Polypharmazie: Warum zu viele Medikamente bei Älteren gefährlich werden
In Deutschland nehmen rund 54 Prozent der Menschen über 65 Jahren fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig ein. Bei über 80-Jährigen sind es sogar 60 Prozent. Polypharmazie – die gleichzeitige Einnahme von fünf und mehr Medikamenten – ist in einer alternden Gesellschaft mit zunehmenden Mehrfacherkrankungen nahezu unvermeidlich geworden. Doch sie birgt erhebliche Risiken: Wechselwirkungen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Stürze sind die häufigsten Folgen [1].
## Was ist Polypharmazie und warum entsteht sie?
Polypharmazie entsteht, wenn Menschen mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig haben (Multimobidität) und jede Erkrankung nach Leitlinie behandelt wird. Jemand mit Herzinsuffizienz, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Arthrose kommt schnell auf 8 bis 12 täglich einzunehmende Medikamente – jedes für sich medizinisch sinnvoll, die Kombination aber kaum systematisch geprüft [1].
Ein bekanntes Problem: Leitlinien für einzelne Erkrankungen berücksichtigen selten die Situation von Patienten mit mehreren Diagnosen. Der ältere Patient wird nach Einzelstudien behandelt, die ihn in der Regel ausgeschlossen hätten.
## Die Risiken der Polypharmazie
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) sind bei Patienten mit Polypharmazie fünfmal häufiger als bei Patienten ohne Mehrfachmedikation. Die wichtigsten Risiken: Stürze und Frakturen: Blutdruckmittel, Beruhigungsmittel, Antidepressiva und Schlafmittel erhöhen das Sturzrisiko. 30 Prozent aller Stürze bei Älteren sind medikamentös mitverursacht [2]. Nierenschäden: Die Kombination aus NSAR und ACE-Hemmern oder Diuretika kann bei Dehydratation zu akutem Nierenversagen führen. Blutungen: Wechselwirkungen zwischen oralen Antikoagulanzien und NSAR oder SSRI erhöhen das Blutungsrisiko erheblich. Kognitive Einschränkungen: Antihistaminika, Blasenmedikamente und tricyclische Antidepressiva haben anticholinerge Wirkungen [1].
## Die PRISCUS-Liste: Medikamente die Ältere meiden sollten
Die deutsche PRISCUS-Liste (2023) enthält 94 Wirkstoffe, die für Patienten über 65 als potenziell inadäquat gelten. Dazu gehören langwirkende Benzodiazepine (Diazepam, Nitrazepam), ältere Schlafmittel (Diphenhydramin), bestimmte Herzmedikamente (Digoxin in hoher Dosis) und einige Schmerzmittel (Pentazocin, Indometacin) [2].
## Was hilft: der Brown Bag Review
Eine bewährte Methode, um Polypharmazie zu überprüfen, ist der Brown Bag Review: Der Patient bringt alle Medikamente – einschließlich rezeptfreier Mittel, Nahrungsergänzungsmittel und pflanzlicher Präparate – zu einem Termin mit dem Hausarzt. Gemeinsam wird geprüft, ob jedes Medikament noch indiziert ist und ob Wechselwirkungen bestehen [1].
Studien zeigen, dass strukturierte Medikamentenreviews bei Älteren die Anzahl der eingenommenen Medikamente im Schnitt um 1 bis 2 Wirkstoffe reduzieren und dabei die medizinische Versorgung verbessern.
## Ratschläge für Patienten und Angehörige
Wer selbst oder als pflegende Person viele Medikamente verwaltet, sollte: Einen aktuellen Medikationsplan führen (in Deutschland verpflichtend ab 3 verschreibungspflichtigen Dauerpraeparaten). Mindestens einmal jährlich alle Medikamente mit dem Hausarzt überprüfen. Keine rezeptfreien Mittel nehmen, ohne den Arzt zu informieren. Bei neuen Symptomen zuerst fragen: Könnte das eine Nebenwirkung sein? [2]
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## Digitale Tools für sicheres Medikamentenmanagement
Der Bundesmedikationsplan (BMP) ist seit 2016 gesetzlich verankert: Patienten mit drei oder mehr dauerhaften verschreibungspflichtigen Medikamenten haben Anspruch auf einen standardisierten, maschinenlesbaren Medikationsplan vom Arzt [1].
Die elektronische Patientenakte (ePA), die seit Anfang 2025 ausgerollt wird, soll langfristig den vollständigen Medikationsplan digital integrieren – sodass jeder behandelnde Arzt sofort sieht, welche Medikamente der Patient einnimmt. Das kann Wechselwirkungen und Doppelverordnungen deutlich reduzieren [2].
Bis das System vollständig läuft, gilt: Führen Sie selbst einen aktuellen Medikationsplan – inklusive rezeptfreier Mittel. Apotheken können helfen, eine vollständige Liste zu erstellen. Klinische Pharmakologen und Geriater auf bestes.com/services.
Polypharmazie ist nicht nur ein deutsches Problem. Studien aus Skandinavien zeigen, dass strukturierte Medikamentenreviews in der Primärversorgung die Hospitalisierungsrate bei Patienten über 75 Jahren um 15 bis 20 Prozent senken können. Geriater empfehlen: Jedes neue Symptom bei Patienten mit Polypharmazie zunächst als mögliche Arzneimittelwirkung einordnen, bevor ein weiteres Medikament verschrieben wird.
Führen Sie eine aktuelle Medikamentenliste und legen Sie diese bei jedem Arzttermin vor – auch beim Zahnarzt und in der Notaufnahme. Viele Wechselwirkungen entstehen, weil Ärzte verschiedener Fachrichtungen nicht voneinander wissen, was der Patient einnimmt. Der BMP löst dieses Problem strukturell – fragen Sie Ihren Hausarzt aktiv danach.
Polypharmazie ist lösbar. Studien zeigen, dass gezieltes Deprescribing bei 70 bis 80 Prozent der Patienten möglich ist, ohne negative Folgen. Viele Patienten berichten nach dem Absetzen überzähliger Medikamente von weniger Nebenwirkungen, mehr Energie und besserem Schlaf.
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**Quellen:**
[1] Holt S et al. PRISCUS 2.0 – Aktualisierte Priscus-Liste. Dtsch Arztebl Int. 2023. https://www.aerzteblatt.de/archiv/225660
[2] Thiem U et al. Polypharmazie bei älteren Menschen in Deutschland. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 2024. https://doi.org/10.1007/s00391-024
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