Rund ein Prozent der Weltbevölkerung leidet an Zöliakie – eine Erkrankung, bei der das Immunsystem auf Gluten reagiert und die Dünndarmschleimhaut angreift. Die bislang einzige wirksame Behandlung ist eine lebenslange glutenfreie Diät. Wer sie strikt einhält, kann beschwerdefrei leben. Wer es nicht tut – oder wessen Schleimhaut trotz Diät nicht vollständig heilt – hat seit Jahrzehnten keine medikamentöse Alternative. Ein Forscherteam der Universitätsmedizin Mainz will das ändern: Mit ZED1227 steht erstmals ein Wirkstoff vor der entscheidenden Phase-3-Prüfung, der direkt in den Krankheitsmechanismus eingreift [1].

Wie ZED1227 wirkt

Der Schlüssel liegt in einem Enzym namens Transglutaminase 2 (TG2). Wenn unverdaute Glutenfragmente auf TG2 treffen, werden sie chemisch verändert – deamidiert. In diesem modifizierten Zustand erkennt das Immunsystem von Zöliakie-Patienten das Protein als Fremdkörper und startet eine Entzündungsreaktion in der Dünndarmschleimhaut. Das ist der Mechanismus hinter der Erkrankung. ZED1227 blockiert TG2 gezielt. Ohne aktives TG2 unterbleibt die Deamidierung – das Gluten löst keine Immunreaktion aus, auch wenn kleine Mengen in die Nahrung gelangen [1].

Entwickelt wurde ZED1227 von Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Direktor des Instituts für Translationale Immunologie an der Universitätsmedizin Mainz, gemeinsam mit Zedira GmbH aus Darmstadt und Dr. Falk Pharma GmbH aus Freiburg. Die Mainzer Arbeitsgruppe forscht seit mehr als zwei Jahrzehnten an TG2 als therapeutischem Angriffspunkt [1].

Phase-2b abgeschlossen, Phase 3 geplant

In einer Phase-2b-Studie wurden rund 400 Patienten in 130 klinischen Zentren weltweit über mehrere Monate beobachtet. Die letzten Teilnehmer schlossen ihre Untersuchungen im Dezember 2024 ab. Die Ergebnisse zeigten, dass ZED1227 die durch Gluten ausgelöste Entzündung auf Genexpressionsebene vollständig normalisieren konnte: Auch Gene, die für die Aufnahme von Vitaminen und Spurenelementen zuständig sind, kehrten zum Niveau vor der Glutenbelastung zurück. Das deutet darauf hin, dass der Wirkstoff nicht nur Entzündungswege dämpft, sondern die Schleimhautfunktion grundlegend wiederherstellt [2].

Auf Basis dieser Daten ist eine weltweite Phase-3-Studie mit rund 1.000 Patienten für 2025 und 2026 geplant (ClinicalTrials.gov NCT07298343). Eine Phase-3-Studie dieser Größe muss zeigen, dass ZED1227 in der breiten Patientenpopulation ähnlich wirksam und sicher ist wie in den kontrollierten Phase-2-Bedingungen. Erst wenn diese Hürde genommen ist, ist ein Zulassungsantrag möglich [2].

Für wen wäre ZED1227 gedacht?

Wichtig: ZED1227 ist kein Ersatz für die glutenfreie Diät. Der Wirkstoff ist als Ergänzung konzipiert – für Patienten, die trotz strikter Diät noch unter Symptomen oder Schleimhautschäden leiden. Das betrifft einen relevanten Anteil der Betroffenen. Studien zeigen, dass selbst bei strenger Diäteinhaltung ein Teil der Zöliakiepatienten keine vollständige Erholung der Dünndarmzotten erreicht – etwa weil kleinste Glutenmengen durch Kreuzkontamination unvermeidlich sind oder weil die Erkrankung einen refraktären Verlauf nimmt.

