Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland verschlechtert sich erneut. Das Deutsche Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung zeigt: 25 Prozent der befragten Lehrkräfte beobachten eine deutliche Zunahme psychischer Belastungen bei Schülerinnen und Schülern – erstmals seit der Pandemie wieder auf Anstiegsniveau. Angststörungen, depressive Verstimmungen und Schlafprobleme gelten als häufigste Beschwerden.

Ausmaß der Belastung: Zahlen aus dem KiGGS-Survey

Laut aktuellem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert Koch-Instituts zeigen 17,8 Prozent der 3- bis 17-Jährigen Hinweise auf psychische Auffälligkeiten. Bei Mädchen im Jugendalter liegt der Anteil bei über 25 Prozent. Besonders betroffen sind Kinder aus sozial schwächeren Haushalten – in dieser Gruppe ist die Rate doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

Die häufigsten Diagnosen sind Angststörungen (8,2 Prozent), ADHS (4,4 Prozent), Depression (3,6 Prozent) und Essstörungen (1,8 Prozent). Pandemic-Folgen bleiben messbar: Die Selbstverletzungsraten bei Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren sind seit 2020 um 42 Prozent gestiegen. Soziale Isolation, Schulstress und exzessiver Medienkonsum gelten als Haupttreiber.

Versorgungsengpass: Monate Wartezeit auf Therapieplätze

Niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und -therapeuten verzeichnen Wartezeiten von 12 bis 24 Monaten. Die Bundespsychotherapeutenkammer schätzt, dass nur jedes vierte behandlungsbedürftige Kind zeitnah einen Therapieplatz erhält. Besonders dramatisch ist die Lage in ländlichen Regionen, wo auf 100.000 Kinder weniger als zwei Kinder-Psychotherapeuten kommen.

Neben dem strukturellen Mangel spielen Stigmatisierung und elterliche Unsicherheit eine Rolle: Viele Familien wenden sich erst spät an professionelle Hilfe – wenn Probleme bereits chronifiziert sind und sich schulische wie soziale Folgen zeigen. Frühe Intervention ist entscheidend, um langfristige Beeinträchtigungen zu vermeiden.

Digitale Angebote als Ergänzung und Überbrückung

Digitale Interventionen gewinnen als Ergänzung zur klassischen Psychotherapie an Bedeutung. Mehrere Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) für Jugendliche befinden sich in der Zulassung oder sind bereits kassenpflichtig, darunter Apps für Angststörungen, depressive Verstimmungen und ADHS-Coaching. Experten betonen: Diese können die Wartezeitenproblematik nicht lösen, leisten aber als niedrigschwellige Erstversorgung und Überbrückung wertvolle Unterstützung – insbesondere in der langen Zeit zwischen Erstvorstellung und Therapiebeginn.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Rahmen des Kinder- und Jugendgesundheitsförderungsprogramms 2025 zusätzliche Mittel für den Ausbau schulpsychologischer Dienste bereitgestellt. Ob diese Maßnahmen ausreichen, um den wachsenden Bedarf zu decken, bleibt unter Fachleuten umstritten.

Quellen

  • Robert Bosch Stiftung: Deutsches Schulbarometer 2026 – Psychische Gesundheit im Fokus. bosch-stiftung.de
  • RKI: KiGGS Welle 2 – Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. rki.de
  • Bundespsychotherapeutenkammer: Jahresbericht 2025 – Versorgungssituation Kinder und Jugendliche. bptk.de
  • DAK-Gesundheitsreport 2024: Psychische Erkrankungen bei Kindern. dak.de