Rückenschmerz ist in Deutschland der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung erleiden im Laufe ihres Lebens mindestens eine relevante Episode. Jetzt hat die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) gemeinsam mit zwölf weiteren Fachgesellschaften die Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Nicht-spezifischer Kreuzschmerz aktualisiert. Die Überarbeitung betont eine klare Botschaft: Bewegung statt Bett.
Was die Leitlinie jetzt konkret empfiehlt
Die aktualisierte NVL unterscheidet zwischen akutem, subakutem und chronischem nicht-spezifischem Kreuzschmerz. Für alle drei Phasen gilt: Aktiv bleiben ist besser als Schonung. Für den akuten Kreuzschmerz (≤6 Wochen) lautet die Kernbotschaft: Bewegung und Normalität aufrechterhalten, soweit tolerabel. Bettruhe ist nicht mehr empfohlen – sie war es bereits in der Vorversion nicht, aber die neue Leitlinie schärft diese Botschaft.
Bei subakutem Kreuzschmerz (6–12 Wochen) rücken multimodale Ansätze in den Fokus: Kombination aus Physiotherapie, psychologischer Unterstützung und ggf. Schmerzmittel. Die Leitlinie warnt vor reiner Schmerzmedikation ohne Begleittherapie, da diese keine nachhaltige Funktionsverbesserung bringt.
Für chronischen Kreuzschmerz (≥12 Wochen) ist die multimodale Schmerztherapie (MMS) die Behandlung der Wahl. Dazu gehören Bewegungstherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Ergänzung durch Physio- und Ergotherapie sowie Schmerzedukation. Invasive Maßnahmen wie Injektionen, Nervenblockaden oder chirurgische Eingriffe sind nur bei klarer Indikation nach Ausschöpfung konservativer Optionen vorgesehen.
Warum Bewegungstherapie so viel bewirkt
Beim nicht-spezifischen Kreuzschmerz gibt es per Definition keinen fassbaren strukturellen Befund wie einen Bandscheibenvorfall oder eine Fraktur. Der Schmerz entsteht und unterhält sich häufig durch muskuloskelettale Dysbalancen, zentraler Sensibilisierung und psychosozialer Belastung. Bewegungstherapie wirkt auf mehreren Ebenen: Sie trainiert die Rumpfmuskeln, fördert die Schmerzmodulation und kann durch die Freisetzung endogener Opioide die Schmerzwahrnehmung verändern.
Studien zeigen, dass genügend Bewegung (≥3 Stunden strukturierte Bewegungstherapie pro Woche über 6–12 Wochen) den Schmerz mindestens genauso effektiv reduziert wie gängige Pharmakotherapie – ohne Nebenwirkungen und mit nachhaltiger Wirkung.
Relevanz für digitale Gesundheitsangebote
Die Botschaft der NVL öffnet Möglichkeiten für App-basierte Bewegungstherapien. Wenn strukturierte Bewegung als äquivalent zur medikamentösen Therapie gilt, können digitale Angebote, die Bewegung und Schmerztracking kombinieren, einen klinisch relevanten Beitrag leisten. Korrekt positioniert – als Ergänzung zur ärztlichen Behandlung, nicht als Ersatz – bieten solche Apps echten Mehrwert, besonders in der frühen akuten Phase.
