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Saxenda für Kinder ab 6: EMA empfiehlt erste Abnehmspritze für Grundschulkinder

March 30, 2026

Erstmals hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) empfohlen, ein Medikament zur Gewichtskontrolle für Kinder im Grundschulalter zuzulassen. Saxenda (Liraglutid), ein GLP-1-Agonist, der bisher ab 12 Jahren bei Jugendlichen mit Adipositas eingesetzt werden durfte, soll nach Empfehlung des EMA-Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) in der EU künftig auch für Kinder zwischen 6 und 11 Jahren mit schwerer Adipositas zugelassen werden [1]. Die Empfehlung stützt sich auf eine klinische Studie, deren Ergebnisse das Science Media Center Germany 2025 ausführlich eingeordnet hat [2]. ## Zahlen zur Kinderadipositas Übergewicht und Adipositas im Kindesalter sind in Deutschland ein wachsendes Problem. Nach Daten der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts sind rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig, etwa 5,9 Prozent davon adipös – das entspricht rund 800.000 Kindern. Internationale Daten der WHO zeigen, dass sich die Häufigkeit von Kinderadipositas seit den 1980er-Jahren mehr als verdreifacht hat. Adipositas im Kindesalter ist kein kosmetisches Problem: Sie erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlafschwierigkeiten, orthoпädische Probleme und psychische Begleiterkrankungen. Zudem ist bekannt, dass Adipositas im Kindesalter ein starker Prädiktor für Adipositas im Erwachsenenalter ist. ## Wie wirkt Liraglutid? Liraglutid ist ein GLP-1-Rezeptoragonist – ein Wirkstoff, der das körpereigene Sättigungshormon GLP-1 nachahmt. Es signalisiert dem Gehirn, dass der Magen voll ist, und verlangsamt die Magenentleerung. Ergebnis: geringeres Hungerfühl, langsamere Nahrungsaufnahme, reduzierte Kalorienzufuhr. Das Medikament wird einmal täglich als Injektion unter die Haut verabreicht. Saxenda ist bereits seit 2016 in Deutschland für Erwachsene zugelassen und seit 2021 für Jugendliche ab 12 Jahren mit Adipositas. ## Die Studie: Was sie zeigt – und was nicht Die Zulassungsempfehlung der EMA basiert auf einer Herstellerstudie von Novo Nordisk (Phase 3), die Kinder zwischen 6 und 11 Jahren mit Adipositas (BMI ≥ 95. Perzentile) und einem Körpergewicht ≥ 45 kg untersuchte. Nach 56 Wochen (etwa 13 Monaten) zeigte die Studie: - **Behandlungsgruppe (Liraglutid):** BMI-Score sank um durchschnittlich 5,8 Prozent - **Placebogruppe:** BMI-Score stieg um 1,6 Prozent - Unterschied im Behandlungserfolg: rund 7,4 Prozentpunkte [1, 2] Experten des Science Media Center Germany bewerten die Ergebnisse als klinisch bedeutsam, betonen aber Einschränkungen: "Es handelt sich um eine herstellerfinanzierte Studie mit begrenzter Teilnehmerzahl. Langzeitdaten zur Sicherheit bei Kindern unter 12 Jahren fehlen noch", schreiben die Gutachter [2]. Nebenwirkungen wie Übelkeit und Durchfall entsprechen dem bekannten Profil bei Erwachsenen. ## Expertenmeinungen: Zwischen Hoffnung und Vorsicht Die Entwicklung wird in Fachkreisen differenziert diskutiert. Befürworter sehen in der Zulassung eine dringend benötigte medikamentöse Option für Kinder mit schwerer Adipositas, bei denen Ernährungs- und Verhaltenstherapie allein nicht ausreichen. "Für Kinder mit extremer Adipositas, die trotz intensiver Therapiemaßnahmen kein ausreichendes Ansprechen zeigen, könnte Liraglutid eine wichtige Option sein", heißt es in der Experteneinordnung des Science Media Center [2]. Kritiker mahnen: Medikamente sollten immer