Nahrungsmittelallergien auf dem Vormarsch: Neue Diagnostik und orale Immuntherapie
Die Prävalenz von Nahrungsmittelallergien hat sich in den letzten dreißig Jahren in industrialisierten Ländern vervierfacht. In Deutschland leiden schätzungsweise 4–8% der Kinder und 2–4% der Erwachsenen an einer klinisch relevanten Nahrungsmittelallergie [1]. Die am häufigsten betroffenen Allergene: Kuh’milch, Henne’nei, Weizenmehl, Erdünsse, Baumundüsse, Fisch und Meeresfruchte.
## Allergie vs. Unverträglichkeit: Der wichtige Unterschied
Nahrungsmittelallergie und Nahrungsmittelunverträglichkeit werden oft verwechselt. Der Unterschied ist medizinisch entscheidend:
**Allergie:** Immunologisch vermittelte Reaktion (IgE-mediiert oder nicht-IgE-mediiert). Kann lebensbedrohlich sein (Anaphylaxie).
**Unverträglichkeit:** Keine Immunreaktion, meist enzymatischer oder osmotischer Mechanismus. Beispiel: Laktoseintoleranz (kein Laktase-Enzym), Fruktosintoleranz, Histaminintoleranz. Unangenehm, aber nicht lebensbedrohlich.
Wichtig: Eine echte Nahrungsmittelallergie erfordert eine allergologische Diagnostik – nicht nur eine Selbstdiagnose.
## Moderne Diagnostik: Genauer und sicherer
Die klassische Allergiediagnostik (Pricktest, IgE-Gesamtantikörper) wird durch molekulare Allergiediagnostik ergänzt. Diese CRD (Component-Resolved Diagnostics) testet spezifische Allergenkomponenten und unterscheidet z.B. zwischen echter Erdnussallergie und Kreuzreaktivität durch Pollenallergie.
Besonders wichtig bei Erdünssen: Wer auf Ara h 2 reagiert, hat ein hohes Anaphylaxierisiko. Wer nur auf Ara h 8 reagiert, hat meist nur eine Kreuzreaktion durch Birkenpollen – selten lebensbedrohlich. Diese Unterscheidung verändert das Management grundlegend.
Neu 2025: Basophilen-Aktivierungstest (BAT) kann die Schwere einer Allergie vorhersagen und hilft zu entscheiden, ob eine Desensibilisierung sinnvoll ist.
## Orale Immuntherapie: Der Paradigmenwechsel
Bis vor wenigen Jahren lautete die Standardempfehlung: Allergene meiden. Das hat sich geändert. Die orale Immuntherapie (OIT) ist für Erdnussallergie bei Kindern in Europa zugelassen (Palforzia). Dabei wird das Allergen in steigenden Dosen verabreicht, um die Toleranzschwelle zu erhöhen.
Das Ziel ist keine Heilung, sondern Schutz vor versehentlicher Exposition: Kleine Mengen des Allergens lösen keine schwere Reaktion mehr aus. In Studien erreichten 67% der Kinder eine Toleranz gegenüber 1.000 mg Erdnussprotein [2].
Auch bei Milch- und Weizenallergie laufen Studien. Spezialisierte Allergiezentren bieten die OIT an – unter strenger medizinischer Überwachung.
## Ernährungsmanagement im Alltag
Mit einer diagnostizierten Nahrungsmittelallergie ist Alltagsmanagement das Wichtigste:
**Etiketten lesen:** EU-weit müssen 14 Hauptallergene auf Lebensmittelverpackungen klar deklariert werden. „Kann Spuren von ...“ ist ein freiwilliger Hinweis – bei schwerer Allergie sollte er beachtet werden.
**Beim Essen gehen:** Restaurants sind verpflichtet, auf Allergene hinzuweisen. Kreuzk ontamination in der Küche ist häufig – bei schwerer Allergie vorher anrufen.
**Reisen:** Allergiekarte in der Sprache des Reiselandes mitnehmen. Airline bei der Buchung auf allergiefreie Menüs hinweisen.
**Anaphylaxie-Notfallplan:** Bei bekannter schwerer Allergie schriftlichen Notfallplan erstellen – für Kita, Schule, Arbeitgeber. Wann Antihistaminikum reicht, wann Adrenalin-Autoinjektor gezogen wird. Orale Immuntherapie als neue Option: Auch bei Milch- und Weizenallergie laufen klinische Studien. Betroffene Familien sollten mit einem allergologisch spezialisierten Zentrum über diese Option sprechen.
## Häufige Fragen
**Verwachsen sich Allergien im Kindesalter?**
Ja, häufig. Milch-, Ei- und Weizenallergie bilden sich bei vielen Kindern bis zum Schulalter zurück. Erdnuss- und Baumnussallergien bleiben häufiger bestehen.
**Was tun bei Anaphylaxie?**
Adrenalin-Autoinjektor (Epipen, Jext) injizieren, 112 rufen, hinlegen (Beine hoch, außer bei Atemnot), Antihistaminikum und Kortison zusätzlich.
**Kann man Nahrungsmittelallergien vorbeugen?**
Frühzeitige Einführung von Allergenen im Säuglingsalter (LEAP-Studie) reduziert das Erdnussallergie-Risiko um bis zu 80% bei Risikokindern.
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**Quellen:**
[1] AWMF Leitlinie Nahrungsmittelallergie. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/061-021.html
[2] PALISADE Group. "AR101 oral immunotherapy for peanut allergy." NEJM. 2018. doi:10.1056/NEJMoa1812331
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