Bis 2030 fehlen in Deutschland rund 8.200 Hausärzte in Vollzeit – eine Versorgungslücke, die sich in ländlichen Regionen bereits heute spürbar auswirkt. Eine im März 2026 veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt jedoch einen konkreten Ausweg: Wenn qualifizierte Gesundheitsfachkräfte wie Medizinische Fachangestellte oder Pflegefachpersonen mehr Aufgaben eigenständig übernehmen, könnten Hausarztpraxen rechnerisch fast zwei Drittel ihrer ärztlichen Arbeitszeit einsparen [1].

Ausmaß des Ärztemangels

Jeder dritte niedergelassene Hausarzt ist heute über 60 Jahre alt. Die Kassenbärztliche Vereinigung (KBV) warnt, dass große Teile Deutschlands bis 2030 hausärztlich unterversorgt sein werden. Besonders betroffen sind dünn besiedelte Landkreise, wo Patienten bereits heute 40 Minuten zum nächsten Allgemeinmediziner fahren – oder auf Telemedizin ausweichen müssen. Nachwuchsmangel verschärft die Lage: Viele Medizinstudierende scheuen den hohen Verwaltungsaufwand der Niederlassung [2].

Die Bertelsmann-Studie untersuchte, welche ärztlichen Tätigkeiten rechtlich und fachlich an nicht-ärztliches Personal delegiert werden könnten. Das Ergebnis: 65 Prozent des ärztlichen Zeitvolumens entfallen auf Aufgaben wie Ultraschallkontrollen bei Diabetes, Wundnachsorge, EKGs und Hausbesuche – die allesamt von qualifizierten Fachkräften übernommen werden könnten. Diagnosen und Therapieentscheidungen würden weiterhin beim Arzt verbleiben [1].

Erfahrungen aus dem Ausland

In Großbritannien übernehmen sogenannte Physician Associates bereits viele Routineaufgaben in Hausarztpraxen. In den Niederlanden sind Nurse Practitioners ein fester Bestandteil der Primärversorgung und führen selbstständig Sprechstunden, inkl. Rezeptierung, durch. Die Bertelsmann-Stiftung sieht ähnliche Modelle für Deutschland als realistisch an: Sowohl Ärzteschaft als auch Bevölkerung seien laut Befragung offen für mehr Aufgabenteilung [1].

Für eine Umsetzung wären gesetzliche Änderungen nötig. Der bestehende Delegationsrahmen erlaubt bereits Tätigkeiten wie Blutabnahme, EKG und Blutdruckmessung durch Medizinische Fachangestellte – die Studie plädiert jedoch für eine substanzielle Erweiterung. Das Bundesministerium für Gesundheit hat bisher keinen konkreten Gesetzentwurf vorgelegt.

Quellen

[1] Bertelsmann Stiftung. „Hausärztemangel beseitigen: Nicht-ärztliches Personal sollte mehr Aufgaben übernehmen.“ März 2026. bertelsmann-stiftung.de

[2] ZDF Heute. „Bis 2040 drastischer Ärzterückgang auch im Westen.“ 2026. zdfheute.de