Seit dem 1. April 2026 gilt beim neuen deutschen Lungenkrebs-Screening eine Regel, die es in der Medizin bisher nicht gab: Jeder Radiologe, der eine Lunge auf frühe Krebszeichen untersucht, muss dazu zwingend eine Künstliche Intelligenz einsetzen [1]. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat diese Anforderung in seiner Richtlinie verankert – und schreibt damit KI-Software erstmals als medizinische Mindestanforderung vor.

Was neu ist – und warum das auffällt

In Deutschland gibt es mehrere Früherkennungsprogramme: für Brustkrebs, Darmkrebs, Gebärmutterhalskrebs. Bei keinem davon ist Künstliche Intelligenz bisher gesetzlich vorgeschrieben. Beim Lungenkrebs-Screening ist das jetzt anders.

Konkret sieht die G-BA-Richtlinie vor: Die Niedrigdosis-Computertomographie (Niedrigdosis-CT) – also die jährliche Lungenuntersuchung für stark rauchende Menschen zwischen 50 und 75 Jahren – wird zunächst ohne und anschließend noch einmal mithilfe einer KI-Software zur sogenannten computerassistierten Detektion befundet [1]. Das bedeutet: Der Radiologe schaut sich die Bilder zuerst selbst an, dann zeigt ihm die KI, was sie auffällig findet – und er gleicht beides ab.

Die KI-Software ist dabei keine Empfehlung, sondern Voraussetzung. Radiologische Praxen, die ohne diese Software arbeiten, dürfen das Screening nicht abrechnen. Der G-BA hat zudem technische Mindestanforderungen an die KI-Software selbst definiert – sie muss lungenkrebstypische Veränderungen wie Knötchen erkennen und markieren können [1].

Wie die KI beim Lungenkrebsscreening funktioniert

Was die KI beim Lungenkrebsscreening genau tut, ist vergleichsweise klar abgegrenzt: Sie sucht auf den CT-Bildern nach kleinen Gewebsveränderungen – sogenannten Lungenherden oder Noduli. Das sind winzige Knötchen im Lungengewebe, die manchmal gutartig sind, manchmal aber frühe Tumorvorstufen darstellen.

Das menschliche Auge kann bei der Auswertung von Hunderten von CT-Schichtbildern pro Untersuchung leicht einen solchen Herd übersehen. KI-Systeme zur computerassistierten Detektion (auf Englisch: CAD) sind darauf trainiert, genau diese Strukturen systematisch zu suchen – unabhängig von Tagesform oder Konzentration des Arztes. Wenn die Software etwas markiert, entscheidet dann der Radiologe, ob der Befund tatsächlich auffällig ist oder ob es sich um einen harmlosen Befund handelt.

Dieses Zusammenspiel – Mensch prüft zuerst, KI zeigt dann ihren Blick, Mensch entscheidet – ist kein Zufall. Es soll verhindern, dass Ärzte durch die KI-Markierungen beeinflusst werden, bevor sie sich selbst ein Bild gemacht haben. Gleichzeitig soll kein auffälliger Befund durch das Raster fallen.

Warum gerade jetzt und warum gerade bei Lungenkrebs

Lungenkrebs ist in Deutschland die häufigste krebsbedingte Todesursache bei Männern und die zweithäufigste bei Frauen. Etwa 57.500 Menschen erkranken jedes Jahr neu daran, rund 45.000 sterben daran [2]. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei Männern bei nur 19 Prozent, bei Frauen bei 25 Prozent – weil die Erkrankung so oft spät entdeckt wird [2].

Das ist auch der Grund, warum Lungenkrebs für KI-gestützte Früherkennung besonders geeignet ist. Die Tumore beginnen als kleine Knötchen im Gewebe – und genau das ist das Spezialgebiet moderner Bilderkennungs-KI. Studien wie die europäische NELSON-Studie haben gezeigt, dass ein strukturiertes CT-Screening bei Hochrisikogruppen die Sterblichkeit durch Lungenkrebs um rund 24 Prozent senken kann [3].

Was das für die Praxis bedeutet – und wo die Grenzen liegen

Für berechtigte Versicherte ändert sich am Ablauf zunächst wenig: Der Hausarzt prüft die Berechtigung, überweist zur Radiologie, die Radiologin führt das CT durch und befundet – jetzt eben mit KI-Unterstützung. Bei auffälligem Befund folgt eine Zweitbefundung durch eine spezialisierte Einrichtung, bevor irgendwelche weiteren Maßnahmen besprochen werden.

Berechtigt sind gesetzlich Versicherte zwischen 50 und 75 Jahren, die mindestens 15 Packungsjahre Raucherhistorie haben – also zum Beispiel 30 Jahre lang eine halbe Packung pro Tag geraucht haben – und noch aktiv rauchen oder den Rauchstopp erst weniger als zehn Jahre zurücklegen [1].

Was die KI-Pflicht nicht bedeutet: Die KI trifft keine medizinischen Entscheidungen. Sie liefert einen zweiten Blick. Die Diagnose, die Beratung und alle weiteren Schritte bleiben beim Arzt. Das ist auch deshalb wichtig, weil CT-Screening Risiken hat – es entdeckt auch viele Befunde, die sich später als harmlos herausstellen und trotzdem zunächst weitere Untersuchungen auslösen (Überdiagnose). Dieser Abwägungsprozess erfordert menschliches Urteil.

Häufige Fragen

Muss ich selbst auf eine KI-Analyse bestehen?
Nein. Die KI-Software ist für alle Radiologiepraxen, die am Lungenkrebs-Screening teilnehmen, verpflichtend. Wer eine Genehmigung seiner Kassenärztlichen Vereinigung hat, setzt die Software zwingend ein. Eine eigene Nachfrage ist nicht nötig.

Wer hat Anspruch auf das kostenlose Screening?
Gesetzlich Versicherte zwischen 50 und 75 Jahren mit mindestens 15 Packungsjahren Raucherhistorie, die noch rauchen oder seit weniger als zehn Jahren aufgehört haben. Den ersten Schritt klärt die Hausarztpraxis.

Welche KI-Software wird eingesetzt?
Der G-BA schreibt keine bestimmte Software vor, legt aber technische Mindestanforderungen fest. Die Wahl der konkreten Software liegt bei der Radiologiepraxis – solange sie die Anforderungen erfüllt.

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Quellen:
[1] Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Lungenkrebs-Früherkennung für Raucherinnen und Raucher kommt ab April in die Versorgung. Pressemitteilung, 2025. https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1316/
[2] Zentrum für Krebsregisterdaten / Robert Koch-Institut. Krebs in Deutschland – Lungenkrebs. https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Lungenkrebs/lungenkrebs_node.html
[3] de Koning HJ et al. Reduced Lung-Cancer Mortality with Volume CT Screening in a Randomized Trial. N Engl J Med. 2020. doi:10.1056/NEJMoa1911793