Jeder zweite Arzt in Deutschland nutzt private KI-Tools wie ChatGPT für die tägliche Arbeit – ohne dass die Praxis oder das Krankenhaus diese Nutzung offiziell genehmigt oder geregelt hat. Das zeigt der Doctolib Digital Health Report 2026, für den im Sommer 2025 rund 1.400 Menschen befragt wurden: 1.000 Patienten und 414 medizinische Fachkräfte [1]. Die Studie liefert erstmals belastbare Zahlen zur sogenannten Schatten-KI im deutschen Gesundheitswesen.
Was ist Schatten-KI – und warum entsteht sie?
Als Schatten-KI bezeichnet man den Einsatz von KI-Tools, die nicht vom Arbeitgeber bereitgestellt oder sicherheitsgeprüft wurden. Im Gesundheitswesen ist das besonders heikel: Wenn ein Arzt Patientendaten in ein externes System wie ChatGPT eingibt, um einen Arztbrief zu formulieren oder eine Diagnose zu strukturieren, verlassen hochsensible Informationen das geschützte Praxissystem. Datenschutzrechtlich bewegt man sich damit in einer Grauzone – und trotzdem greifen laut dem Report 50 Prozent der befragten Ärzte genau zu solchen Tools [1].
Der Grund liegt auf der Hand: Zertifizierte KI-Lösungen für Arztpraxen und Krankenhäuser sind rar. Wer täglich Stunden mit Dokumentation verbringt und in ChatGPT eine sofortige Entlastung findet, wird das Angebot nutzen – auch wenn die Rechtslage unklar ist. Das Problem ist kein Fehlverhalten einzelner Ärzte, sondern ein Systemversagen: Das Gesundheitswesen ist digitalisierungsbereit, aber die offiziellen Werkzeuge fehlen.
Was der Report im Detail zeigt
50 Prozent der befragten Ärzte nutzen private KI-Tools für Recherchezwecke, 28 Prozent für Dokumentationsaufgaben [1]. Unter Medizinischen Fachangestellten (MFA) liegen die Anteile mit 30 beziehungsweise 17 Prozent etwas niedriger, sind aber weiterhin hoch. Über alle Berufsgruppen hinweg nutzen 40 Prozent der Befragten KI für Recherche – ein Wert, der zeigt, dass Schatten-KI kein Randphänomen ist.
Gleichzeitig wissen viele Nutzer um die Risiken. 54 Prozent äußern Datenschutz- und Sicherheitsbedenken gegenüber KI in der Praxis [1]. 60 Prozent zweifeln an der Genauigkeit medizinischer KI-Aussagen, insbesondere bei Diagnosen. Und 44 Prozent befürchten, bei administrativer KI die persönliche Kontrolle zu verlieren. Die Nutzung erfolgt also trotz – nicht wegen – eines Vertrauensvorschusses gegenüber privaten Tools.
Trotz dieser Bedenken überwiegt der Pragmatismus: 79 Prozent der befragten Ärzte und MFA sagen, dass Digitalisierung ihre Arbeit grundsätzlich erleichtern würde [1]. Der Widerspruch ist bezeichnend: Die Ablehnung richtet sich nicht gegen KI an sich, sondern gegen unkontrollierte Nutzung ohne Rechtsrahmen. Was fehlt, sind zertifizierte Lösungen – nicht der Wille.
Das Potenzial: Millionen Stunden für Patienten
Für den Fall, dass geprüfte KI-Tools flächendeckend eingesetzt würden, rechnet der Report mit erheblichen Effizienzgewinnen. KI-gestützte Dokumentationsassistenten könnten den Schreibaufwand in Arztpraxen um mehr als 70 Prozent senken [1]. Telefonassistenten, die Terminanfragen automatisch beantworten, sollen Unterbrechungen an der Rezeption um bis zu 60 Prozent reduzieren.
Hochgerechnet auf die rund 70.000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland ergibt das eine theoretische Kapazität von 55 Millionen zusätzlichen Stunden pro Jahr für die Patientenversorgung – das entspricht etwa einer Million Stunden pro Woche [1]. Zum Vergleich: In Deutschland warten Patienten laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung im Schnitt rund 20 Tage auf einen Facharzttermin. Wenn KI die Verwaltungslast spürbar reduziert, könnte dieser Stau abnehmen.
Hohe Akzeptanz auf Patientenseite – mit klaren Bedingungen
Auf der Patientenseite zeichnet der Report ein überraschendes Bild: 72 Prozent der Befragten würden einen KI-Assistenten für die Terminbuchung nutzen, 63 Prozent auch für allgemeine organisatorische Fragen beim Arzt [1]. 65 Prozent wären bereit, ihre Gesundheitsdaten mit KI zu teilen – wenn sie das jederzeit widerrufen können.
Das Vertrauen ist also da, aber an Bedingungen geknüpft: Transparenz darüber, wer die Daten sieht. Kontrolle über die eigene Einwilligung. Die Gewissheit, dass keine Daten unbemerkt weitergegeben werden. Dass ausgerechnet Patienten offener gegenüber KI sind als manche Systemakteure, ist das vielleicht deutlichste Signal des Reports: Der Engpass liegt nicht bei der Nachfrage.
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Was versteht man unter "Schatten-KI" in der Arztpraxis?
Als Schatten-KI bezeichnet man den Einsatz von KI-Tools wie ChatGPT, die Ärzte oder MFA auf eigene Initiative verwenden – ohne Genehmigung oder Datenschutzprüfung durch den Arbeitgeber. Sie entsteht, weil zugelassene Alternativen fehlen oder zu langsam bereitgestellt werden.
Sind private KI-Tools in der Arztpraxis legal?
Das hängt von den eingegebenen Daten ab. Anonymisierte Anfragen sind meist unproblematisch. Werden Patientendaten übermittelt – etwa für einen Arztbrief – kann das gegen die DSGVO verstoßen. Eine rechtssichere Nutzung erfordert entweder eine Auftragsdatenverarbeitungsvereinbarung mit dem Anbieter oder den Wechsel auf ein zertifiziertes System.
Quellen: [1] Doctolib – Digital Health Report 2026. Befragung von 1.000 Patienten und 414 medizinischen Fachkräften, durchgeführt Juli–August 2025. about.doctolib.de (Zugriff April 2026). [2] zm-online.de – So erleben Ärzte, MFA und Patienten die Digitalisierung. zm-online.de (Zugriff April 2026)