Als der Dachverband Osteologie (DVO) im September 2023 seine aktualisierte S3-Leitlinie zur Osteoporose verabschiedete, markierte das einen Paradigmenwechsel in der deutschen Frakturprävention: Statt wie bisher das individuelle Frakturrisiko über zehn Jahre zu berechnen, wird es nun über drei Jahre bestimmt. Diese Änderung ermöglicht eine deutlich präzisere Risikoabschätzung – und rückt Hochrisikopatienten früher in den Fokus.

Warum Osteoporose so häufig zu spät erkannt wird

Osteoporose betrifft in Deutschland rund sechs Millionen Menschen, 80 Prozent davon Frauen. Jährlich erleiden rund 300.000 Deutsche eine osteoporotische Fraktur, darunter etwa 100.000 Hüftfrakturen. 30 Prozent sterben innerhalb eines Jahres, weitere 40 Prozent verlieren dauerhaft ihre Selbstständigkeit [4].

Das Kernproblem: Ein konventionelles Röntgenbild zeigt erst Knochenabbau, wenn bereits 30 Prozent der Knochenmasse fehlen. Der Goldstandard ist die DXA-Messung. Ab einem T-Score von −2,5 oder schlechter gilt die Diagnose Osteoporose als gesichert. Die GKV übernimmt die Kosten für Frauen ab 70 und postmenopausale Frauen mit Risikofaktoren.

Was die DVO-Leitlinie 2023 verändert hat

Die Leitlinie 2023 integrierte über 100 Risikofaktoren. Neben dem T-Score fließen ein: Alter, Geschlecht, Körpergröße und -gewicht, Sturz-Anamnese, Kortison-Dauertherapie sowie Grunderkrankungen wie Diabetes Typ 2, rheumatoide Arthritis und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen [1].

Der neue 3-Jahres-Vorhersagezeitraum erhöht die klinische Handlungsrelevanz erheblich. Bei einem 3-Jahres-Frakturrisiko von 3 bis 10 Prozent empfiehlt die Leitlinie primär eine osteoanabole Therapie nach dem „Hit hard and consolidate"-Prinzip – also sofort mit dem wirksamsten Mittel starten, dann konsolidieren.

Prävention: Was wirklich zählt

90 Prozent der maximalen Knochenmasse werden bis Anfang 20 aufgebaut. Der DVO empfiehlt täglich 1.000 bis 1.200 mg Calcium über die Nahrung sowie 800 bis 1.000 IE Vitamin D, mit einem Ziel-Serumspiegel von mindestens 50 nmol/l. Krafttraining zweimal pro Woche kombiniert mit Gleichgewichtsübungen senkt das Sturzrisiko nachweislich. Tai-Chi zeigte in Metaanalysen signifikante Sturz- und Frakturreduktion [1].

Medikamentöse Therapie

Antiresorptiva wie Bisphosphonate (Alendronat, Zoledronat) gelten als häufigste Erstlinientherapie. Denosumab (Prolia®) eignet sich bei Niereninsuffizienz, muss aber dauerhaft weitergeführt werden – das Absetzen löst einen Rebound-Effekt aus. Bei hohem Frakturrisiko kommen Osteoanabolika zum Einsatz: Romosozumab (Evenity®) reduzierte in der ARCH-Studie vertebrale Frakturen um 48 Prozent gegenüber Alendronat [5]. Teriparatid ist auf zwei Jahre begrenzt.

Wer sollte zur DXA-Messung?

Routinemäßig empfohlen: alle Frauen ab 70 Jahren und Männer ab 80 Jahren. Bei Risikofaktoren wie Kortison-Dauertherapie, früherer Fraktur oder niedrigem Körpergewicht gilt: früher zum Hausarzt. Das kostenlose DVO-Risikokalkül ist online abrufbar und hilft Arzt und Patient bei der gemeinsamen Entscheidung.

Tipp: Vorsorgeuntersuchungen und Spezialisten für Knochengesundheit finden Sie auf bestes.com.


Quellen:
[1] DVO S3-Leitlinie Osteoporose 2023: leitlinien.dv-osteologie.org
[2] DVO e.V.: Pressemitteilung Oktober 2023
[3] Zeitschrift für Rheumatologie 2024: DOI 10.1007/s00393-024-01495-x
[4] International Osteoporosis Foundation: iofbonehealth.org
[5] Saag KG et al., ARCH-Studie. N Engl J Med 2017: DOI 10.1056/NEJMoa1708322