Herzinfarkt ist eine Krankheit alter Männer – dieses Bild gehört der Vergangenheit an. Aktuelle Langzeitdaten zeigen, dass sich die pathologischen Veränderungen in den Herzkranzgefäßen, die schließlich im Herzinfarkt enden können, bei Männern bereits in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts zu entwickeln beginnen. Der erste Herzinfarkt trifft Männer im Schnitt rund zehn Jahre früher als Frauen – und die biologische Uhr dafür tickt deutlich früher, als viele ahnen.

Atherosklerose beginnt früher als gedacht

Die PESA-Studie (Progression of Early Subclinical Atherosclerosis), eine spanische Langzeitstudie mit mehr als 4.000 scheinbar gesunden Erwachsenen mittleren Alters, hat gezeigt, wie verbreitet frühe Gefäßveränderungen bereits bei 35- bis 50-Jährigen sind. Bei knapp der Hälfte der Teilnehmer ließen sich per Bildgebung subklinische atherosklerotische Plaques nachweisen – also Veränderungen, die auf Herzinfarkt-Risiko hindeuten, ohne dass die Betroffenen Symptome hatten. Bei Männern waren diese Befunde deutlich häufiger als bei Frauen gleichen Alters, wie die im Journal of the American College of Cardiology (JACC) publizierten Daten zeigen.

Was erklärt diesen Geschlechtsunterschied? Östrogen gilt als wichtiger Schutzfaktor für die Gefäßgesundheit: Es wirkt entzündungshemmend, reguliert den Cholesterin-Haushalt und beeinflusst die Elastizität der Gefäße. Bei Frauen bietet dieser Schutzmechanismus bis zur Menopause einen natürlichen Puffer. Männer verfügen über diesen biologischen Vorteil nicht – ihr kardiovaskuläres Risiko steigt kontinuierlich ab dem frühen Erwachsenenalter.

Was das für Vorsorge ab 35 bedeutet

Die klinische Konsequenz dieser Erkenntnisse ist eindeutig: Kardiovaskuläre Prävention muss bei Männern früher einsetzen. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) empfiehlt in ihren aktuellen Leitlinien zur kardiovaskulären Prävention (2021), das Gesamtrisiko bereits ab dem 40. Lebensjahr systematisch zu erfassen – bei familiärer Belastung oder anderen Risikofaktoren auch früher. Zu den messbaren Risikofaktoren gehören neben Blutdruck und Cholesterin auch Blutzucker, Übergewicht und Rauchen.

Praktisch bedeutet das: Männer ab Mitte 30, die noch nie einen Check-up beim Hausarzt hatten, sollten das nachholen. Der gesetzliche Gesundheits-Check-up ist in Deutschland ab 35 Jahren alle drei Jahre kostenfrei über die gesetzliche Krankenversicherung zugänglich. Er erfasst genau jene Risikofaktoren, die frühzeitig behandelt das Herzinfarktrisiko erheblich senken können.

Lebensstil bleibt der stärkste Hebel

Neben Medikamenten und ärztlicher Kontrolle bleibt der Lebensstil der wirksamste Einfluss auf das kardiovaskuläre Risiko. Regelmäßige körperliche Aktivität – die WHO empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche – reduziert Blutdruck, verbessert die Blutfettwerte und senkt systemische Entzündungsmarker. Dazu kommt eine mediterrane Ernährungsweise, die in mehreren randomisierten Studien kardiovaskuläre Ereignisse messbar reduziert hat (PREDIMED-Studie, 2013, aktualisiert 2018).

Was die Daten insgesamt zeigen: Der Herzinfarkt ist keine Überraschung, die aus dem Nichts kommt. Er ist das Ergebnis eines Prozesses, der oft Jahrzehnte früher beginnt – und an vielen Punkten dieses Prozesses lässt sich eingreifen. Das Wissen, dass dieser Prozess bei Männern bereits in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts startet, ist kein Grund zur Panik, aber ein guter Anlass für frühere Vorsorge.

Quellen: Fernández-Friera et al. (2017): Prevalence of Subclinical Atherosclerosis in a Middle-Aged Cohort. JACC 2017. ESC Guidelines on Cardiovascular Disease Prevention (2021). Frankfurter Rundschau (2026).