Studie
Von Redaktion

Nationale Dekade gegen Long COVID: Deutschland startet 10-Jahres-Forschung

BMBF startet 2026: Nationale Dekade gegen Long COVID und Postinfektionssyndrome. 17.209 Hospitalisierungen 2023, 60% Frauen. Was Betroffene wissen sollten.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat im November 2025 die "Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen" ausgerufen. Von 2026 bis 2036 sollen Ursachen, Grundmechanismen und neue Therapieoptionen für Long COVID und andere post-akute Infektionssyndrome erforscht werden. Es ist die erste systematische Langzeitinitiative dieser Art in Deutschland.

Was Long COVID ist – und warum es so hartnäckig ist

Nach einer COVID-19-Infektion erholen sich die meisten Menschen vollständig. Doch ein Teil bleibt für Wochen, Monate oder Jahre krank. Diese anhaltenden Beschwerden nach einer Infektion bezeichnet die Medizin als Post-COVID-Syndrom oder Long COVID. Typische Symptome: extreme Erschöpfung (Fatigue), Konzentrationsprobleme ("Brain Fog"), Atemnot, Herzrasen, Schlafstörungen und Schmerzen.

Besonders belastend für Betroffene: Long COVID ist unsichtbar. Blutbild und Röntgenbild erscheinen normal, während die Person sich kaum aus dem Bett bewegen kann. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt, dass in Deutschland mehrere Hunderttausend Menschen dauerhaft betroffen sind.

Long COVID ist nicht das einzige post-infektiöse Syndrom. Ähnliche Beschwerden kennt die Medizin nach Epstein-Barr-Virus (Pfeiffersches Drüsenfieber), nach Enteroviren und anderen Erregern. Der Oberbegriff: Postinfektiöse Erkrankungen oder PAIS (Post-Acute Infection Syndromes).

Was die Nationale Dekade konkret bringen soll

Die BMBF-Initiative umfasst mehrere Forschungsverbünde, die gleichzeitig an verschiedenen Fragen arbeiten:

QuoVadis LongCOVID (Dezember 2024 bis November 2026): Prognose der künftigen Belastung durch Long COVID, basierend auf kassenärztlichen Abrechnungsdaten.

HELoCO (Januar 2025 bis Dezember 2028): Wirtschaftliche und epidemiologische Auswirkungen von Long COVID bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Langfristiges Ziel ist die Entwicklung diagnostischer Werkzeuge (um Long COVID zuverlässig zu erkennen) und therapeutischer Ansätze (um Betroffenen wirksam helfen zu können).

Was die aktuellen Daten zeigen

Eine neue Analyse zu Krankenhausaufnahmen in Deutschland mit der Post-COVID-Diagnose für das Jahr 2023 zeigt: 17.209 Patienten wurden stationär behandelt – das entspricht 48,9 Fällen pro 100.000 Einwohner. Auffällig: Rund 60 Prozent der Betroffenen sind Frauen, und die häufigste Altersgruppe liegt zwischen 55 und 60 Jahren. Das Bild: Long COVID trifft überproportional Frauen mittleren Alters – obwohl Männer schwerer an COVID-19 erkranken.

Diese Daten bestätigen, was Versorgungsforschung international zeigt: Long COVID ist kein seltenes Randphänomen, sondern eine ernsthafte gesellschaftliche Erkrankungslast.

Was Betroffene jetzt tun können

Wer nach einer COVID-Infektion länger als 12 Wochen Beschwerden hat, sollte einen Long-COVID-Spezialisten aufsuchen. Viele Universitätskliniken und spezialisierten Ambulanzen bieten inzwischen dedizierte Long-COVID-Sprechstunden an. Das Nationale Long-COVID-Register erfasst Betroffene für die Forschung und kann über longcoviddeutschland.org gefunden werden.

Wichtig: Überfordern Sie sich nicht. Das Pacingkonzept – bewusstes Einteilen der eigenen Energie – hat sich als wichtigste Strategie gegen die erschöpfungsbedingte Verschlechterung erwiesen.

Diagnose: Wie wird Long COVID festgestellt?

Es gibt bisher keinen einzigen Bluttest, der Long COVID sicher nachweist. Die Diagnose ist eine klinische Ausschlussdiagnose: Der Arzt schließt andere Erkrankungen aus – Schilddrüsenerkrankungen, Anämie, Herzrhythmusstörungen, psychische Erkrankungen – und stellt anhand der Symptomkonstellation und der COVID-Vorgeschichte die Diagnose.

Besonders charakteristisch für Long COVID ist die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM): Nach körperlicher oder geistiger Belastung verschlechtern sich die Symptome drastisch – oft erst mit einem Verzögerung von 12 bis 48 Stunden. Wer nach einem anstrengenden Tag am nächsten Tag kaum aufstehen kann, kennt dieses Phänomen. Es ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal von gewöhnlicher Erschöpfung.

Neue Forschungsarbeiten identifizieren mögliche Biomarker: erhöhte Entzündungsmarker, reaktivierte Herpesviren (EBV, CMV) im Blut, veränderte Mitochondrienfunktion und autonome Dysregulation (Herzrasen, Kreislaufprobleme im Stehen). Diese Befunde sind aber noch nicht diagnostisch einsetzbar – sie helfen der Forschung, die Mechanismen zu verstehen, aber noch nicht dem Arzt im Sprechzimmer.

Spezialisierte Long-COVID-Ambulanzen – meist an Universitätskliniken – bieten strukturierte Diagnostikpfade an, die alle relevanten Systeme erfassen. Der Hausarzt sollte zunächst Basisdiagnostik veranlassen und dann bei unklarem Verlauf überweisen.

Die Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen soll unter anderem standardisierte Diagnosekriterien entwickeln, damit jeder Arzt in Deutschland Long COVID einheitlich diagnostizieren kann. Heute hängt die Diagnosequalität noch stark vom Wissensstand und der Erfahrung des behandelnden Arztes ab. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern – durch Leitlinien, Fortbildungen und die Forschungsergebnisse der BMBF-geförderten Verbünde. Für Betroffene, die heute noch keine Diagnose haben, bleibt die Empfehlung: Spezialisierte Ambulanz aufsuchen und nicht aufgeben. Die deutschlandweite Karte der Long-COVID-Ambulanzen ist unter longcoviddeutschland.org abrufbar. Betroffene können sich dort auch für das nationale Langzeit-Register anmelden und zur Forschung beitragen, die langfristig allen Erkrankten zugutekommen soll.

Häufige Fragen

Wie lange dauert Long COVID?
Das variiert stark. Viele Betroffene erholen sich innerhalb von drei bis sechs Monaten. Bei einem Teil bleiben Symptome über ein Jahr – bei manchen noch länger.

Gibt es schon eine wirksame Therapie?
Noch keine zugelassene Standardtherapie. Symptombehandlung ist möglich. Einige experimentelle Ansätze (z.B. BC007 bei Autoantikörpern) sind in klinischer Erforschung.

Was finanziert die Dekade?
Das BMBF stellt für die beteiligten Verbünde Forschungsgelder bereit. Konkrete Summen wurden noch nicht kommuniziert.

Finde Long-COVID-Spezialisten und Ambulanzen auf bestes.com/services/long-covid und bestes.com/services/fatigue.

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