nur als Ergänzung zu Lebensstilinterventionen eingesetzt werden, nicht als Ersatz. Langzeitstudien zu Effekten auf Wachstum, Pubertätsentwicklung und psychologische Aspekte der Körperwahrnehmung bei Kindern sind noch ausständig. ## Liraglutid nur ein Teil der Therapie Die EMA-Empfehlung betont ausdrücklich: Saxenda ist "als Ergänzung zu gesunder Ernährung und erhöhter körperlicher Aktivität" einzusetzen. Eine multimodale Therapie bleibt Grundlage der Adipositas-Behandlung bei Kindern, bestehend aus: - **Ernährungstherapie:** Kalorienreduktion, keine restriktiven Diäten, familienbasierter Ansatz - **Bewegungstherapie:** Mindestens 60 Minuten moderate Aktivität täglich (WHO-Empfehlung) - **Verhaltenstherapie:** Kognitive Strategien zur Impulskontrolle und Umgang mit Stress-Essen - **Familien-Einbeziehung:** Eltern als zentrale Partner – Verhalten und Umfeld der gesamten Familie sind entscheidend Kinderärzte (Pädiatrie) und spezialisierte Adipositas-Zentren sind die richtigen Anlaufstellen für betroffene Familien. Informationen zu Adipositas-Therapieprogrammen und DiGAs finden Sie auf bestes.com/services. ## Prävention bleibt Vorrang: Was Familien und Schulen tun können Während die Pharmakotherapie für schwere Fälle neue Optionen bietet, liegt der größte Hebel gegen Kinderadipositas weiterhin in der Prävention. Studien zeigen: Kinder, die regelmäßig frühstücken, mindestens eine Stunde täglich aktiv sind und seltener zuckerhaltige Getränke konsumieren, haben ein deutlich geringeres Risiko für Übergewicht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und Deutsche Adipositas-Gesellschaft fordern seit Jahren eine Reform der Schulverpflegung und mehr tägliche Bewegungseinheiten im Pflichtunterricht. In Bayern und NRW wurden bereits Modellprogramme erprobt, die Adipositas-Prävention in Grundschulen integrieren. Eltern spielen eine entscheidende Rolle: Gemeinsame Mahlzeiten ohne Bildschirm, aktive Familienwochenenden und das Vorleben gesunder Ernährung sind nachgewiesene Schutzfaktoren. Gleichzeitig sollten übergewichtige Kinder nie stigmatisiert werden – Körperbild-Unsicherheiten können sich in Essstörungen manifestieren. ## Übergeordnete Entwicklung: GLP-1-Klasse wächst Die Zulassung für Kinder ist Teil einer breiteren Entwicklung: Die GLP-1-Wirkstoffklasse erlebt seit der Zulassung von Semaglutid (Ozempic/Wegovy) einen beispiellosen Aufschwung. Orales Semaglutid (OASIS-4-Studie, EMA-Zulassungsantrag Ende 2025) soll die Therapie bald ohne Injektionen ermöglichen. Neue Wirkstoffe wie Retatrutid und Tirzepatid zielen auf mehrere Hormonrezeptoren gleichzeitig. Die Liraglutid-Zulassung für Kinder ist dabei ein wichtiger Schritt – aber kein Wendepunkt. Experten sind sich einig: Prävention durch Bewegung, gesunde Ernährung und ein adipositätsfreundlicheres Umfeld bleiben die wirkungsvollsten Instrumente gegen Kinderadipositas. --- **Quellen:** [1] EMA CHMP: Empfehlung zur Zulassungserweiterung Saxenda (Liraglutid) 6–11 Jahre. Pharmazeutische Zeitung: pharmazeutische-zeitung.de/abnehmspritze-saxenda-kuenftig-schon-ab-6-jahren-156247/ | diepta.de/news/zulassung-saxenda-erste-abnehmspritze-fuer-kinder [2] Science Media Center Germany: "Liraglutid zur Behandlung von Übergewicht bei Kindern unter zwölf Jahren" (2025). sciencemediacenter.de/angebote/liraglutid-zur-behandlung-von-uebergewicht-bei-kindern-unter-zwoelf-jahren-24128 [3] RKI KiGGS-Studie: Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. rki.de/kiggsStudie
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