KI erkennt Brustkrebs um 18% häufiger – Ergebnisse der weltweit größten Studie
Eine der weltweit größten Studien zum Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Krebsfrüherkennung hat im Januar 2025 ein eindeutiges Ergebnis geliefert: KI-gestützte Mammographie erkennt Brustkrebs um fast 18 Prozent häufiger als die klassische Doppelbefundung durch Radiologen – bei gleichzeitig weniger Fehlalarmen. Die Studie erschien im renommierten Fachjournal Nature Medicine und löste eine Diskussion über die Zukunft des deutschen Brustkrebs-Screenings aus. [1]
## Warum Brustkrebs-Früherkennung so wichtig ist
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Jedes Jahr erkranken rund 70.000 Frauen neu – das entspricht fast 30 Prozent aller Krebsneuerkrankungen bei Frauen. Die Sterblichkeit hat sich in den vergangenen 30 Jahren deutlich verbessert, weil Früherkennungsprogramme wirken: Wird Brustkrebs im Frühstadium entdeckt, liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei über 90 Prozent.
Das nationale Mammographie-Screening-Programm (MSP) lädt alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre zur Vorsorge ein und erreicht damit mehr als 3,5 Millionen Frauen jährlich. Bisher gilt dabei eine Pflicht zur Doppelbefundung: Jede Mammographie wird von zwei unabhängigen Radiologen begutachtet, ohne dass einer den Befund des anderen kennt. Erst bei abweichenden Meinungen gibt es eine dritte Meinung. Dieses System ist aufwändig und wird angesichts eines wachsenden Fachkräftemangels in der Radiologie immer schwerer aufrechtzuerhalten.
## Was die PRAIM-Studie zeigt
Die PRAIM-Studie (Prospective Randomized Artificial Intelligence in Mammography) wurde von der Universität zu Lübeck und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Zusammenarbeit mit dem Berliner KI-Unternehmen Vara durchgeführt. Sie gilt als die weltweit größte prospektive Studie zum KI-Einsatz im Mammographie-Screening. [1]
Studiendesign: Rund 460.000 Frauen nahmen zwischen 2021 und 2023 an zwölf Screening-Standorten in Deutschland teil. Etwa die Hälfte der Mammographien wurde mit KI-Unterstützung ausgewertet, die andere Hälfte klassisch durch zwei unabhängige Radiologen ohne KI.
Das Kernergebnis: Mit KI wurden **6,7 Brustkrebsfälle pro 1.000 Frauen** entdeckt – verglichen mit 5,7 Fällen ohne KI. Das entspricht einer Steigerung der Erkennungsrate um fast 18 Prozent. Bezogen auf die 3,5 Millionen Frauen im deutschen Screening würde das theoretisch rund 3.500 zusätzliche Krebsfälle pro Jahr bedeuten, die früher entdeckt werden.
Ebenso wichtig: Die Rate an Frauen, die wegen eines auffälligen Befunds zu weiteren Untersuchungen eingeladen wurden, blieb stabil. Mit KI: 37,4 pro 1.000 Frauen, ohne KI: 38,3 pro 1.000. Es gab keine Zunahme unnötiger Zusatzuntersuchungen – ein zentrales Qualitätsmerkmal, das in früheren KI-Studien oft kritisiert wurde. [1]
Darüber hinaus: Wenn unauffällige Mammographien künftig nicht mehr von einem zweiten Radiologen begutachtet würden, könnten die Wiedereinbestellungen sogar um 15 Prozent sinken – bei gleichzeitig höherer Erkennungsrate.
## Wie die KI von Vara funktioniert
Das System von Vara analysiert Mammographie-Bilder auf verdächtige Muster, die auf Tumoren hindeuten könnten. Es wurde auf hunderttausenden Mammographien trainiert und liefert dem befundenden Radiologen einen "zweiten Blick" in Echtzeit. Bereits vor der PRAIM-Studie hatte Vara sein System an europäischen Screening-Zentren in Schweden und Spanien erprobt. [2]
Im Oktober 2025 erhielt Vara als erstes Unternehmen die CE-Zertifizierung für eine KI, die Mammographien vollständig unabhängig befunden kann – also ohne einen zweiten menschlichen Radiologen. Das ist ein regulatorischer Meilenstein: Bisher durften KI-Systeme in Europa nur als Unterstützung dienen, nicht als eigenständige Gutachter. [2]
## Was das jetzt für Frauen bedeutet
Direkte Auswirkungen auf die aktuelle Praxis gibt es noch nicht. Das Mammographie-Screening läuft weiterhin nach dem bekannten Verfahren mit zwei menschlichen Befundern. Die CE-Zertifizierung und die PRAIM-Daten schaffen jedoch die Grundlage für eine künftige Integration in das reguläre Programm – eine Entscheidung, die beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) liegt.
Für Frauen im Screeningalter (50 bis 69 Jahre) gilt: Die Einladung alle zwei Jahre nutzen. Früherkennungsuntersuchungen sind kostenlos, ohne Überweisung möglich und nachweislich wirksam. Frauen, die bereits erkrankt waren oder einen starken familiären Risikofaktor haben (Mutter oder Schwester mit Brustkrebs), können ab 40 Jahren engmaschigere Programme in Anspruch nehmen – der Frauenarzt berät hierzu individuell.
## Häufige Fragen
**Wie läuft das Mammographie-Screening in Deutschland ab?**
Frauen zwischen 50 und 69 Jahren werden alle zwei Jahre automatisch eingeladen. Die Untersuchung dauert rund 30 Minuten, ist kostenlos und ohne Überweisung möglich. Die Auswertung erfolgt durch zwei unabhängige Radiologen – künftig möglicherweise durch einen Radiologen plus KI-System.
**Kann KI auch falsch liegen?**
Ja, wie jede diagnostische Methode. Die PRAIM-Studie zeigt aber, dass die KI-Fehlerquote nicht höher ist als bei zwei menschlichen Gutachtern – und die Erkennungsrate sogar besser ist. In der aktuellen Praxis unterstützt KI den Radiologen, ersetzt ihn aber nicht.
**Was, wenn ich jünger als 50 bin?**
Das Screening-Programm richtet sich an Frauen zwischen 50 und 69 Jahren. Jüngere Frauen mit familiärem Risiko oder persönlichen Vorerkrankungen können bei ihrer Frauenärztin individuelle Früherkennungsuntersuchungen besprechen.
Informationen zu Vorsorge-Apps und digitalen Gesundheitsbegleitern findest du auf bestes.com/services.
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**Quellen:**
[1] Lang K et al. "Artificial intelligence-supported screen reading versus standard double reading in the Mammography Screening Program." Nature Medicine, 7. Januar 2025. https://doi.org/10.1038/s41591-024-03505-4
[2] Vara GmbH. Pressemitteilung: "Vara erhält CE-Zertifizierung als einzige KI für unabhängige Zweitbefundung in der Mammographie." GlobeNewswire, 15. Oktober 2025. https://www.globenewswire.com/news-release/2025/10/15/3166775/0/de/
[3] UKSH Presse. "Künstliche Intelligenz verbessert Brustkrebserkennung im Mammographie-Screening." Januar 2025. https://www.uksh.de/Service/Neues+aus+dem+UKSH/Pressearchiv/2025/
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