Mental Health
Von Redaktion

Schulbarometer 2026: Psychische Belastung bei Kindern erstmals seit Pandemie wieder gestiegen

Schulbarometer März 2026: 25% der Kinder psychisch belastet – erstmals Anstieg seit Pandemie. Warnsignale, Therapiebedarf + Wartezeiten.

Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland nimmt wieder zu – erstmals seit dem Ende der Coronapandemie. Das zeigt das Deutsche Schulbarometer 2026, das die Robert Bosch Stiftung im März 2026 veröffentlicht hat. Demnach fühlt sich ein Viertel der Schülerinnen und Schüler psychisch belastet, 15 Prozent gelten als psychisch auffällig.

"Wir beobachten eine besorgniserregende Trendumkehr", erklärt Tanja Schultze, Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung. "Nach einem kurzen Rückgang der Belastungswerte sehen wir seit Mitte 2025 wieder einen deutlichen Anstieg – besonders bei Mädchen und Jugendlichen in der Pubertät."

Parallel dazu zeigt die Trendstudie "Jugend in Deutschland 2026" der Universität Hohenheim: Fast jeder dritte Jugendliche (29 Prozent) zwischen 14 und 29 Jahren gibt an, das Gefühl zu haben, eine psychische Behandlung zu benötigen – ein historischer Höchststand.

Was das Schulbarometer 2026 zeigt

Das Schulbarometer ist eine der umfassendsten Erhebungen zur psychischen Gesundheit von Schulkindern in Deutschland. Im aktuellen Jahrgang wurden über 8.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 8 bis 18 Jahren befragt. Die zentralen Befunde:

  • 25 Prozent fühlen sich psychisch belastet
  • 15 Prozent zeigen deutliche psychische Auffälligkeiten (SDQ-Kriterien)
  • 10 Prozent liegen im Grenzbereich
  • Mädchen ab 12 Jahren sind signifikant häufiger betroffen als Jungen
  • Hauptbelastungen: Leistungsdruck, Zukunftsängste, Social Media, familiäre Konflikte

Die psychische Gesundheit hat sich im Vergleich zu 2023 (22 % belastet) damit wieder verschlechtert – auch wenn die Spitzenwerte der Pandemie (2021: 31 %) noch nicht erreicht werden.

Wartezeiten: Zwischen Diagnose und Therapie vergehen Monate

Besonders problematisch bleibt die Versorgungssituation. Laut der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warten Kinder und Jugendliche im Bundesdurchschnitt über sechs Monate auf einen Therapieplatz bei einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten – in ländlichen Regionen oft deutlich länger.

Die Kapazitäten wurden zwar nach der Pandemie leicht ausgebaut, aber die Nachfrage übersteigt das Angebot erheblich. Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) warnt: Ohne strukturelle Investitionen in die Kinderpsychiatrie und schulbasierte Prävention wird der Engpass weiter zunehmen.

Welche Erkrankungen treten bei Kindern am häufigsten auf?

Die häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind:

Angststörungen (Prävalenz: 10–15 %)
Trennungsangst, soziale Angststörung, generalisierte Angststörung. Viele Kinder sprechen nicht darüber – Bauchschmerzen vor der Schule oder Schlafprobleme können erste Warnsignale sein.

ADHS (Prävalenz: 5–7 %)
Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung wird bei Mädchen oft später erkannt, weil sie häufiger eine unaufmerksame Form zeigen, statt auffällig hyperaktiv zu sein.

Depressive Störungen (Prävalenz: 3–5 %)
Bei Jugendlichen ab 14 Jahren stark zunehmend. Bei Kindern unter 12 äußern sich Depressionen oft durch Gereiztheit statt Traurigkeit.

Essstörungen (Prävalenz: 1–3 %)
Anorexia und Bulimia nervosa haben nach der Pandemie eine deutlich niedrigere Altersgrenze – erste Fälle werden nun schon ab dem 10. Lebensjahr diagnostiziert.

Was Social Media mit der Psyche macht

Die COPSY-Langzeitstudie (8. Befragungswelle, 2025) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt: 39 Prozent der Jugendlichen berichten, auf Social-Media-Plattformen häufig mit belastenden Inhalten konfrontiert zu werden. Gleichzeitig weisen 60 Prozent laut der Jugendstudie 2026 eine suchtähnliche Smartphonenutzung auf.

Besonders Instagram und TikTok sind mit erhöhten Symptomen von Körperunzufriedenheit, Vergleichsangst und sozialer Isolation assoziiert – vor allem bei Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Die Kausalität ist Forschungsgegenstand, die Korrelation aber eindeutig. Forscher empfehlen klare Bildschirmzeitregeln und frühzeitige Medienkompetenz-Erziehung.

Frühe Warnsignale erkennen

Eltern und Lehrkräfte sollten folgende Zeichen ernst nehmen:

  • Anhaltender Rückzug von Freunden und Familie
  • Nachlassende Schulleistungen ohne erkennbaren Grund
  • Häufige körperliche Beschwerden ohne medizinischen Befund (Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schwindel)
  • Schlafstörungen – zu viel oder zu wenig Schlaf
  • Starke Stimmungsschwankungen, anhaltende Gereiztheit
  • Wegfall von früher geschätzten Hobbys

Experten betonen: Diese Warnsignale bedeuten nicht zwingend eine psychische Erkrankung – sie sollten aber Anlass für ein offenes Elterngespräch und bei Bedarf eine Vorstellung beim Kinderarzt sein. Frühe Intervention ist deutlich wirksamer als späte.

Was Schulen und Familien jetzt tun können

Das DZPG und die Bundespsychotherapeutenkammer empfehlen:

  • Schulbasierte Prävention stärken: Resilienz-Programme wie "Stark im Stress" oder "PLUS" zeigen in Studien messbare Effekte auf die psychische Gesundheit.
  • Klassenklima investieren: Gemeinschaftsgefühl und soziale Einbindung sind die stärksten Schutzfaktoren für psychische Gesundheit im Schulalter.
  • Niedrigschwellige Erstanlaufstellen: Viele Schulen bieten inzwischen psychologische Beratung an. Kinder sollten wissen, wo sie Hilfe finden.
  • Elterngespräche ohne Stigma: Die größte Hürde zur Behandlung ist oft die Scham der Familie – offene Kommunikation darüber normalisiert Hilfesuche.

Hilfe finden

Der erste Schritt ist häufig der Kinder- und Jugendarzt, der eine erste Einschätzung vornehmen und bei Bedarf überweisen kann. Für Krisenmomente ist die Telefonseelsorge kostenlos erreichbar (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, 24/7 kostenlos, anonym).

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