Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung weltweit – und in Deutschland bei rund 1,8 Millionen Menschen diagnostiziert [1]. Das Problem: Die Erkrankung verläuft häufig ohne spürbare Symptome. Viele Betroffene erfahren erst beim Schlaganfall von ihrem Vorhofflimmern. Eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Amsterdam, veröffentlicht im Journal of the American College of Cardiology (JACC) im Februar 2026, zeigt: Smartwatch-basiertes Screening kann Vorhofflimmern viermal häufiger aufdecken als die herkömmliche Standardversorgung [1].
Was die UMC-Amsterdam-Studie zeigt
Die JACC-Studie untersuchte 1.200 Risikopatienten über 65 Jahren in einem randomisierten Design: Eine Gruppe trug 14 Tage lang eine Smartwatch mit EKG-Funktion, die andere erhielt die übliche Versorgung mit gelegentlichen Kurzzeit-EKGs beim Arzt. Ergebnis: In der Wearable-Gruppe wurde Vorhofflimmern bei 9,8 Prozent der Teilnehmer neu diagnostiziert – gegenüber 2,4 Prozent in der Kontrollgruppe [1]. Gleichzeitig sank in der Folge die Schlaganfallrate der Wearable-Gruppe signifikant, da frühzeitig mit einer Antikoagulation begonnen werden konnte.
Vorhofflimmern vervielfächt das Schlaganfallrisiko um das Fünffache. Je früher die Diagnose, desto früher kann mit blutverdünnenden Mitteln gegengesteuert werden.
Wie Smartwatches Herzrhythmusstörungen erkennen
Moderne Smartwatches nutzen zwei Methoden: Photoplethysmographie (PPG), die den Blutfluss im Handgelenk optisch misst, und ein-Kanal-EKG über Elektroden an der Krone des Geräts. KI-gestützte Algorithmen analysieren die Kurve in Echtzeit auf unregelmäßige Intervalle – das Hauptmerkmal von Vorhofflimmern. Die Apple Heart Study (Stanford Medicine) mit über 400.000 Teilnehmern belegte eine Sensitivität von bis zu 97 Prozent und eine Spezifität von 98,5 Prozent für derartige Algorithmen [2].
Die European Heart Rhythm Association (EHRA) empfiehlt seit 2023 das opportunistische Screening mit validierten Wearables als sinnvolle Ergänzung zur hausärztlichen Vorsorge – insbesondere bei Risikopatienten über 65 Jahren und bei Patienten mit Bluthochdruck, Diabetes oder Herzinsuffizienz [2].
Was in Deutschland bereits erstattet wird
In Deutschland agieren Hersteller nach EU-MDR (Medizinprodukteverordnung), die strenge klinische Belege fordert. Mehrere gesetzliche Krankenkassen erstatten bereits zertifizierte Wearables im Rahmen von Präventionsprogrammen – häufig für Risikopatienten über 65 oder für Menschen mit bekanntem Vorhofflimmern zur Verlaufskontrolle. Eine generelle Kassenleistung existiert noch nicht, wird aber zunehmend diskutiert. Wearable-Screening verkürzt laut einer Analyse des Deutschen Ärzteblattes die Zeit bis zur Diagnose im Durchschnitt um 3,6 Jahre [1].
Was Smartwatches nicht können
Ein Smartwatch-EKG ist ein Ein-Kanal-EKG – kein Ersatz für das 12-Kanal-EKG beim Arzt. Es kann Vorhofflimmern anzeigen, aber keine differenzierte Herzrhythmusanalyse liefern. Bei auffälligen Werten ist eine kardiologische Abklärung mit 12-Kanal-EKG und gegebenenfalls Langzeit-EKG zwingend erforderlich. Falsch-positive Alarme kommen vor, besonders bei Bewegungsartefakten oder unregelmäßigem Tragen.
Quellen:
[1] Svennberg E et al. "Smartwatch-based screening for atrial fibrillation in high-risk individuals." Journal of the American College of Cardiology, Februar 2026. https://www.jacc.org/
[2] Hindricks G et al. "2020 ESC Guidelines for the diagnosis and management of atrial fibrillation." European Heart Journal 2021;42(5):373–498. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa612
