Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland leben mit atopischer Dermatitis, auch bekannt als Neurodermitis oder atopisches Ekzem. Für die schweren Verläufe war die Behandlung jahrzehntelang unbefriedigend – bis Biologika eine Revolution einleiteten. Seit der Zulassung von Dupilumab (2017) und Tralokinumab (2022) erreichen viele Schwerstbetroffene erstmals eine nahezu beschwerdefreie Haut [1]. Und 2025/2026 kommen weitere Wirkstoffe dazu. ## Was Neurodermitis ist und wen sie betrifft Neurodermitis ist eine chronische, nicht ansteckende Entzündungserkrankung der Haut. Sie entsteht durch ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, gestörter Hautbarriere und überaktivem Immunsystem. Typisch: trockene, gerötete, stark juckende Haut, die in Schüben auftritt und sich beruhigt. Neurodermitis ist nicht nur ein Hautproblem. Der chronische Juckreiz stört den Schlaf – bei vielen Betroffenen nächtelang. Scham wegen des Hautbilds, soziale Isolation, Depressionen und Angststörungen sind häufige Begleiterkrankungen. Neurodermitis-Patienten haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko für klinisch relevante Depressionen wie Menschen ohne die Erkrankung [2]. ## Die Behandlungs-Pyramide Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad: **Basis:** Rückfettende Pflegeprodukte (Emollientien) täglich, immer – auch außerhalb von Schüben. Das ist die wichtigste Maßnahme zur Stabilisierung der Hautbarriere. **Leichte bis mittelschwere Schübe:** Kortison-Cremes kurzfristig, oder Calcineurin-Inhibitoren (Tacrolimus, Pimecrolimus) als Kortison-Alternative besonders in sensiblen Bereichen (Gesicht, Falten). **Mittelschwere bis schwere Verläufe:** Systemische Therapie. Klassisch: Ciclosporin, Methotrexat, Azathioprin. Neuere Option: Dupilumab und Tralokinumab (Biologika). ## Biologika: Der Durchbruch für schwere Fälle Dupilumab (Dupixent, Sanofi/Regeneron) blockiert gezielt die Signalwege von Interleukin-4 und Interleukin-13 – zwei Botenstoffe, die bei Neurodermitis die Entzündung antreiben. In klinischen Studien erreichten über 50% der Patienten eine 75-prozentige Verbesserung des Hautbefunds (EASI-75) – ein Ergebnis, das mit klassischen Immunsuppressiva kaum erreichbar war [1]. Tralokinumab (Adtralza, LEO Pharma) blockiert spezifisch Interleukin-13 und zeigte in Studien ähnliche Wirksamkeit. Der Unterschied im Alltag: individuelle Verträglichkeit. Manche Patienten sprechen besser auf eines der beiden Biologika an. Neu in 2025: Lebrikizumab (Ebglyss, Eli Lilly) hat die EU-Zulassung erhalten und steht seit Anfang 2025 zur Verfügung. Es ist das dritte Anti-IL-13-Biologikum und bietet eine weitere Option für Patienten, bei denen andere Biologika nicht ausreichend wirken. ## JAK-Inhibitoren: Tabletten als Alternative Seit 2021/2022 sind auch JAK-Inhibitoren als orale Therapie verfügbar: Baricitinib (Olumiant), Upadacitinib (Rinvoq) und Abrocitinib (Cibinqo). Diese kleinen Moleküle wirken schneller als Biologika (Wirkungseintritt oft innerhalb von Tagen statt Wochen) und werden als Tablette eingenommen – ein Vorteil gegenüber den subkutanen Injektionen der Biologika. Kehrseite: JAK-Inhibitoren haben umfangreichere Sicherheitshinweise (Infektionsrisiko, Thromboserisiko bei bestimmten Patientengruppen). Sie sind für schwere Fälle bei Erwachsenen und Jugendlichen zugelassen, wenn Biologika nicht infrage kommen oder nicht ausreichend wirken [1]. ## Kassenerstattung und Zugang Alle zugelassenen Biologika und JAK-Inhibitoren sind in Deutschland kassenerstattungsfähig – aber mit Bedingungen. Sie sind für erwachsene Patienten mit mittelschwerer bis schwerer atopischer Dermatitis zugelassen, wenn andere Therapien (Kortikoide, Calcineurin-Inhibitoren, klassische Immunsuppressiva) nicht ausreichend gewirkt haben oder nicht verträglich waren. In der Praxis bedeutet das: Die Therapieplanung läuft über Dermatologen, die Erfahrung mit Biologika haben – oft in spezialisierten Praxen oder Hautkliniken. Für Kinder: Dupilumab ist seit 2020 auch für Kinder ab 6 Monaten zugelassen. Das ist besonders bedeutsam, da schwere Neurodermitis im Kindesalter die Entwicklung erheblich belasten kann. Die pädiatrische Dermatologie ist bei schwerbetroffenen Kindern erste Anlaufstelle. In der Forschung 2025/2026 werden Kombinationstherapien untersucht: Biologika plus Mikrobiom-Interventionen, da der Einfluss der Hautflora auf Neurodermitis-Schübe zunehmend verstanden wird. Langzeitdaten zeigen: Biologika sind bei konsequenter Anwendung sicher und verlieren ihre Wirksamkeit nicht – ein Vorteil gegenüber klassischen Immunsuppressiva. ## Trigger kennen und meiden – praktische Alltagstipps Neben der medikamentösen Therapie ist das Trigger-Management ein zentraler Baustein der Neurodermitis-Behandlung. Die häufigsten Auslöser für Schübe: Hautreizstoffe: Duftstoffe in Waschmitteln, Kosmetik und Seifen. Empfehlung: Waschmittel ohne Duftstoffe, pH-neutrale Waschgele. Textilien: Wolle und synthetische Fasern reizen trockene Haut direkt. Baumwolle oder spezielle Neurodermitis-Textilien mit geschlossenen Fasern sind verträglicher. Schweiß: Nach Sport sofort duschen, um irritierende Schweiß- und Salzkristalle zu entfernen. Stress: Einer der stärksten Schub-Trigger. Studien zeigen, dass Stresshormone direkt die Hautbarriere schwächen. Stressbewältigungstraining ist deshalb keine Nebensache, sondern Teil der Therapie. Kognitive Verhaltenstherapie reduziert nachweislich Schubhäufigkeit und Schwere bei Neurodermitis. Klima: Trockene, kalte Luft im Winter belastet die Haut. Luftbefeuchter in Innenräumen (Ziel: 45–55% relative Luftfeuchtigkeit) helfen, die Haut feucht zu halten. Im Sommer: Nicht überhitzt schlafen. Haustiere: Bei manchen Betroffenen sind Tierhaare ein Trigger. Ein Provokationstest mit dem Allergologen klärt das individuell. ## Häufige Fragen **Werden Biologika dauerhaft eingenommen?** Die meisten Patienten nehmen Biologika dauerhaft oder über Jahre. Bei manchen lässt sich nach einer stabilen Phase die Dosierung reduzieren. **Gibt es natürliche Alternativen?** Trigger meiden (Duftstoffe, Wolle, bestimmte Lebensmittel), Feuchtigkeitspflege und Stressbewältigung helfen. Sie ersetzen aber keine medikamentöse Therapie bei schweren Fällen. **Ist Neurodermitis heilbar?** Nein. Aber sie ist behandelbar. Viele Betroffene erreichen mit moderner Therapie einen Alltag ohne schwere Einschränkungen. 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