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Schlafapnoe: Erstmals Tablette wirksam – FLOW-Studie zeigt 47 % weniger Atemaussetzer

March 29, 2026

Jahrzehntelang galt die CPAP-Atemmaske als einziger wirksamer Standard gegen obstruktive Schlafapnoe. Jetzt könnte eine Tablette diese Dominanz brechen: Eine im Fachblatt The Lancet veröffentlichte Phase-2-Studie zeigt, dass der Wirkstoff Sulthiame – bisher vor allem als Antiepileptikum bekannt – die nächtlichen Atemaussetzer bei Schlafapnoe-Patienten um bis zu 47 Prozent reduziert [1]. Das Unternehmen Apnimed, das die Studie gesponsert hat, spricht von einem „echten Wendepunkt" in der Schlafmedizin. ## Was ist Schlafapnoe – und wie verbreitet ist sie? Schlafapnoe ist eine chronische Erkrankung, bei der die Atemwege im Schlaf wiederholt kollabieren oder sich verengen. Die Folge: Atemaussetzer von 10 Sekunden bis zu mehreren Minuten, begleitet von abfallendem Sauerstoffgehalt im Blut und nächtlichem Aufwachen. In Deutschland sind schätzungsweise 10 Millionen Menschen betroffen, die meisten ohne Diagnose, denn Betroffene schlafen oft trotz der Aussetzer durch und bemerken nur die Folgen: chronische Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, Schlaganfall und Typ-2-Diabetes [2]. Typische Risikofaktoren sind Übergewicht, männliches Geschlecht, Alter über 50, Alkoholkonsum vor dem Schlafengehen sowie anatomische Besonderheiten wie ein kleiner Kiefer oder vergrößerte Mandeln. Männer sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Frauen, bei Frauen steigt das Risiko nach der Menopause deutlich an. ## Die FLOW-Studie: Was Sulthiame bewirkt An der europäischen Phase-2-Studie FLOW nahmen 298 Erwachsene mit mittelgradiger bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe teil. Die Studie war randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert – der Goldstandard klinischer Evidenz. Teilnehmende erhielten über 15 Wochen täglich eine von drei Sulthiame-Dosierungen (100 mg, 200 mg oder 300 mg) oder Placebo, jeweils vor dem Schlafengehen. Der primäre Endpunkt war die prozentuale Veränderung des Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI3a), der die Zahl der Atemaussetzer pro Stunde misst. In der Gruppe mit der höchsten Dosis (300 mg) sank der AHI3a um durchschnittlich 47 Prozent gegenüber Placebo – eine klinisch bedeutsame Reduktion [1]. Parallel verbesserte sich die nächtliche Sauerstoffsättigung messbar. "Das ist ein echter Wendepunkt: Eine Tablette gegen Schlafapnoe war bisher klinisch nicht nachgewiesen", kommentierte das Unternehmen Apnimed bei der Studienveröffentlichung [1]. Sulthiame wirkt vermutlich über eine Hemmung des Enzyms Karboanhydrase, das den Atemantrieb reguliert. Der Mechanismus unterscheidet sich fundamental von der rein mechanischen CPAP-Therapie. ## Was die CPAP-Maske leistet – und wo sie scheitert Die Continuous Positive Airway Pressure (CPAP)-Therapie gilt seit Jahrzehnten als Goldstandard bei mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe. Eine am 2024 im Fachjournal Chest veröffentlichte Metaanalyse bestätigte: CPAP reduziert das kardiovaskuläre Risiko bei langfristiger Therapie signifikant [3]. Doch CPAP hat ein grundlegendes Problem – die Akzeptanz. Studien zeigen, dass 30 bis 50 Prozent aller Patienten die Maske langfristig nicht tolerieren: zu laut, zu unbequem, zu störend für den Partner. Viele brechen die Therapie innerhalb des ersten Jahres ab – mit allen Folgen für ihre Gesundheit. Alternative Therapien wie Unterkieferprotrusionsschienen oder Zungenmuskel-Stimulatoren sind wirksam, aber aufwendig und teuer. ## Schlafapnoe und Herzgesundheit: Das unterschätzte Risiko Unbehandelte Schlafapnoe ist kein harmloses Schlafproblem. Jeder Atemaussetzer löst eine Stressreaktion aus: Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet, der Blutdruck steigt kurzfristig an, der Herzrhythmus gerät aus dem Takt. Wiederholt sich das Hunderte Male pro Nacht über Jahre, entstehen messbare kardiovaskuläre Schäden. Studien zeigen, dass Menschen mit unbehandelter mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall tragen im Vergleich zu Menschen ohne Atemwegsprobleme im Schlaf [2]. Besonders problematisch: Die meisten Betroffenen ahnen nicht, dass sie Schlafapnoe haben. Wer nachts schnarcht und tagsüber erschöpft ist, sollte das nicht als normale Müdigkeit abtun. ## Einschränkungen der Sulthiame-Studie Experten begrüßen die Ergebnisse, mahnen aber zur Einordnung. Erstens handelt es sich um eine Phase-2-Studie – primär zur Dosisfindung und Sicherheitsbewertung. Für eine Zulassung braucht es Phase-3-Studien mit größeren Teilnehmerzahlen und längeren Beobachtungszeiträumen. Zweitens waren die häufigsten Nebenwirkungen Kribbeln in Händen und Füßen (Parästhesien) sowie leichte kognitive Effekte, die dem bekannten Nebenwirkungsprofil von Sulthiame als Antiepileptikum entsprechen. Auch fehlt bislang ein direkter Vergleich mit CPAP in einer randomisierten Studie. Die Frage, für welche Patientengruppe Sulthiame besonders geeignet ist – etwa jene mit leichter bis mittelgradiger Schlafapnoe oder CPAP-Intolleranz –, bleibt offen. ## Weitere neue Ansätze: Tirzepatid und AD109 Sulthiame ist nicht die einzige neue Option in der Pipeline. Tirzepatid (Zepbound), ein GLP-1/GIP-Doppelagonist, wurde 2024 von der FDA für Schlafapnoe bei adipösen Patienten zugelassen – der Mechanismus ist hier die Gewichtsreduktion, die das Apnoe-Risiko senkt [4]. AD109 (Kombination aus Aroxybutynin und Atomoxetin) zielt auf die neuromuskuläre Steuerung der Atemwege und soll 2026 einen FDA-Zulassungsantrag erhalten. Der gemeinsame Trend: Schlafapnoe wird zunehmend als neurologisches und metabolisches Problem verstanden, nicht nur als mechanisches. Das eröffnet Wege für gezielte Pharmakotherapie. ## Wann sollte man zum Arzt? Schlafapnoe wird häufig unterschätzt, weil Betroffene während der Aussetzer nicht vollständig aufwachen. Typische Warnsignale sind: - Lautes, unregelmäßiges Schnarchen - Morgendliche Kopfschmerzen oder trockener Mund - Ausgeprägte Tagesmüdigkeit trotz ausreichend Schlaf - Konzentrationsprobleme und Stimmungsschwankungen - Nächtliches Aufschrecken mit Luftnot Die Diagnose erfolgt idealerweise in einem Schlaflabor via Polysomnographie. Viele HNO-Ärzte und Pneumologen bieten auch ambulante Schlafanalysen (Polygraphie) als ersten Screening-Schritt an. Frühzeitige Diagnose und Therapie können das Risiko für Herzerkrankungen und Schlaganfall erheblich senken. 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