glutenbrüchstücke chemisch so, dass sie deutlich stärker an die HLA-Moleküle DQ2 oder DQ8 binden – das sind Eiweisßstrukturen auf Immunzellen, die bei fast allen Zöliakie-Patienten vorkommen. Diese verstärkte Bindung löst die entzündliche Reaktion im Darm aus und zerstört die Dünndarmzotten.
ZED1227 blockiert gezielt die Aktivität von TG2 in der Dünndarmschleimhaut und verhindert so die überschießende Immunantwort. Der Wirkstoff wirkt lokal im Darm – er gelangt kaum ins Blut, was das Risiko systemischer Nebenwirkungen reduziert. [1]
Wenn Zöliakie-Patienten trotz glutenfreier Diät noch Entzündungszeichen haben, könnte ZED1227 den verbleibenden Gluten unschädlich machen. [1]
Phase 2b: 400 Patienten, 130 Zentren, klare Ergebnisse
Die Phase-2b-Studie wurde mit 400 Patienten an 130 Kliniken weltweit durchgeführt. Alle Teilnehmenden hielten eine glutenfreie Diät ein, bekamen aber zusätzlich eine minimale tägliche Glutenmenge verabreicht – um die Alltagssituation abzubilden, in der Kontaminationen kaum völlig vermeidbar sind.
Die Ergebnisse der Phase-2a-Studie (160 Patienten) hatten bereits gezeigt: ZED1227 schützt die Dünndarmschleimhaut messbar, reduziert Entzündungsmarker und verbessert die Lebensqualität. Die Phase 2b sollte diese Befunde in einer größeren Population und mit präziserer Dosierung bestätigen. Die finalen Daten lagen Ende Dezember 2024 vor; eine wissenschaftliche Publikation wird vorbereitet. [1]
Die globale Phase-3-Studie ist angelaufen. Auf ClinicalTrials.gov ist sie unter der Nummer NCT07298343 registriert. [2]
Glutenfreie Diät: Goldstandard – aber mit Grenzen
Bis ein Medikament verfügbar ist, bleibt die strikte lebenslange glutenfreie Diät (GFD) die einzige anerkannte Therapie. Die Hürden sind hoch: Schon weniger als 10 Milligramm Gluten täglich – das entspricht etwa einem Siebzigstel einer normalen Brotscheibe – kann Zottenschaden verursachen.
Wichtig: Vor der Diagnose sollte man nicht auf eigene Faust glutenfrei essen. Die Darmveränderungen normalisieren sich ohne Gluten, der Diagnosetest fällt dann falsch negativ aus.
Der Diagnoseweg: Zunächst Bluttest auf Anti-Transglutaminase-IgA-Antikörper (anti-tTG-IgA) und Gesamt-IgA – bei normalem Glutenkonsum. Fällt er positiv aus, folgt eine Magenspiegelung mit Biopsie des Dünndarms (Marsh-Klassifikation). Bei unklarem Ergebnis hilft ein Gentest auf HLA-DQ2/DQ8: Ein negativer Befund schließt Zöliakie mit über 99-prozentiger Sicherheit aus.
Abgrenzung: Nicht-Zöliakische Glutensensitivität
Häufig verwechselt: die nicht-zöliakische Glutensensitivität (NCGS). Betroffene klagen über ähnliche Beschwerden wie bei Zöliakie, aber Antikörper-Test und Dünndarmbiopsie sind unauffällig. Es liegt kein Autoimmunmechanismus vor. Bei NCGS ist eine strenge GFD oft nicht notwendig – einige Forschende vermuten, dass nicht Gluten selbst, sondern sogenannte FODMAPs (vergärbare Kohlenhydrate in Weizen) die Ursache sind.
Häufige Fragen
Kann ich mit Zöliakie trotzdem Hafer essen? Reiner, nicht mit Weizen kontaminierter Hafer ist für die meisten Zöliakie-Patienten verträglich. Vorsicht bei Standard-Hafer aus Großhandel, der häufig verunreinigt ist. Nur zertifizierten glutenfreien Hafer verwenden.
Wann ist die Erkrankung unter Kontrolle? Bei konsequenter GFD erholen sich die Dünndarmzotten in sechs bis zwölf Monaten. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen (anti-tTG-Antikörper, Nährstoffwerte) sind wichtig.
Gibt es neben ZED1227 andere Medikamente in der Entwicklung? Ja. Latiglutenase (AMG7519) ist ein Enzym, das Gluten im Darm abbaut und damit „Glutenunfälle“ absichern soll – auch in klinischer Prüfung. Weitere Ansätze: Impfstoffe zur Desensibilisierung, Tight-Junction-Modulatoren (Larazotid).
Ernährung und Alltag: Praktische Hinweise
Glutenfreie Ernährung bedeutet: kein Weizen, Dinkel, Emmer, Einkorn, Roggen, Gerste, Kamut. Erlaubt: Reis, Mais, Kartoffeln, Hirse, Buchweizen, Quinoa, Amaranth. Hafer nur in zertifiziert glutenfreier Form.
In Deutschland kennzeichnen Lebensmittelhersteller glutenhaltige Zutaten nach EU-Verordnung verpflichtend. Die Aufschrift „gutenfrei“ bedeutet, dass der Glutengehalt unter 20 mg/kg liegt. Für besonders empfindliche Patienten können selbst diese Spuren relevant sein.
Außer-Haus-Essen bleibt eine Herausforderung: Kreuzkontaminationen durch gemeinsame Pfannen, Fritteusen oder Schneidebretter sind das häufigste Problem. Die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG) bietet eine Restaurantkarte und eine App, die glutenfreie Gastronomie in Deutschland verzeichnet.
Regelmäßige Laborkontrollen (anti-tTG-Antikörper, Blutbild, Eisen, Vitamin D, B12, Kalzium) alle sechs bis zwölf Monate sind wichtig, um Mangelzustände früh zu erkennen.
Finde Gastroenterologen, Ernährungsberater und Zöliakie-Ambulanzen auf bestes.com.
Quellen: [1] Universitätsmedizin Mainz (2024). "Neue Erkenntnisse für die Behandlung der Zöliakie." https://www.unimedizin-mainz.de/presse-medien/pressemitteilungen/aktuelle-pressemitteilungen/newsdetail/article/neue-erkenntnisse-fuer-die-behandlung-der-zoeliakie.html [2] ClinicalTrials.gov: ZED1227 Phase 3 (NCT07298343). https://clinicaltrials.gov/study/NCT07298343 [3] Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG). https://www.dzg-online.de [4] ESPGHAN Zöliakie-Leitlinie 2020; S2k-Leitlinie Zöliakie AWMF 2022
