Multiple Sklerose gilt als unheilbar – und für die sekundär progrediente Verlaufsform, bei der die Erkrankung ohne Schübe voranschreitet, gab es bislang kaum wirksame Behandlungsoptionen. Das könnte sich 2026 ändern. Mit Tolebrutinib steht ein Wirkstoff vor der europäischen Zulassungsentscheidung, der eine neue Substanzklasse repräsentiert: die Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer, kurz BTKi. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) prüft derzeit den Antrag des Herstellers Sanofi [1].

Was Tolebrutinib von bisherigen MS-Therapien unterscheidet

Der entscheidende Unterschied liegt in der Biologie: Tolebrutinib kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Die meisten bisherigen MS-Medikamente wirken im Blut oder in den Lymphknoten – sie dämpfen das periphere Immunsystem, kommen aber nicht an die Entzündungsprozesse im Gehirn selbst heran. Tolebrutinib hingegen hemmt die BTK-Signalwege direkt im zentralen Nervensystem. Das betrifft vor allem Mikroglia, die Immunzellen des Gehirns, und B-Zellen. Genau diese Zellen gelten als treibende Kräfte hinter der progredienten MS-Form ohne Schübe, der sogenannten non-schubförmigen sekundär-progredienten MS (nspMS) [1].

In der entscheidenden Phase-III-Studie HERCULES, die Patienten mit nspMS untersuchte, verlangsamte Tolebrutinib das Fortschreiten der Behinderung signifikant. Das primäre Ziel der Studie – eine messbare Reduktion der Behinderungsprogression – wurde erreicht. Für Betroffene, die bislang zusehen mussten, wie ihre Mobilität und Alltagsfunktion unwiederbringlich abnahmen, wäre das ein relevanter Fortschritt [2].

FDA-Ablehnung wirft Schatten auf europäisches Verfahren

Der Weg zur Zulassung verlief nicht reibungslos. Im Dezember 2025 lehnte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA den Zulassungsantrag für die nspMS-Indikation ab. Sanofi sprach von einem Complete Response Letter und kündigte an, mit der FDA an einem neuen Weg zu arbeiten. Hintergrund der FDA-Entscheidung waren Sicherheitssignale, die in Studien mit BTK-Inhibitoren aufgetreten waren – darunter Hinweise auf Lebertoxizität und vereinzelte kardiale Ereignisse [2].

Die EMA führt ihr eigenes Bewertungsverfahren unabhängig von der FDA durch. In der Vergangenheit haben europäische und US-amerikanische Behörden bei neurologischen Erkrankungen gelegentlich unterschiedliche Einschätzungen getroffen. Ob die EMA-Entscheidung im Laufe des Jahres 2026 positiv ausfällt, ist zum jetzigen Zeitpunkt offen [1].

Haertefallprogramm bereits aktiv

Parallel zum Zulassungsverfahren ermöglicht ein Härtefallprogramm (Compassionate Use) schwer erkrankten Patienten in Deutschland bereits heute den Zugang zu Tolebrutinib. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) informiert Betroffene und Ärzte über die Voraussetzungen. In Deutschland leben laut AMSEL e.V. rund 280.000 Menschen mit Multipler Sklerose [2].

BTKi in der Forschung: eine ganze Substanzklasse im Fokus

Neben Tolebrutinib befinden sich Evobrutinib (Merck KGaA) und Orelabrutinib in MS-Studien. Die gesamte BTKi-Klasse steht vor der Herausforderung, das Sicherheitsprofil für eine Langzeittherapie zu belegen. Für Patienten und Angehörige ist 2026 ein Jahr der Erwartungen. Die EMA-Entscheidung zu Tolebrutinib könnte noch in der ersten oder zweiten Jahreshälfte fallen. Digitale Begleitangebote für MS-Patienten bietet bestes.com im Überblick [1].