Jahrelang galt die Hormonersatztherapie (HRT) nach der Women’s Health Initiative Studie (WHI, 2002) als riskant. Neue Leitlinien und Langzeitdaten korrigieren dieses Bild grundlegend. Für Frauen unter 60 Jahren oder innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause überwiegen die Vorteile klar die Risiken – das ist der aktuelle wissenschaftliche Konsens laut IMS/EMAS Menopauseposition Statement 2024 und der deutschen AWMF-Leitlinie Peri- und Postmenopause.[1]

Was in den Wechseljahren passiert

Die Perimenopause beginnt oft vier bis acht Jahre vor der letzten Menstruation. In Deutschland liegt das durchschnittliche Menopause-Alter bei 51 Jahren. Hitzewallungen betreffen rund 75 Prozent der Frauen, dazu kommen Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, vaginale Trockenheit und Konzentrationsprobleme. Symptome können zwei bis zwölf Jahre anhalten. Viele Frauen erleben zusätzlich Veränderungen der Körperzusammensetzung, einen Anstieg des kardiovaskulären Risikos und einen Knochendichteabbau, der das Osteoporose-Risiko erhöht.

Die WHI-Revision: Was damals schiefgelaufen ist

Die ursprüngliche WHI-Studie testete synthetische Hormone – konjugiertes equines Östrogen plus Medroxyprogesteronacetat – bei im Schnitt 63-jährigen Frauen, viele davon mit Vorerkrankungen. Die absolute Risikoerhöhung für Brustkrebs lag bei 0,08 Prozent pro Jahr, also acht Zusatzfälle pro 10.000 Frauen-Jahre. Zum Vergleich: Übergewicht, Bewegungsmangel und mehr als ein Glas Alkohol täglich erhöhen das Brustkrebsrisiko deutlich stärker. Spätere Reanalysen der WHI-Daten und große europäische Kohortenstudien bestätigten: Die ursprüngliche Risikoberechnung wurde auf Frauen übertragen, für die sie nie gedacht war.[1]

Moderne HRT-Optionen

Bioidentische Hormone wie 17β-Östradiol und mikronisiertes Progesteron haben ein günstigeres Risikoprofil als synthetische Varianten. Transdermale Applikation – Pflaster oder Gel – umgeht den First-Pass-Effekt der Leber und reduziert das Thromboserisiko auf Normalniveau. Bei rein urogenitalen Symptomen wie Trockenheit oder Schmerzen beim Sex wirken lokale Vaginaloöstrogene effektiv, ohne systemisch nennenswert wirksam zu sein. Eine Hormontherapie ohne Progesteronanteil – etwa nach Hysterektomie – hat kein erhöhtes Brustkrebsrisiko.

Wann eine Therapie sinnvoll ist

Schwere Hitzewallungen, behandlungsbedürftige Schlafstörungen, klimakterische Depression, urogenitale Symptome und ein hohes Osteoporose-Risiko sind laut AWMF-Leitlinie anerkannte Indikationen für eine Hormontherapie. Die individuelle Abwägung – unter Berücksichtigung von Familienanamnese, Thromboserisiko und Knochendichte – gehört in eine Menopause-Sprechstunde beim Frauenarzt. Die Entscheidung liegt bei der Patientin, informiert durch eine evidenzbasierte Beratung, nicht durch Rücksichten auf eine überholte Studienlage aus den frühen 2000er-Jahren.


Quellen:
[1] AWMF S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause (015-062). register.awmf.org
[2] IMS/EMAS Menopause Position Statement 2024. Klimakterium, Band 27. imsociety.org