Nierensteine: EAU 2025 zeigt neue Therapieoption – und warum Trinken allein nicht reicht
Der Europäische Urologenkongress EAU 2025 stellt Hexametaphosphat als neue Steinauflösung vor. Gleichzeitig zeigt die bisher größte Verhaltensstudie: Mehr Trinken allein senkt das Rezidivrisiko nicht ausreichend.
Nierensteine gehören zu den häufigsten urologischen Erkrankungen in Deutschland: Rund 5 Prozent der Bevölkerung entwickeln im Laufe ihres Lebens Nierensteine, Tendenz steigend. Beim Europäischen Urologenkongress (EAU) 2025 wurden zwei wichtige Neuigkeiten vorgestellt: eine potenzielle neue Substanz zur Steinauflösung und die bisher größte Studie zur Rückfallprävention – mit ernüchterndem Ergebnis für die gängige Empfehlung "einfach mehr trinken".
Wer einmal einen Nierenstein hatte, hat ein Rezidivrisiko von etwa 50 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Das macht die Prävention zu einem der zentralen Themen in der Urologie – und die neuen Studiendaten machen deutlich, dass bisherige Ansätze weiterentwickelt werden müssen.
Neue Substanz: Hexametaphosphat könnte Steine auflösen
Beim EAU 2025 präsentierten Forscherinnen und Forscher erste Daten zu Hexametaphosphat (HMP) als möglicher Therapie gegen Kalziumsteine – die häufigste Steingattung. HMP ist eine Chelat-Verbindung, die Kalziumionen bindet und damit die Kristallbildung hemmt. Im Laborvergleich zeigte HMP eine bis zu 16-fach stärkere Wirkung als Citrat, der derzeit gängigsten Substanz zur Steinprophylaxe bei Kalziumoxalat-Steinen.
Klinische Studien stehen noch aus – HMP ist derzeit kein zugelassenes Medikament. Forschende sehen in der Substanz aber eine vielversprechende Alternative, besonders für Patienten, die Citrat nicht vertragen. "HMP könnte einen echten Durchbruch in der Metaphylaxe darstellen", sagte Studienautor Dr. Marcus Mohr in seiner Kongresspräsentation.
Ernüchternde Ergebnisse zur Hydrationsstrategie
Die bislang größte Verhaltensstudie zur Nierensteineprävention, durchgeführt in den USA mit 1.658 Teilnehmenden an sechs klinischen Zentren, brachte überraschende Ergebnisse: Trotz eines strukturierten Beratungsprogramms zur Erhöhung der Flüssigkeitszufuhr sank die Rate symptomatischer Rezidive in der gesamten Gruppe nicht signifikant.
Die Teilnehmenden tranken tatsächlich mehr – ihre durchschnittliche Urinausscheidung stieg messbar an. Aber: Die Steigerung war nicht groß genug, um das Rezidivrisiko zu senken. Die Studie legt nahe, dass die EAU-Empfehlung von mindestens 2,5 Litern Flüssigkeit täglich zwar sinnvoll ist, aber ohne begleitende Ernährungsanpassungen alleine nicht ausreicht.
Was wirklich hilft: Ernährung ist genauso wichtig wie Trinken
Die aktuelle EAU-Leitlinie (S2-Level) empfiehlt für Rezidivpatienten eine sogenannte "Steinanalyse-gestützte Metaphylaxe": Jeder Stein sollte nach dem Abgang oder der operativen Entfernung auf seine Zusammensetzung analysiert werden. Denn die optimale Prävention unterscheidet sich je nach Steintyp:
- Kalziumoxalatsteine (häufigster Typ, ~70 %): Viel trinken, oxalatarme Ernährung (weniger Spinat, Rhabarber, Nüsse), ausreichend Kalzium aus der Nahrung (nicht Supplemente), normaler Kochsalzkonsum
- Harnsäuresteine (~10 %): Basen-bildende Ernährung, wenig Fleisch und Innereien, ggf. Allopurinol
- Infektsteine (~10 %): Konsequente Harnwegsinfektbehandlung, regelmäßige Urinkontrollen
Eine häufige Fehlvorstellung: Kalzium meiden. Das Gegenteil ist richtig – zu wenig Nahrungskalzium erhöht die Oxalatresorption im Darm und damit das Steinrisiko.
