Mehr als die Hälfte der Studierenden in Deutschland bewertet den eigenen psychischen Zustand als schlecht oder weniger gut. Das zeigt das Mental-Health-Barometer zum Start des Sommersemesters 2026, für das Instahelp und Studo rund 6.080 Studierende in Deutschland und Österreich befragt haben.[1] 56,7 Prozent der rund 2,9 Millionen Studierenden stuften ihr mentales Befinden als problematisch ein – ein Höchstwert seit Beginn der Erhebung 2021. Gleichzeitig zeigen Kassendaten: Die Verschreibung von Antidepressiva an Hochschulen ist seit der Pandemie stark gestiegen.

Warum die Zahlen alarmieren

Stress im Studium ist nicht neu. Doch die aktuelle Datenlage zeigt: Das Ausmaß der Belastung geht weit über das hinaus, was früheren Generationen bekannt war. Laut dem TK-Gesundheitsreport 2023, für den das Forsa-Institut rund 1.000 Studierende befragt hat, berichten heute 68 Prozent von Erschöpfung durch Stress – 2015 waren es 44 Prozent.[2] Konzentrationsprobleme haben sich mehr als verdoppelt: von 21 auf 53 Prozent. Schlafprobleme melden 43 Prozent der Befragten, 2015 waren es 27 Prozent.

Hinter den Zahlen stecken konkrete Belastungen. 51 Prozent der Studierenden nennen Prüfungen als Hauptstressfaktor, 33 Prozent die Doppelbelastung durch Studium und Nebenjob, 28 Prozent die Angst vor schlechten Noten. Dazu kommen finanzielle Sorgen: 34 Prozent kommen laut Mental-Health-Barometer mit weniger als 800 Euro im Monat aus – in teuren Hochschulstädten frisst die Miete bis zu 54 Prozent des Budgets auf.[1]

Antidepressiva-Verordnungen steigen – Frauen besonders betroffen

Ein besonders deutliches Signal liefern Verschreibungsdaten. Zwischen 2019 und 2022 stiegen die Antidepressiva-Verordnungen an Studierende um insgesamt 30 Prozent.[2] Studentinnen trifft der Anstieg fast doppelt so stark: plus 38 Prozent bei Frauen gegenüber plus 18 Prozent bei Männern. Bei ADHS-Medikamenten ist das Bild noch deutlicher – Frauen verzeichneten einen Anstieg von 142 Prozent, Männer von 51 Prozent.

Das Geschlechtergefälle zeigt sich auch bei der emotionalen Erschöpfung: 44 Prozent der Studentinnen berichten von starker Erschöpfung, bei männlichen Studierenden sind es 30 Prozent.[2] Prof. Bertolt Meyer von der TU Chemnitz, der die Studie mitanalysiert hat, erklärt den Unterschied teils mit höherer Offenheit bei Frauen, verweist aber auch auf strukturelle Faktoren: „Studentinnen übernehmen häufiger Care-Aufgaben neben dem Studium – das erhöht die Gesamtlast erheblich."

Was Hochschulen jetzt untersuchen

Die Politik hat die Krise erkannt. Seit Januar 2026 fördert das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt das Projekt „HoPsy" an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.[3] Bis Ende 2028 untersuchen Forschende um Prof. Heike Ohlbrecht, welche institutionellen Faktoren – Prüfungsordnungen, Betreuungsqualität, Campus-Infrastruktur – die psychische Gesundheit von Studierenden stärken oder schwächen. Hintergrund: 16 Prozent der Studierenden haben eine studienerschwerende Beeinträchtigung – bei 65 Prozent davon handelt es sich um eine psychische Erkrankung.

Das Robert Koch-Institut untersucht in der JEPSY-Studie die Behandlungsbedarfe und Schutzfaktoren junger Erwachsener zwischen 16 und 25 Jahren.[4] Die Studie ist Teil des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit, einem Netzwerk aus 27 Institutionen an sechs Standorten. Erste Ergebnisse bestätigen: Fast ein Drittel dieser Altersgruppe erlebt jährlich eine psychische Erkrankung – die meisten davon unbehandelt.

Was Betroffene jetzt tun können

Wer unter Stress, Erschöpfung oder Angstzuständen leidet, muss nicht sofort zur Psychiatrie. Viele Hochschulen bieten kostenfreie psychologische Beratung an – die Studierendenwerke sind die erste Anlaufstelle, auch wenn Wartezeiten von mehreren Wochen die Regel sind. Hausenärzte können zudem kurzfristig eine Überweisung zum Facharzt ausstellen oder bei konkretem Leidensdruck eine digitale Gesundheitsanwendung verordnen.

Digitale Angebote können eine Brücke sein: Staatlich zugelassene DiGAs wie HelloBetter werden von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet – auf Rezept vom Hausarzt kostenfrei. Für akute Krisenmomente bieten außerdem die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, 24h) und die Onlineberatung der Caritas und Diakonie niedrigschwellige Anlaufstellen ohne Wartezeit.

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Quellen

[1] Instahelp/Studo: „Mental-Health-Barometer Sommersemester 2026." ad-hoc-news.de, 02.04.2026. https://www.ad-hoc-news.de/boerse/news/ueberblick/studentische-gesundheit-erreicht-2026-neuen-tiefpunkt/69051435

[2] Techniker Krankenkasse: „Gesundheitsreport 2023 – Schwerpunkt Studierende." TK, 2023. https://www.monitor-healthcare-research.com/news/studie-studierenden-geht-es-deutlich-schlechter-als-vor-der-pandemie/

[3] OVGU Magdeburg: „HoPsy-Projekt (BMFTR-gefördert, Start Januar 2026)." Pressemitteilung, März 2026. https://www.ovgu.de/Presse+_+Medien/Pressemitteilungen/PM+2026/M%C3%A4rz/PM+22_2026-p-153857.html

[4] Robert Koch-Institut: „JEPSY-Studie – Psychische Gesundheit junger Erwachsener." RKI, 2026. https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Studien-und-Surveillance/Studien/JEPSY-Studie.html