Männer gehen seltener zum Arzt, werden häufiger erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium diagnostiziert und sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Jetzt will die Bundesregierung gegensteuern: Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) startet 2026 die erste nationale Männergesundheitsstrategie. ## Die Zahlen sind alarmierend Laut Robert-Koch-Institut (RKI) zeigen sich bei Männern deutliche Unterschiede zur Frauengesundheit: - Männer ab 45 nutzen Vorsorge nur halb so häufig wie Frauen - Die Sterbequote durch Herzinfarkt ist bei Männern etwa dreimal höher - Suizidrate bei Männern: 9 pro 100.000 (Frauen: 2,5 pro 100.000) - Übergewicht betrifft 64% der deutschen Männer (Frauen: 49%) Die Gründe sind vielfältig: Kulturelle Faktoren ("Wehret den Anfängen"), fehlende Gesundheitskompetenz, aber auch echte Lücken im Versorgungssystem. Viele männerspezifische Krankheiten (Prostatakarzinom, Hodenkrebs) sind untererforscht im Vergleich zu Frauengesundheit. ## Was die neue Strategie plant Die nationale Männergesundheitsstrategie des BMG konzentriert sich auf vier Kernbereiche: **1. Bessere Früherkennung:** - Zielgerichtete Kampagnen zur Nutzung von Vorsorgeuntersuchungen (Krebs, Herz-Kreislauf) - Niedrigschwellige Zugangsangebote (z.B. in Apotheken, Fitness-Studios) - Förderung von Männerberatungsstellen **2. Psychische Gesundheit:** - Spezialtraining für Ärzte zu männlichen Depressions- und Angststörungen - Bessere Suizidprävention - Niedrigschwellige Angebote für psychische Belastungen (z.B. Trauer, Jobverlust) **3. Prävention von Übergewicht und Bewegungsmangel:** - "Männer-gerechte" Bewegungsangebote - Ernährungsberatung in Versorgungsformate, die Männer ansprechen **4. Bessere Versorgungsforschung zu Männerkrankheiten:** - Förderung von Studien zu männerspezifischen Erkrankungen - Verbesserung der klinischen Leitlinien für Diagnose und Behandlung ## Wer treibt die Strategie voran? Federfühler ist das BMG unter dem neuen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Mitarbeiter sind u.a. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Fachverbände, Patientenorganisationen und Wissenschaftler. Das Ganze soll 2026-2030 umgesetzt werden. Geplant ist ein intersektionaler Ansatz – d.h. die Strategie soll auch berücksichtigen, wie Geschlecht mit Alter, Migration, Einkommen und sexueller Orientierung intersiziert. ## Was ändert sich konkret für Männer? **Ab April 2026:** - Ausweitung von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) für häufige Männerkrankheiten - Neue Kassenleistung: Präventive Untersuchungen für Männer ab 35 (statt bisher 45) - Kostenlose Testosteronbestimmung bei Verdacht auf Hormonmangel (bisher Privatleistung) **Bis Ende 2026:** - Kampagne "Echte Männer gehen zum Arzt" mit prominenten Botschaftern - Ausbildung von 1.000 "Männergesundheits-Coaches" in Arztpraxen **Mittelfristig (2027-2030):** - Etablierung von Spezialkliniken für Männergesundheit in 10 Bundesländern - Bessere Leitlinien für Hormonersatztherapie und Prostatakrebserkennung ## Skeptische Stimmen Nicht alle sehen die Strategie positiv: **Frauengesundheitsverbände** warnen vor einer "Umverteilung" von Mitteln und betonen, dass Frauengesundheit ebenfalls unterfinanziert ist. Zu Recht: Endometriose, Brustkrebs und Ovarialkarzinom sind ebenfalls untererforscht. **Hausärzte** sind skeptisch, ob die Strategie ausreichend finanziert wird. Sie befürchten wieder nur "Mehr Arbeit ohne Mittel". **Epidemiologen** weisen darauf hin, dass das Problem nicht allein medizinisch, sondern auch sozial ist: Männer mit niedrigerem Einkommen haben weniger Zugang zu Prävention. ## Fazit Die nationale Männergesundheitsstrategie adressiert ein echtes Problem: Männer sind unterversorgt, unterdiagnostiziert und sterben früher. Eine systematische Verbesserung ist überfällig. Allerdings braucht es nicht nur Strategien, sondern auch: - Ausreichend Budget (bisher: 5 Millionen Euro bis 2026) - Kontinuierliche Evaluation der Maßnahmen - Kombination mit Frauengesundheitsangeboten (nicht entweder-oder) - Spezielle Aufmerksamkeit für Männer mit niedrigerem Einkommen und Migrationshintergrund Wer als Mann ab 35 ist: Nutzen Sie jetzt die erweiterten Vorsorgeuntersuchungen. Die neuen Angebote rollen ab 2026 schrittweise aus.