dzg-online.de

Zöliakie: 80 Prozent der Betroffenen in Deutschland nicht diagnostiziert

March 30, 2026

Zöliakie betrifft rund ein Prozent der Bevölkerung weltweit – in Deutschland also etwa 800.000 Menschen. Doch nur 20 Prozent davon wissen von ihrer Erkrankung. Die übrigen 80 Prozent leben mit unerkannter Zöliakie, leiden unter diffusen Beschwerden und erhalten häufig andere Diagnosen: Reizdarmsyndrom, Anämie, Osteoporose oder Erschöpfung. Das sind die Ergebnisse aktueller Registerdaten der Deutschen Zöliakie Gesellschaft (DZG) aus dem Jahr 2025 [1]. ## Was ist Zöliakie? Zöliakie ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des Dünndarms, ausgelöst durch die Glutenproteine aus Weizen, Roggen und Gerste. Bei genetisch veranlagten Personen (HLA-DQ2 oder HLA-DQ8 positiv) löst Gluten eine T-Zell-vermittelte Immunreaktion aus, die die Dünndarmschleimhaut schädigt – insbesondere die Darmzotten (Villi), die für die Nährstoffaufnahme verantwortlich sind [1]. Folge: Malabsorption von Nährstoffen wie Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Calcium, Vitamin D und fettlöslichen Vitaminen. Ohne Behandlung können Anämie, Osteoporose, Fruchtbarkeitsprobleme und im schlimmsten Fall intestinale Lymphome entstehen. ## Warum bleibt Zöliakie so oft unerkannt? Das klinische Bild der Zöliakie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Das klassische Bild – Kinder mit Gedeihstörung, schwerem Durchfall und aufgeblähtem Bauch – ist heute selten. Häufiger sind atypische oder stille Formen: müde Erwachsene mit unerklärlicher Anämie, Frauen mit Zyklusstörungen, Jugendliche mit Nervenstörungen oder Depressionen [2]. Dazu kommt: Viele Ärzte und Patienten denken bei unspezifischen Bauchbeschwerden zuerst an Laktoseintoleranz oder Reizdarmsyndrom – und nicht an Zöliakie. Dabei wäre die Erstabklärung einfach: ein Bluttest auf Transglutaminase-IgA-Antikörper (tTG-IgA), der bei aktiver Erkrankung mit hoher Sensitätivität anschlägt [1]. ## Diagnose: Bluttest + Dünndarmbiopsie Der diagnostische Goldstandard ist die Kombination aus positivem Serologie-Befund (tTG-IgA erhöht bei normalem Gesamt-IgA) und Dünndarmbiopsie, die eine villöse Atrophie (Marsh Grad ≥ 2) nachweist. Wichtig: Die Untersuchungen müssen unter glutenhaltiger Kost erfolgen – wer vorher bereits glutenfrei lebt, kann falsch-negative Ergebnisse erhalten [2]. Bei positivem Befund empfiehlt sich ergänzend eine HLA-Typisierung (HLA-DQ2/DQ8), die bei negativem Ergebnis eine Zöliakie dauerhaft ausschließt. ## Behandlung: Lebenslang glutenfrei Die einzige wirksame Therapie der Zöliakie ist eine konsequente, lebenslange glutenfreie Diät. Gluten findet sich nicht nur in offensichtlichen Lebensmitteln wie Brot, Nudeln und Gebäck, sondern häufig auch in Soßen, Suppen, Süßigkeiten und Medikamenten (als Trägerstoff). Kontamination mit Gluten reicht aus, um erneute Schleimhautschäden auszulösen – auch ohne Symptome [1]. Bei konsequenter Diät regeneriert sich die Dünndarmschleimhaut in der Regel innerhalb von 6 bis 24 Monaten. Mangelernährungen, die sich durch die Malabsorption aufgebaut haben, werden durch gezielte Supplementierung (Eisen, Vitamin B12, Vitamin D, Folsäure) ausgeglichen. ## Wann testen lassen? Ein Zöliakie-Screening ist sinnvoll bei: unerklärlicher Eisenmangelanämie, chronischen Durchfällen oder Verstopfung, Blähungen und Bauchschmerzen ohne klare Ursache, unerklärlicher Osteoporose unter 50 Jahren, Kinderwunsch mit