Smartwatch erkennt Vorhofflimmern viermal häufiger als Standardversorgung
UMC-Amsterdam-Studie JACC Feb 2026: Smartwatches erkennen Vorhofflimmern 4× häufiger. Was Betroffene wissen müssen.
Eine Studie der Amsterdamer Universitätsklinik UMC hat im Februar 2026 gezeigt: Handelsübliche Smartwatches erkennen gefährliche Herzrhythmusstörungen viermal häufiger als die herkömmliche medizinische Standardversorgung. Publiziert im Journal of the American College of Cardiology (JACC), gilt die Untersuchung als bisher robustester Beleg dafür, dass Wearables einen echten klinischen Mehrwert bei der Herzüberwachung leisten.
"Viele Patienten mit Vorhofflimmern haben keinerlei Symptome – und werden deshalb zu spät behandelt", erklärt Prof. Reinoud Knops, Kardiologe am UMC Amsterdam und Studienleiter. "Unsere Daten zeigen, dass eine kontinuierliche Überwachung per Smartwatch das Screening fundamental verbessern kann."
Was die JACC-Studie gemessen hat
An der randomisierten kontrollierten Studie nahmen 437 Patienten über 65 Jahre mit erhöhtem Schlaganfallrisiko teil. Die Hälfte trug eine Smartwatch mindestens 12 Stunden täglich über sechs Monate. Die Kontrollgruppe erhielt die übliche Versorgung ohne digitale Herzüberwachung.
Das Ergebnis: In der Smartwatch-Gruppe wurde bei 21 Patienten Vorhofflimmern neu diagnostiziert und behandelt – in der Kontrollgruppe waren es nur 5. Das entspricht einer viermal höheren Erkennungsrate. Besonders aufschlussreich: 57 Prozent der identifizierten Fälle in der Smartwatch-Gruppe waren asymptomatisch – diese Menschen hätten ohne digitale Überwachung vermutlich nie von ihrem Herzproblem erfahren.
Wie Smartwatches das Herz überwachen
Moderne Smartwatches nutzen zwei Technologien zur Herzüberwachung:
PPG (Photoplethysmographie):
Grüne LED-Sensoren an der Unterseite der Uhr messen Veränderungen in der Lichtabsorption durch das Blut und erkennen so Unregelmäßigkeiten im Herzrhythmus. PPG ist ausreichend sensitiv, um Vorhofflimmern-Episoden zu erkennen – aber nicht ausreichend für eine klinisch sichere Diagnose.
EKG-Funktion (Einkanal-Elektrokardiogramm):
Durch Auflegen des Fingers auf die seitliche Krone der Uhr wird ein kurzes EKG aufgezeichnet. Dieses ist medizinisch aussagekräftiger und ermöglicht die Diagnosestellung durch einen Arzt. Apple Watch, Samsung Galaxy Watch und Fitbit Sense bieten diese Funktion – sofern eine medizinische Zulassung in Deutschland vorliegt. Die Apple Watch Series 4 war 2019 die erste mit CE-Zertifizierung.
Was ist Vorhofflimmern – und warum ist es gefährlich?
Vorhofflimmern (Fachbegriff: Vorhofflimmern, engl. Atrial Fibrillation / AFib) ist die häufigste Herzrhythmusstörung weltweit. In Deutschland sind nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) rund 1,8 Millionen Menschen betroffen – die Dunkelziffer gilt als erheblich höher.
Bei Vorhofflimmern schlagen die Herzvorhöfe chaotisch statt geordnet. Das Blut staut sich und kann Blutgerinnsel bilden. Wandert ein solches Gerinnsel ins Gehirn, verursacht es einen Schlaganfall. Statistisch gesehen ist Vorhofflimmern für bis zu 20 bis 30 Prozent aller Schlaganfälle mitverantwortlich.
Das Heimtückische: Viele Betroffene spüren nichts. Herzstolpern, kurze Schwindelphasen oder ungewöhnliche Müdigkeit werden oft ignoriert oder anderen Ursachen zugeschrieben. Deshalb gilt Vorhofflimmern häufig als "stumme" Erkrankung.
Wer profitiert von der Smartwatch-Überwachung?
Die Studienautoren empfehlen die Smartwatch-Überwachung vor allem für:
- Personen über 65 mit einem oder mehreren Risikofaktoren für Vorhofflimmern (Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Diabetes, früherer Schlaganfall)
- Menschen mit gelegentlichem Herzstolpern ohne bisherige Diagnose
- Patienten nach einer Kardioversion oder Ablation zur Verlaufskontrolle
Für junge, herzgesunde Menschen ohne Risikofaktoren ist das Monitoring hingegen klinisch nicht sinnvoll und kann durch falsch positive Alarme unnötige Angst erzeugen.
Einschränkungen: Nicht jeder Alarm ist ein Befund
Die Studie zeigt auch eine wichtige Limitierung: Von den 72 Patienten, bei denen die Uhr Alarm schlug, hatte nur etwa die Hälfte tatsächlich Vorhofflimmern. Die falsch-positive Rate ist damit relevant. Das bedeutet: Ein Smartwatch-Alarm erfordert immer eine ärztliche Abklärung mit einem medizinischen EKG – eine Smartwatch ersetzt keinen Arztbesuch.
Zudem erfasst die Einkanal-EKG-Funktion nur bestimmte Rhythmusstörungen. Andere Herzerkrankungen wie Herzklappenfehler oder koronare Herzerkrankungen lassen sich damit nicht erkennen.
Praktische Hinweise: Smartwatch richtig einsetzen
- Regelmäßige EKG-Aufzeichnungen: Besonders bei Beschwerden (Herzstolpern, Schwindel) sollte man sofort eine EKG-Messung starten und speichern.
- Daten mit Arzt teilen: Moderne Smartwatches exportieren die EKG-Daten als PDF – diese können direkt beim Hausarzt oder Kardiologen vorgelegt werden.
- Alarm nicht ignorieren: Wenn die Uhr eine mögliche Herzrhythmusstörung meldet, immer zeitnah einen Arzt aufsuchen.
- Akkustand im Blick: Für kontinuierliches Monitoring muss die Uhr konsequent getragen und regelmäßig geladen werden.
Wann sollte ich zum Arzt?
Wer gelegentlich Herzstolpern bemerkt – besonders verbunden mit Schwindel, Kurzatmigkeit oder ungewöhnlicher Erschöpfung – sollte das zeitnah beim Hausarzt ansprechen. Ein Langzeit-EKG (Holter-EKG über 24 oder 48 Stunden) ist der Goldstandard für die Diagnose von intermittierendem Vorhofflimmern. Wer eine Smartwatch mit EKG-Funktion besitzt, kann während eines Herzstolpern-Moments sofort eine Aufzeichnung starten – das beschleunigt die Diagnose erheblich, da der Arzt gezielt nach dem Muster suchen kann.
Ausblick: KI-gestützte Herzdiagnostik
Die nächste Generation von Wearables wird noch leistungsfähiger. KI-Algorithmen, die auf Millionen von EKG-Aufzeichnungen trainiert wurden, sollen in Zukunft nicht nur Vorhofflimmern erkennen, sondern auch Herzinfarkte und andere Rhythmusstörungen. Erste FDA-zugelassene KI-Algorithmen für Wearables zeigen in Studien Sensitivitäten über 97 Prozent – sind in Europa aber noch nicht breit verfügbar.
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