Schilddrüsenunterfunktion: 5 Millionen Betroffene, aber viele sind nicht diagnostiziert
Hashimoto-Thyreoiditis und andere Formen der Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) sind weit verbreitet. Und doch werden viele Fälle übersehen. Ein Grund: Das Screening ist manchmal nicht aussagekräftig, und die Symptome sind unspezifisch.
## Epidemioloige: Die wahren Zahlen
In Deutschland leiden etwa 3-5 Millionen Menschen an Hypothyreose. Etwa ein Drittel davon wissen es nicht.
Großbritannien ist bekannt für sein gutes Screening-Programm (TSH-Messung ab 35 Jahren alle 5 Jahre). Trotzdem werden dort etwa 10-15% der Hypothyreose-Fälle übersehen.
Why? Mehrere Gründe:
1. Symptome sind unspezifisch (Müdigkeit, Gewichtszunahme, Depression)
2. TSH-Grenzen sind nicht überall gleich definiert
3. Freies T4 wird nicht immer gemessen
4. Subclinical Hypothyreose (hohes TSH, normales T4) wird manchmal übersehen
## Symptome: oft fälschlich als Alter oder Stress interpretiert
Hypothyreose-Symptome sind vielfältig und oft unspezifisch:
- Extreme Müdigkeit und Lethargie
- Gewichtszunahme (bei unveränderter Ernährung)
- Kälte-Unverträglichkeit
- Trockene Haut und brüchige Haare
- Depression und Angst
- Konzentrationsprobleme ("Brain fog")
- Langsamer Puls
- Vertiefte Stimme
Diese Symptome werden oft dem Alter, Stress oder der Menopause zugeordnet, nicht der Schilddrüse.
## Diagnose: TSH allein ist nicht genug
Der Standard-Test ist TSH (Thyroid Stimulating Hormone). Ein hoher TSH deutet auf Hypothyreose hin.
Aber: TSH allein ist manchmal nicht ausreichend. Hier der Grund:
In der subclinical Hypothyreose ist TSH leicht erhöht (z.B. 5-10 mU/l), aber T4 ist noch normal. Manche Ärzte behandeln dies nicht, andere schon. Die Datenlage ist unklar.
Außerdem: "Normaler" TSH-Wert ist von Labor zu Labor unterschiedlich. Einige Labore nutzen 2.5-4.0 mU/l, andere 0.4-4.0 mU/l. Das führt zu Verwirrrung.
Besser: TSH + freies T4 messen. Wenn T4 niedrig ist bei erhöhtem TSH, ist die Diagnose klar.
## Behandlung: Levothyroxin
Die Standard-Behandlung ist Levothyroxin (synthetisches T4). Die Dosis wird individualisiert, bis TSH im Zielbereich ist (meist 0.5-2.5 mU/l).
Wichtig:
- Levothyroxin sollte morgens auf leeren Magen genommen werden
- Kalzium, Eisen und Vitamin D-Supplements sollten mindestens 4 Stunden vor/nach Levothyroxin genommen werden (sie beeinflussen die Absorption)
- TSH sollte alle 6-8 Wochen nach Dosisänderung kontrolliert werden
## Natürliches Desiccated Thyroid (NDT): Der Hype
Manche Patienten mögen Levothyroxin nicht und wollen "natürliche" Optionen wie NDT (Schweinethyreoid-Extrakt) oder T4+T3-Kombinationen.
Die Evidenz: Studien zeigen, dass NDT nicht besser als Levothyroxin ist. Aber einige Patienten berichten, sich damit besser zu fühlen. Das ist wahrscheinlich ein Placebo-Effekt, aber wenn es hilft, hilft es.
Wichtig: NDT ist nicht standardisiert, die T4/T3-Verhältnisse variieren. Manche Patienten bekommen zu viel T3, was zu Palpitationen führt.
## Autoimmune Hashimoto-Thyreoiditis: Antikörper und Prognose
Die häufigste Ursache von Hypothyreose in iodreichen Ländern ist Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunerkrankung.
Typische Antikörper: TPO (Thyroid Peroxidase) und Thyroglobulin-Antikörper.
Wenn positive: Die Prognose ist, dass die Hypothyreose progressiv wird. Viele Patienten mit Hashimoto, die anfangs normale TSH-Werte haben, entwickeln später eine Hypothyreose. Regelmäßiges TSH-Screening ist sinnvoll.
## Fallbeispiel
Eine 45-jährige Frau kommt mit Müdigkeit und 8kg Gewichtszunahme in einem Jahr. Sie dachte, das ist normal mit dem Alter. TSH-Messung: 8.2 mU/l (erhöht, Normbereich < 4.0). Freies T4: 10 mU/l (normal).
Diagnose: Subclinical Hypothyreose. Die Patientin erhält Levothyroxin 50 mcg/Tag.
Nach 8 Wochen: TSH gefallen auf 2.0, Müdigkeit weg, Energie zurück. Die Patientin ist überrascht, wie viel besser sie sich fühlt.
TPO-Antikörper-Test zeigt: Positiv. Diagnose: Hashimoto-Thyreoiditis. Die Patientin wird aufgeklärt, dass regelmäßiges Monitoring wichtig ist, da die Hypothyreose progressiv sein kann.
## Fazit: Screening ist wichtig
Schilddrüsenunterfunktion ist häufig und oft unerkannt. TSH-Screening ab 35 Jahren sollte routine sein. Wenn Symptome verdächtig sind (Müdigkeit, Gewichtszunahme, Depression) sollte man aktiv nachscreenen, auch wenn TSH "normal" ist.
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