Fertilitätsproblemen oder bei Verwandten ersten Grades mit gesicherter Zöliakie (Risiko 10 bis 15 Prozent) [2]. Gastroenterologen auf bestes.com/services. ## Glutenfreie Ernährung im Alltag – häufige Fallen Eine konsequent glutenfreie Ernährung ist anspruchsvoller als viele denken. Gluten versteckt sich in unerwartet vielen Produkten: Sojasoße (enthält Weizen), Imitation-Meeresfrüchte, Malzessig, Würzmischungen und sogar Medikamente können Weizenstärke als Füllstoff enthalten [1]. Kreuzverunreinigung ist besonders für Menschen mit Zöliakie problematisch: Schon Spuren von Gluten – 20 mg pro Kilogramm Lebensmittel oder mehr – können bei aktiver Zöliakie Schleimhautschäden auslösen, selbst wenn keine Symptome spürbar sind. Im Restaurant ist glutenfreie Küche schwer garantierbar – separate Schneidbretter, Pfannen und Kochutensilien sind erforderlich [2]. In Deutschland müssen glutenhaltige Zutaten auf verpackten Lebensmitteln verpflichtend ausgezeichnet werden (EU-Lebensmittelinformationsverordnung). Das glutenfrei-Symbol (durchgestrichene Ähre) auf Produkten zeigt an, dass eine Kontamination unter dem EU-Grenzwert liegt. Gastroenterologen und Ernährungsberater mit Zöliakie-Erfahrung auf bestes.com/services. Eine Erstdiagnose sollte immer vor dem Start der glutenfreien Diät gestellt werden – danach ist die Diagnose serologisch kaum noch möglich. Neu bei der Zöliakie-Forschung: Mehrere Pharmaunternehmen entwickeln Enzympräparate (Glutenasen), die eine gewisse Glutenmenge im Darm abbauen und damit versehentliche Glutenaufnahme abpuffern sollen. Diese befinden sich noch in klinischen Studien (Phase 2/3) und ersetzen auf absehbare Zeit keine glutenfreie Ernährung – aber sie könnten für Patienten mit unbeabsichtigter Glutenexposition (z.B. im Restaurant oder beim Reisen) eine wichtige Ergänzung werden. Bis dahin gilt: Diagnose sichern, Diät konsequent einhalten, regelmäßige gastroenterologische Kontrollen wahrnehmen. Für Kinder mit Zöliakie ist frühzeitige Diagnose besonders wichtig: Unbehandelte Zöliakie im Wachstumsalter führt zu Kleinwuchs, verzögerter Pubertät und verminderter Knochendichte. Bei Kindern mit unklarer Gedeihstörung, Bauchschmerzen oder Anämie gehört ein Zöliakie-Screening zur Standarddiagnostik. Eine frühzeitig begonnene glutenfreie Ernährung ermöglicht normale Entwicklung und verhindert langfristige Folgeschäden. Zöliakie ist eine lebenslange Erkrankung – aber mit korrekter Diagnose und konsequent glutenfreier Ernährung haben Betroffene eine völlig normale Lebenserwartung und Lebensqualität. Die Heilungsrate der Dünndarmschleimhaut liegt bei über 90 Prozent, wenn glutenfreie Ernährung sorgfältig eingehalten wird. Der Schlüssel liegt in der Diagnose: Wer Symptome hat und das Risiko kennt, sollte nicht selbst auf glutenfrei wechseln, sondern zuerst die Diagnostik beim Arzt abschließen lassen. Gastroenterologen mit Zöliakie-Schwerpunkt und zertifizierte Diätologen unterstützen beim Einstieg in die glutenfreie Ernährung. --- **Quellen:** [1] Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG). Daten und Fakten zur Zöliakie 2025. https://www.dzg-online.de/zoeliakiedaten.html [2] Husby S et al. European Society for Paediatric Gastroenterology (ESPGHAN) Guidelines for Diagnosing Coeliac Disease. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2020. https://www.espghan.org/coeliac-guidelines
Quelle lesen →

Verwandte Unternehmen

Unternehmensliste wird hier als Collection List eingefügt