Wann ist ein operativer Eingriff notwendig?
Die meisten Nierensteine bis 5 mm Durchmesser passieren die Harnwege spontan. Größere Steine oder solche mit Beschwerden (kolikartige Schmerzen, Harnstau, Harnwegsinfekt) werden urolgisch behandelt:
- ESWL (Stoßwellenlithotripsie): für Steine <2 cm im Nierenbecken, ambulant, keine Narkose
- URS (Ureterorenoskopie): für Harnleitersteine, Laser-Zertrümmerung
- PCNL (Perkutane Nephrolithotomie): für große Steine (>2 cm), stationär
Neue minimalinvasive Varianten (Mini-PCNL, Ultra-Mini-PCNL) machen auch größere Eingriffe zunehmend ambulant möglich.
Nierensteine und Prävention im Alltag
Neben Flüssigkeitsmenge und Ernährung spielen weitere Faktoren eine Rolle:
- Übergewicht erhöht das Risiko für Harnsäuresteine erheblich
- Heißes Klima / Schwitzen erhöht die Konzentration des Harns
- Bestimmte Medikamente (Diuretika, Kalziumsupplemente, Vitamin C in hohen Dosen) können das Risiko steigern
Ein Urin-Screening (24-Stunden-Sammelurin) beim Urologen ermöglicht die gezielte Diagnose von Risikofaktoren.
FAQ: Häufige Fragen zu Nierensteinen
Sind Nierensteine immer schmerzhaft? Nein – viele Steine werden zufällig bei Ultraschall entdeckt und verursachen keine Beschwerden.
Kann ich weiter Kaffee trinken? Ja. Kaffee erhöht das Steinrisiko nicht – im Gegenteil, moderate Mengen können das Risiko leicht senken.
Wie schnell wächst ein Nierenstein? Sehr unterschiedlich – von Monaten bis Jahren, abhängig vom Steintyp und dem individuellen Stoffwechsel.
Begleiterkrankungen und Risikofaktoren: Wann ist Vorsicht geboten?
Bestimmte Erkrankungen erhöhen das Steinrisiko erheblich und erfordern eine gezielte Abklärung:
- Hyperparathyreoidismus: Erhöhte Nebenschilddrüsenwirkung steigert die Kalziumausscheidung im Urin
- Morbus Crohn und Kurzdarmsyndrom: Erhöhte Oxalatresorption → Oxalatstein-Risiko
- Gicht: Harnsäuresteine durch erhöhten Harnsäurespiegel
- Metabolisches Syndrom: Insulinresistenz fördert Harnsäureausscheidung
Wer mehrfach Nierensteine hatte, sollte diese Erkrankungen aktiv ausschließen lassen.
Häufig unterschätzt: Der Zusammenhang zwischen Nierensteine und Herzerkrankungen
Neuere Forschung zeigt, dass Nierensteine kein isoliertes urologisches Problem sind. Menschen mit rezidivierenden Steinen haben ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, Bluthochdruck und chronische Niereninsuffizienz. Der Zusammenhang ist bidirektional: Ein gestörter Kalzium- und Oxalatstoffwechsel schadet langfristig auch den Gefäßen. Urologische Behandlung und Metaphylaxe sind deshalb auch kardiovaskuläre Prävention. Wer wiederholt Nierensteine entwickelt, sollte internistisch mitbetreut werden – inklusive Blutdruckmessung, Nierenwertecheck und Ernährungsberatung. Diesen systemischen Blick betonen internationale Leitlinien zunehmend und fordern eine enge Kooperation zwischen Urologen und Internisten.
Nierensteine bei Kindern und Jugendlichen
Ein unterschätztes Phänomen: Nierensteine nehmen auch bei Kindern und Jugendlichen zu, was Experten auf veränderte Ernährungsgewohnheiten (mehr Salz, mehr Zucker, weniger Trinken), zunehmende Adipositas und Bewegungsmangel zurückführen. Bei Kindern unter 18 Jahren mit Nierensteinen empfiehlt die EAU-Leitlinie eine genetische Abklärung, da primäre Hyperoxalurie und Cystinurie häufig übersehen werden.