Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hat ihre Blutdruckleitlinie aktualisiert. Die neue Version bringt mehrere Änderungen, die direkte Auswirkungen auf die Behandlung von Millionen Patienten in Deutschland haben werden. Zwei Punkte stechen besonders hervor: eine neue Blutdruckdefinition und veränderte Behandlungsziele.
Die neue Definition: Hypertonie ab 130 mmHg systolisch
Bisher galt in Europa Blutdruck ≥140/90 mmHg als Hypertonie-Grenzwert. Die neue ESC-Leitlinie übernimmt nun eine zweistufige Klassifikation: Ab 130 mmHg systolisch beginnt die sogenannte "erhöhte Hypertonie" – in der amerikanischen Terminologie bereits seit 2017 als Hypertonie Grad 1 bezeichnet. Die klassische Hypertonie wird erst ab 140 mmHg definiert.
Was bedeutet das praktisch? Mehr Personen werden jetzt in eine Hochrisikogruppe fallen, die überwacht, beräten oder behandelt werden müssen. Schätzungen zufolge betrifft das in Deutschland mehrere Millionen Menschen, die bisher als "hoch-normal" klassifiziert wurden und nun in eine neue Kategorie fallen.
Angepasste Behandlungsziele
Für Patienten mit bereits diagnostizierter Hypertonie und hohem kardiovaskulärem Risiko empfiehlt die neue Leitlinie, den Blutdruck auf unter 130/80 mmHg zu senken – wenn toleriert. Bei älteren Patienten (>80 Jahre) bleibt die Empfehlung konservativer: Ziel ist <150/90 mmHg, um Hypotonie-Risiken zu vermeiden.
Bemerkenswert ist auch die stärkere Betonung von Lebensstilmaßnahmen in der ersten Therapielinie: Salzreduktion, regelmäßige Bewegung und Alkoholverzicht werden als gleichwertig zur Pharmakotherapie positioniert, wenn der Blutdruck nur moderat erhöht ist und kein zusätzliches kardiovaskuläres Risiko besteht.
Konsequenzen für die Praxis
Hausärzte und Kardiologen in Deutschland werden sich auf einen gestiegenen Beratungsbedarf einstellen müssen. Gleichzeitig bietet die neue Definition eine Chance: frühere Intervention kann die Rate an Schlaganfällen und Herzinfarkten senken. Die konsequente Umsetzung bleibt jedoch eine Herausforderung – insbesondere bei Patienten, die keine Symptome haben und die Notwendigkeit einer Behandlung schwer nachvollziehen können.
