Osteoporose-Leitlinie 2023/2026: Neues 3-Jahres-Risikomodell und wann Therapie beginnen sollte
Als der Dachverband Osteologie (DVO) im September 2023 seine aktualisierte S3-Leitlinie zur Osteoporose verabschiedete, markierte das einen Paradigmenwechsel in der deutschen Frakturprävention: Statt wie bisher das individuelle Frakturrisiko über zehn Jahre zu berechnen, wird es nun über drei Jahre bestimmt. Diese Änderung, die bis September 2026 Gültigkeit hat und bereits unter Koordination von Dr. med. Friederike Thomasius (Frankfurt am Main) aktualisiert wird, ermöglicht eine deutlich präzisere Risikoabschätzung.
## Warum Osteoporose so häufig zu spät erkannt wird
Osteoporose betrifft in Deutschland rund sechs Millionen Menschen, 80 Prozent davon Frauen. Jährlich erleiden rund 300.000 Deutsche eine osteoporotische Fraktur, darunter etwa 100.000 Hüftfrakturen. 30 Prozent sterben innerhalb eines Jahres, weitere 40 Prozent verlieren dauerhaft ihre Selbstständigkeit.
Das Kernproblem: Ein konventionelles Röntgenbild zeigt erst Knochenabbau, wenn bereits 30 Prozent der Knochenmasse fehlen. Der Goldstandard ist die DXA-Messung (T-Score ≤ −2,5 = Osteoporose-Diagnose). Die GKV übernimmt die Kosten für Frauen ab 70 und postmenopausale Frauen mit Risikofaktoren.
## Was die DVO-Leitlinie 2023 verändert hat
Die Leitlinie 2023 integrierte über 100 Risikofaktoren. Neben dem T-Score fließen ein: Alter, Geschlecht, Körpergröße/-gewicht, Sturz-Anamnese, Kortison-Dauertherapie, Grunderkrankungen (Diabetes Typ 2, RA, CED, Niereninsuffizienz), Nikotin und Familienanamnese Hüftfraktur.
Der neue 3-Jahres-Vorhersagezeitraum erhöht die klinische Handlungsrelevanz: Ein erhöhtes Kurzzeit-Risiko tritt früher in den Fokus. Bei 3-Jahres-Frakturrisiko 3–10% empfiehlt die Leitlinie primär eine osteoanabole Therapie – das „Hit hard and consolidate“-Prinzip.
## Prävention: Was wirklich zählt
90 Prozent der maximalen Knochenmasse werden bis Anfang 20 aufgebaut. DVO-Empfehlungen: 1.000–1.200 mg Calcium täglich über die Nahrung; Vitamin D 800–1.000 IE täglich (Ziel-Serumspiegel ≥50 nmol/l); Krafttraining 2×/Woche plus Gleichgewichtsübungen. Tai-Chi zeigte in Metaanalysen signifikante Sturz- und Frakturreduktion.
## Medikamentöse Therapie
**Antiresorptiva:** Bisphosphonate (Alendronat, Zoledronat) sind häufigste Erstlinientherapie. Denosumab (Prolia®) bei Niereninsuffizienz – muss dauerhaft fortgeführt werden (Rebound-Effekt bei Absetzen).
**Osteoanabolika:** Romosozumab (Evenity®, seit 2020) reduzierte in der ARCH-Studie (Saag et al., NEJM 2017) vertebrale Frakturen um 48% gegenüber Alendronat. Teriparatid auf 2 Jahre begrenzt.
## Wer sollte zur DXA-Messung?
Alle Frauen ab 70 Jahren, Männer ab 80 Jahren. Bei Risikofaktoren (Kortison, Vor-Fraktur, niedriges Körpergewicht, Nikotin) früher. Hausarzt kann das DVO-Risikokalkul anwenden.
## Häufige Fragen zur Osteoporose
**Tut Osteoporose weh?** Unkomplizierte Osteoporose ist schmerzfrei. Erst eine Fraktur – oft eine Wirbelkörperfraktur – verursacht akute Schmerzen. Manche Wirbelkörperfrakturen verlaufen sogar schmerzfrei und fallen erst im Röntgenbild auf.
**Ab wann zur DXA-Messung?** Ab 70 Jahren (Frauen), 80 Jahren (Männer) routinemäßig; bei Risikofaktoren früher. DVO-Risikokalkul online kostenlos verfügbar.
**Kann man Osteoporose rückgängig machen?** Vollständig nicht, aber osteoanabole Therapien erhöhen die Knochendichte messbar und senken das Frakturrisiko deutlich.
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**Quellen:**
[1] DVO-Leitlinie Osteoporose 2023 (leitlinien.dv-osteologie.org)
[2] DVO e.V.: Pressemitteilung Oktober 2023
[3] Zeitschrift für Rheumatologie 2024: DOI 10.1007/s00393-024-01495-x
[4] IOF: Facts and Statistics (iofbonehealth.org)
[5] Saag KG et al. (2017): ARCH-Studie. NEJM. DOI: 10.1056/NEJMoa1708322
[6] AWMF-Register: S3-Leitlinie Osteoporose Nr. 183-001
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