Auch Menschen, die in sozialen Situationen unter dem Diätdruck leiden, könnten von einem begleitenden TG2-Hemmer profitieren. Allerdings betonen die Forscher, dass ZED1227 nicht als Lizenz zur freien Glutenaufnahme gedacht ist – die Schutzwirkung ist dosisabhängig und bei hoher Glutenzufuhr möglicherweise unvollständig.

Sicherheitsprofil und regulatorischer Weg

In der Phase-2b-Studie zeigte ZED1227 ein insgesamt verträgliches Sicherheitsprofil. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten nicht häufiger auf als in der Placebo-Gruppe. ZED1227 hemmt TG2 im Darm lokal und nicht systemisch – das reduziert das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen an anderen Organen erheblich, muss aber in der größeren Phase-3-Population über längere Zeiträume bestätigt werden [1].

Die Schweizer Behörde und die Humanforschungskommission haben Studien mit ZED1227 zugelassen. Das zeigt, dass das Risikoprofil als grundsätzlich vertretbar eingeschätzt wird. Ob die EMA nach abgeschlossener Phase 3 eine Zulassung erteilt, hängt am Ende von den vollständigen Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten ab, die erst in einigen Jahren vorliegen werden.

Wann könnte ZED1227 auf den Markt kommen?

Im optimistischen Szenario – positive Phase-3-Ergebnisse und zügige Zulassung – könnte ZED1227 frühestens 2028 bis 2031 verfügbar sein. Bis dahin bleibt die glutenfreie Diät die einzig anerkannte Behandlung. Parallel wird mit Amletilimab und CALY-002 an weiteren Ansätzen für schwere Zöliakie-Formen geforscht. Keines dieser Mittel ist bislang zugelassen [1].

Digital-Health-Angebote, die bei der Diätkontrolle, Lebensmittelkennzeichnung und Symptomtracking helfen, sind unter bestes.com im Überblick abrufbar.

Für die rund 800.000 Menschen mit Zöliakie in Deutschland bedeutet jede glaubwürdige Therapieoption eine konkrete Hoffnung auf mehr Lebensqualität. Bis ZED1227 verfügbar ist, bleibt die glutenfreie Diät unverzichtbar. Die Erkrankung hat aber durch digitale Hilfsmittel wie Lebensmittelscanner und Symptomtagebücher an Alltagsbewältigung gewonnen.

Häufige Fragen

Wie viele Menschen in Deutschland sind von Zöliakie betroffen? Schätzungen gehen von rund 800.000 bis einer Million Betroffenen aus. Davon wissen viele nichts von ihrer Diagnose, da die Erkrankung oft unspezifische Beschwerden verursacht.

Ist ZED1227 schon erhältlich? Nein. Das Präparat befindet sich noch in der klinischen Prüfung. Eine Phase-3-Studie startet 2025/2026. Bis zur möglichen Zulassung dauert es noch mehrere Jahre.

Was ist der Unterschied zu Glutenenzym-Präparaten aus der Apotheke? Enzympräparate sollen Gluten im Verdauungstrakt spalten, bevor es schaden kann – ein Ansatz mit begrenzter Wirksamkeit bei größeren Glutenmengen. ZED1227 greift anders an: Es verhindert die Aktivierung des Immunsystems durch TG2-Hemmung, nicht durch Glutenabbau.

Quellen

[1] Universitätsmedizin Mainz: "Neue Erkenntnisse fuer die Behandlung der Zoeliakie". Universitätsmedizin Mainz, 2026. https://www.unimedizin-mainz.de/presse-medien/pressemitteilungen/aktuelle-pressemitteilungen/newsdetail/article/neue-erkenntnisse-fuer-die-behandlung-der-zoeliakie.html [2] ClinicalTrials.gov: "Evaluating the Efficacy and Safety of ZED1227 in Celiac Disease". U.S. National Library of Medicine, 2026. https://clinicaltrials.gov/study/NCT07298343